Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 34-35 (1.5.1894)
- Date
- 1894-05-01
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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I |l M^U Ur jy.'. XXXV. Jahrgang. Dritte Seil, ju M 34 Üus jiib. Vereinen und Stiftungen. Dem Jahres-Bericht für das zweite Verwaltungsjahr der Israelitischen Volksküche. Berlin C., Kloster-Straße 99 entnehmen wir: Die Israelitische Volksküche hatte im vergangenen Jahre schwere Aufgaben zu erfüllen. Nicht nur, daß die Erwerbsfähigkeit der ärmeren Bevölkerung immer schwieriger wird und daß die Verarmung leider immer weitere Kreise ergreift, war auch der Durchzug sowohl der aus Rußland Ausgewiesenen, als auch Derer, die, in der neuen Welt enttäuscht, bei ihrer Rückreise nach der Heimath wiederum Berlin berührten, ein so bedeutender, daß seitens unserer Anstalt in diesem Jahre allein gegen hunderttausend Portionen gratis vertheilt wurden. Die Israelitische Volksküche ist in der That eine Stätte wahrhaft jüdischer Barmherzigkeit; keiner der zahllosen Hungrigen, die bei uns anklopfen, hat unsere Anstalt ungesättigt verlassen. Zunächst sind es arme Familien, die durch andauernde Krankheit ihres Ernährers oder der Hausfrau in Noth gerathen. Solchen Hülfsbedürftigen, soweit sie sich an uns wandten oder soweit uns derarrige Fälle bekannt wurden, haben wir gestattet, für längere Zeit das Essen für die Familie aus dem Hause zu holen. Weiter haben wir unsere Fürsorge armen Studenten zugewandt. Wenn man bedenkt, daß sich hier Studierende aufhalten, die einen monatlichen Ausgabe-Etat von 12 Mk. haben, so kann man leicht ermeffeu, welche Wohlthat diesen Leuten durch einen freien Mittagstifch erwiesen wird. Auch jungen Leuten, die hierselbsr ein Handwerk oder technisches Gewerbe erlernen, sowie jungen Mädchen, die in irgend einem Handwerk sich ausbilden, haben wir unsere Anstalt geöffnet. Ebenso konnten stellungslose Kaufleute und beschäftignngs-- lose Handwerker zeitweise unterstützt und so durchgeholfen werden, bis sie wieder Arbeit oder Anstellung erhielten. Am bedeutendsten indessen waren die Anforderungen der hier durchziehenden Unglücklichen, die im städtischen Obdach in einer Anzahl von mehreren hundert Männern, Frauen und Kindern gastliche Unterkunft gefunden hatten. Da die Weiterbeförderung dieser Leute nach Rußland uur langsam vor sich ging und dieselben nur rituell zubereire:e Speisen essen, so waren wir gezwungen, ihnen das ganze Jahr hindurch, noch bis in die längste Zeit, Essen umsonst zu verabfolgen. Der Besuch unserer Anstalt bleibt andauernd ein sehr reger; derselbe zeigt in diesem Jahre die Zahl 565,866 gegen 536,066 im vorigen Jahre. Es wurden verabfolgt 2004 Portionen ä 25 Pfennig, 50894 Portionen ä 15 Pf. und 142014 Portionen ä 10 Pfennig und in den letzten Monaten sahen wir uns veranlaßt, um im Sinne und Geiste unserer Förderer im Winter zur Bekämpfung der Noth ein Weiteres zu thun, den armen Leuten Mittags und Abends einen großen Napf wohlschmeckender, kräftiger Suppe zum Preise von 5 Pf. zu verabreichen — eine Leistung, die bisher nirgends erreicht worden ist. Ganze Schaarcn Armer strömen daher Mittags hierher, um sich für 5 Pf. zu sättigen. Die Wohlthaten unserer Anstalt werden allen Armen ohne Unterschied der Confession zu Theil. Die starke Inanspruchnahme unserer Einrichtungen auch durch nichtjüdische Gäste, das hiergebotenc Bild der Alles versöhnenden, Alles ausgleichenden^Barmherzigkeit und Menschenliebe, kann, so hoffen wir, nur mit dahin wirken, daß jene häßliche Kluft, & 35 des „Israelit". die in unserer Zeit gewaltsam aufgerissen, allmählich überbrückt wird.