Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 36 (7.5.1894)
- Date
- 1894-05-07
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448444--38478-2486587- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Beirut 1× ep/1047833
- Rabat 1× ep/1045497
OCR text
668 die betteln, die nicht ein Stück Brod mehr besitzen. Die Gemeinde bringt große Opfer, um diese Unglücklichen zu unterstützen, aber deren Anstrengungen sind unzureichend. Die wohlhabenden Juden thun ihr möglichstes und man kann nicht mehr von ihnen verlangen. Ich kenne eine Menge von Israeliten, die Möbel, ja ihre Kleider verkauft haben, um Brod zu schaffen. In der Schule wird diese traurige Lage der Dinge natürlich empfunden, wir haben für die bedürftigen Kinder eine unentgeltliche Mahlzeit eingerichtet. Am 28. Februar hielt mein Hilfslehrer, Herr Bensimon, seine Unterrichtsstunde ab, als seine Aufmerksamkeit durch die auffallende Blässe eines Schülers erregt wurde. Herr Bensimon fragte ihn nach der Ursache; das arme Kind vermochte die Thränen nicht zurück zu halten und sagte, daß es zu Hause kein Brod mehr gäbe, und es seit 24 Stunden nichts genoffen habe. Der tiefgerührte Bensimon gab ihm ein Geldstück, welches das arme Kind schleunigst gegen Brod vertauschte. Am nächsten Tage verloren zwei durch den Hunger geschwächte Zöglinge das Bewußtsein mitten im Unterricht. Diese schmerzlichen Thatsachen ließen mich der Sache aus den Grund gehen, und ich constatirte, daß 25 unserer Zöglinge sich in dem elendsten Zustande befanden. Ich beschloß ihnen sogleich zu helfen, und wandte mich auch an die Notablen der Gemeinde, damit sie eine Sammlung eröffnen, um Brod zu schaffen für unsere Kinder. Mein Aufruf war nicht vergeblich, und Dank der gemeinsamen Unterstützung können wir unseren Zöglingen eine tägliche Mahlzeit verabreichen. Das Central - Comite hat eine bedeutende Summe vottrt, um augenblicklich unter die bedürftigsten Familie von Fez vertheilt zu werden. Außerdem ist den eingeborenen Lehrern der Schule, deren Gehälter sehr gering sind, ein Credit bewilligt worden. Auch der Gemeinde von Rabat, die gleichfalls unter der Hungersnoth 'zu leiden hat, hat das Comittz eine Unterstützung gewährt. vermischtes. Schlüchtern, im April. Ich habe Ihnen heute von einem traurigen Ereignisse, welches nicht nur die nächste Familie, sondern unsere ganze Gemeinde betroffen, Mittheilung zu machen. J’ty* 3’P ‘2 “iann ist nicht mehr. .ij\ry Dtyn rD« ua? nn rvn m Gewiß wird diese Nachricht bei Freunden und Bekannten, sowie bei allen, die auch nur vorübergehend in unserer Gemeinde weilten, schmerzlich empfunden werden. Denn weit über unsere Grenzen hinaus ist der ID uw, welcher sich bei dem Verblichenen in des Wortes schönster Bedeutung zu einer herrlichen Krone gestaltete, ein unverbrüchliches Denkmal, welches sich der Brave in den Herzen aller sich geschaffen hat. Hiervon legte auch die Beerdigung ein beredtes Zeugniß ab. Ein unabsehbarer Zug bewegte sich am Sonntag durch die Straßen des Ortes, wie ihn die Gemeinde nur selten gesehen hat. Der Verstorbene war ein DD IP’N ein Mann des biedersten Charakters und der ehrlichsten Sinnesart. Der Verklärte führte allezeit bis zum letzten Athemzuge ein würdiges und frommes Leben, einen Wandel in Gott, vorbildlich nicht bloß für feine Familie, sondern auch für alle, die ihn kannten. Mit dem Thorastudium begann und schloß er jeden seiner Lebenstage. An ihm bestätigte sich das Wort: nm D»oan? "?yi rra “rra □rran nw NDxa nnw mm "isya pjxnü. So hat er auch als ]*n in der n^np die Herzen aller zur