Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 37 (10.5.1894)
- Date
- 1894-05-10
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXV. Jahrgang. Zweite Beilage jn M 37 des „Israelit“. Zeitungsnachrichten nnd Correfpon-enze« Deutschland. Berlin. Es ist noch in Erinnerung, in welch' gehässiger Weise vor einigen Monaten seitens der antisemitischen Presse ein Reklamegedicht ausgebeutet worden, welches — nach ihren Angaben — ein jüdischer Kletderhändler im Südosten Berlins unter der Firma „Kleiderbaron" in Tausenden von Exemplaren verbreitet haben sollte. Trotz der sorgfältigsten Ermittelungen des Polizeipräsidiums und trotzdem antisemitische Blätter einen Aufruf um Einsendung dieses Reklamegedtchtes erließen, konnte nicht ermittelt werden, daß ein derartiges Gedicht überhaupt jemals, geschweige denn von einem jüdischen Kleiderhändler, verbreitet worden sei. Man hat es hier also mit einer bösartigen Erfindung zu thun, durch welche gegen die Juden aufgereizt werden sollte. Der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hielt sich verpflichtet, gegen zwei von den antisemitischen Preßorganen, welche die gu. Notiz, verbunden mit gehässigen Ausfällen auf die Juden veröffentlicht haben. Strafantrag wegen groben Unfugs zu stellen. Der Erste Amtsanwalt lehnte aber das Einschreiten mit Rücksicht darauf ab, daß nach den angestellten Ermittelungen diese erfundene Mittheilung zuerst von der seiner Zeit in Leipzig erschienenen, mittlerweile aber eingegangenen „Neuen Deutschen Zeitung" gebracht und aus dieser in die von den Beschuldigten redigirten Blätter entlehnt worden ist. Unter diesen Umständen wären die Beschuldigten nicht in der Lage gewesen, sich über die Richtigkeit der Nachricht vorher zu informiren. — Die gesammte Presse dürfte diese Entscheidung mit einer gewissen Befriedigung aufnehmen, da wohl angenommen werden darf, daß diese Anschauung nicht blos antisemitischen, sondern auch allen anderen Blättern gegenüber Platz greifen wird. Hannover, 4. Mai. Eine „Größe" der hiesigen Antisemiten, Dr. Schnutz, über dessen Renkontre mit seinem früheren Freund, dem Abg. Leuß, wir vor einiger Zeit berichtet haben, wird jetzt wegen Vergehens im Amte als Direktor des städtischen chemischen Untersuchungsamtes in Hannover von der Staatsanwaltschaft steckbrieflich verfolgt. Äus jüd. Vereinen und Stiftungen. Dem Jahresbericht der Verwaltung der Kuranstalt für arme Israeliten in Bad Süden am Taunus (1893) entnehmen wir: Unsere Bestrebungen waren nach wie vor darauf gerichtet, möglichst vielen Brustkranken Gelegenheit zu geben, durch eine zweckdienliche Kur Milderung resp. Heilung ihrer schweren Leiden zu erzielen. Daß dieser hohe Zweck vielfach erreicht wurde, verdanken wir in erster Linie dem nie erlahmenden Wohlthätigkeitssilln unserer edlen Glaubensgenossen, die uns wie früher auch im vergangenen Jahre ihre Unterstützung nicht versagten. Groß ist aber leider noch immer die Zahl der Unglücklichen, die wir trotz zweifellos schwerer Erkrankung von der Thüre unserer Anstalt weisen müssen, weil unsere Mittel leider nicht ausreichen. Daß in Folge dessen viele arme Unglückliche, denen vielleicht noch zu helfen gewesen wäre, der Verzweiflung in die Arme getrieben werden, dafür tragen einen großen Theil der Verantwortung alle jene, die in der glücklichen Lage sich befinden, helfend Mitwirken zu können, aber aus Gleichgiltigkeit uns ihre Hand verschließen. An die letzteren appeliren wir daher auf's neue unserem Vereine beizutreten und uns bei unserem Liebeswerke ihre Unterstützung zu Theil werden zu lassen. Durch Freifrau W. C. v. Rothschild, deren hochherziger Munificenz unsere Anstalt seit Jahren zu großem Danke verpflichtet ist, wurden uns die Mittel zur Verfügung gestellt, um über unserem Speisesaal neue Wohnräume bauen zu lassen: dadurch wird es uns ermöglicht werden einen großen Theil der Patienten, die bisher aus ihre eigene Rechnung in Privathäusern sich Wohnung miethen mußten, in Zunkunft in der Anstalt selbst unterbringen zu können und dadurch auch unter besserer ärztlicher Controlle zu haben. Von dem schon früher erwähnten Geschenk unseres Ehrenmitglieds, des Herrn M. A. Wolfs, haben wir auch diesmal ausgiebigen Gebrauch gemacht. Im verflossenen Sommer wurde unsere Anstalt von 170 Patienten besucht; noch nie haben wir auch nur annähernd eine solche Frequenz-Ziffer erreicht, und doch mußte ein großer Theil der Bittgesuche wegen Mangel an Platz zurückgewiesen werden. Von diesen 170 Kranken waren 71 Männer, 88 Frauen, 4 Knaben und 7 Mädchen, zusammen 170 Personen. Die Ergebnisse unserer Kuren waren so vortrefflich wie es die kurze Zeit überhaupt gestattet, welche die Patienten bei uns verweilen können- Ausgezeichnete Resultate erzielten wir bei 19 Kranken; gute Erfolge konnte bei 32 Kurgästen verzeichnet werden. Einer erheblichen Besserung erfreuten sich 110 Patienten. Bei einer so beträchtlichen Anzahl Kranken können Mißerfolge nie ausblerben; so wurden denn 8 ungebessert entlassen. Eine Frau in mittleren Jahren wurde uns leider sterbenskrank zugesandt, sodatz sie schon nach 10 Tagen verschied. Deshalb wird die Bitte erneuert, so schwere Patienten nicht mehr aus der Heimath fortzuschicken. Dem Bericht über die Israelitische Gewerbeschule des Ober-Elsaß in Mühlhause« für 1893 entnehmen wir: Unterstützt von unseren Glaubensgenossen, sowie von zahlreichen Philanthropen anderer Confessionen, haben wir in weniger als einem Halbjahrhundert schon hunderten nothbedürftigen jungen Leuten, der Dörfer wie der Stadt, durch das Erlernen eines guten Handwerks und nebenbei, was unentbehrlich dazu gehört, durch einen gründlichen Unterricht in den Stand gesetzt, nicht nur sich selbst ehrlich zu unterhalten, sondern auch die Stütze ihrer unglücklichen Verwandten zu werden. Also gestutzt auf die Vergangenheit, können wir getrost der Zukunft entgegensehen.