*) Die Anstalt ist bemüht, den armen jüdischen Besuchern den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Am Freitag Abend werden Lichter angezündet, wobei ein älterer Besucher den üblichen Segen spricht; ebenso geht kein Feiertag spurlos vorüber. Am Purim-Feste erhielten die jüdischen Besucher eine besondere Freudengabe. Zu einer erhebenden Feier gaben die Seder-Abende Veranlassung, zu denen sich gegen 200 Theilnehmer in gehobener, ernster Stimmung eingefunden hatten; mehrere Ehrendamen waren anwesend, jeder Theilnehmer erhielt J/2 Flasche Wein und mehrere Speisen. Die Feier verlief in würdigster Weise. Während der ganzen Passah-Festtage wurde jedem jüdischen Besucher auf Verlangen Essen gratis verabfolgt. Auch an den übrigen Feiertagen wurden die Armen durch Festspeisungen bedacht. Die verehrliche Armen-Commission der jüdischen Gemeinde benutzte unsere Anstatt behufs Speisung Nothleidender, die an sie herantraten, auch wurde durch deren Veranlassung für die israelitischen Jnternirten der hiesigen Gefangenen-Anstalten während der hohen Feiertage und des Peßachfestes Essen herausgesandt. Was die Verwaltung unserer Anstalt anbelangt, so ist es uns durch besonders rationelle Bewirthschaftung möglich, auf ganz überraschend günstige Resultate hinzuweisen. Denn, obgleich unsere Preise die billigsten sind, haben wir einen BetriebS-Ueberschuß von M. 6960,11 erzielt. Der Einkauf der erforderlichen Materialien ist allerdings unter den möglichst günstigen Verhältnissen erfolgt und ist dabei zu bedenken, daß die Preise der Lebensmittel billige sind. Freilich erforderte der WoylthätigkeitSfond einen Aufwand von M. 11792,20, doch glauben wir, indem wir so Barmherzigkeit üben, im Sinne und Geiste unserer edlen Wohlthäter zu handeln. Zusammen erhielten wir an Geschenken und Beiträgen M. 13,465,25. Dank der thatkräftigen Unterstützung unserer Gönner weist unsere Anstalt trotz ihrer ungewöhnlichen Leistungen einen Vermögensstand von M. 30595,39 auf. Vieles ist geschehen, manches ist erreicht; jetzt heißt es auf der beschrittenen Bahn rastlos vorwärts gehen. Am dringendsten nöthig ist für die nächste Zeit die zeitgemäße Umgestaltung unserer Anstalt. Es soll namentlich dahin gestrebt werden, durch Erweiterung der Räume auch alleinstehenden Frauen und Mädchen und auch den Armen gebildeter Stände Gelegenheit zu geben, die Wohlthat unserer Einrichtungen, unter möglichster Schonung des Gefühls, in Anspruch zu nehmen. Doch diese und andere Aufgaben können wir nur erfüllen, wenn uns die Theilnahme unserer edlen Mitbürger nicht versagt wird, wenn wir durch die rege, opferfreudige Unterstützung wohlthätiger Menschen in den Stand gesetzt werden, den täglich wachsenden Anforderungen der Noth zu genügen. _ Am 9. April tagte im Saale des Brüdervereins in Berlin die diesjährige Generalversammlung der ,Gesellschaft Der V. z. A. d. A. würde sich unserer Ansicht nach ein sehr großes Verdienst erwerben, wenn er gegenüber den antisemitischen Bilderbogen von Glöß in Dresden, die einen Schandfleck im Angesichte der Menschheit bilden, einen Bilderbogen herausgeben würde, aus welchem dargestelltwird, wie Juden und Christen gemeinsam die Berliner Jüdische Volksküche besuchen, um an der jüdischen Wohlthätigkeit Antheil zu nehmen. Red.