Andacht zu stimmen verstanden und es war wahrlich ein Genuß, wie der Verblichene noch als Greis von 81 Jahren am verflossenen msa dv die nv?sn recitirte. — Er ist uns nunmehr entrückt, aber sein Andenken wird bei uns allezeit in Ehren bleiben. Diese Gedanken fanden auch am Grabe Ausdruck durch die Worte des Herrn Lehrer Schwarzschild, welche allgemeinen Beifall fanden. Ferner sprach der Sohn des Verstorbenen rührende Worte des Abschiedes. rrasun Wien, 15. April. (Die israelitische Cultusgemeinde beim Bürgermeister.) Gestern Vormittags beglückwünschte eine unter der Führung des Präses Gemeinderath Gustav Simon stehende Deputation der israelitischen Kultusgemeinde den Bürgermeister Dr. Grübl zu seiner Wahl. Jerusalem, 9. April. Die Eisenbahn-Gesellsch. Jaffa- Jerusalem hat ihre Zahlungen einstellen müssen. Am 21. August 1892 kam die erste Lokomotive mit einigen Wagen in Jerusalem an; sie erregte das Staunen des Volkes, welches in Schaaren zum Jaffathore hinaus in der Richtung nach Bethlehem zog, um das Wunder zu sehen. Die Muhammedaner erklärten das schnaubende, Waffer spritzende, pfeifende und Qualm ausströmende Ungethüm für ein Werk des Satans. Die Bahn kam jedoch erst am 26. September 1893 wirklich in Betrieb; jeden Tag ging ein Zug von Jaffa nach Jerusalem und einer in umgekehrter Richtung. Es gab in den Zügen zwei Klaffen von Wagen, die Wagen zweiter Klaffe sind nur für gewöhnliche Eingeborene; doch find die Wagen erster Klaffe auch höchst primitiv; sie bieten keine Bequemlichkeiten, und in ihnen können so viel Personen Platz nehmen, wie es beliebt. So kann es kommen, daß der Aufenthalt darin recht ungemüthlich wird. Kommen vornehme Personen, so werden sie ausgefordert, einen Extrazug zu nehmen. Als im Oktober vorigen Jahres der Präsident des Oberkirchenrathes Geh. Rath Dr. Barkhausen zur Grundsteinlegung der deutschevangelischen Kirche nach Jerusalem fuhr, — so meldete die „Kreuzzeirung" — stellte man an ihn auch das Ansinnen einen solchen zu nehmen. Für den Extrazug wurde eine so hohe Summe verlangt, daß Dr. Barkhausen davon absah und am nächsten Tage mit dem Tageszuge fuhr. Die Eisenbahnfahrt (mit ihren vielen Windungen) dauert von Jerusalem nach Jaffa mindestens 3 Stunden, umgekehrt bergauf von Jaffa nach Jerusalem zwischen 4 und 5 Stunden, während auf der geraderen Straße ein gutbeschirrter Frachtwagen und ein Reiter etwa 6 Stunden von Jerusalem zur Küste Zeit braucht. Von vornherein hat man es vorausgesagt, daß die Bahn nicht rentiren würde, da Jaffa kein Hafen ist und eine oft nicht zugängliche Rhede hat; im Winter können Segelschiffe dort gar nicht ankern. In Jaffa liegt der Bahnhof eine halbe Stunde von der Zollstation entfernt und in Jerusalem ist vom Jaffathore noch ein höchst beschwerlicher Weg, bergauf und bergab zum Bahnhof zu machen. Der Jerusalemer Bahnhof ist gegenüber der deutschen Kolonie. Wenn französische Fachblätter jetzt behaupten, türkische Juden wären an dem Unternehmen am meisten betheiligt, so widerspricht das der Konzession des Sultans. Ein französisches Konsortium hat die Konzession erhalten und eine französische Gesellschaft hat auch den Bau der Bahn von Beirut nach Damaskus (125 Km.) übernommen und eine belgische Gesellschaft den Bau der Dampfstraßenbahn von Damaskus nach dem Hauran. Die Entfernung zwischen Jaffa und Jerusalem beträgt etwa 60 Km., die Bahn ist ungefähr 90 Km. lang. Paris. Der radikale Gemeinderath hatte die Wohnungsentschädigungen für den israelitischen und protestantischen CultuS, die er gesetzlich zu zahlen verpflichtet ist, aus