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Der Israelit · 1894-04-19 · Heft 32-33 (19.4.1894) · page 39

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 32-33 (19.4.1894)
Date
1894-04-19
Page
– (sequence 39)
Language
German
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schrifctler verhöhnt, sie, die als Nihilisten an der äussersten Spitze der Civilisation zu marschiren wähnten, mussten sich gefallen lassen, als „unmodern“ von ihren Freunden zum alten Eisen geworfen zu werden. Die Juden brauchten sich fürder nicht mehr für fremde Ideale zu begeistern und zu opfern, konnten sie für den eigenen Stamm, für das eigene Volk rühmlich und segensreich wirken und kämpfen. Diese Anhänger alle um die Kolonisations- Idee geschaart zu haben, ist eben eines der bleibenden Verdienste, welche der Kongress zu Kattowitz aufzuweisen hat; er hat sich deren aber noch mehrere erworben. Er hat vor Allem bewirkt, dass diese glänzende Errungenschaft nicht wieder verloren gehe, dass sich in Russland dauernde Institutionen entwickeln konnten, deren segensreicher Arbeit wohl durchdachte, ständige Organisationen zu Grunde liegen, die um so gefestigter erscheinen müssen, als die Staatsregierung sie inzwischen bereits genehmigt und somit gegen alle von dieser Seite gefürchteten Angriffe gefeit hat. So allein vermochten es die „Zionsfreunde“ in Palästina zweit au send jüdische Kolonisten anzusiedeln. Und mehr noch als dies haben wir an dieser Stelle zu verzeichnen. Die köstlichste Frucht vielleicht, welche der Kongress gezeitigt, ist: die Schaffung einer öffentlichen Meinung innerhalb des gesammten Judenthums, die Thatsache, dass der Geist, welcher bis dahin nur die Juden des Ostens beherrscht, auf unsichtbarem Wege über die russische Grenze drang, um auch die westlichen Zweige des jüdischen Stammes zu erfassen. Zunächst zeigte sich diese Erscheinung in den hebräischen Zeitungen. Der Theil dieser Presse, welcher bis dahin gegen die palästinensische zu Gunsten amerikanischer oder sonstiger Kolonisations-Projecte kämpfte, verschwand allmählich, oder ging unter dem Drucke der neugeschaffenen öffentlichen Meinung in das Heerlager der „Zionsfreunde“ über. Bald aber fing das aus Russland strömende unsichtbare Fluidum an, auch die Juden des Westens zu beeinflussen. Am markantesten dürfte es sein, dass in Amerika selbst sich zahlreiche Palästinavereine bildeten, und dass der Palästinagedanke auch in England immer zahlreichere Freunde uud Vertheidiger gewann; hier war es vor Allem die Rabbinerfamilie Adler, sowie Mr. Samuel Mo ntague, welche die Führerrolle übernahmen. In Frankreich gelang es dieser öffentlichen Meinung, einen Mann zu erobern, dessen Eintreten für den Palästinagedanken von weittragenden Folgen für die gesammte Palästinabewegung war: Demselben unfassbaren und unwägbaren Etwas, welches von Russland ausging, dieser jüdischen öffentlichen Meinung erlag in Frankreich schliesslich auch die Pariser ftlliance Israelite; auch sie musste ihre feindselige .'Haltung',* welche'7 sie bis“dahin"der Palästinafrage gegenüber eingenommen hatte, aufgeben uud wenigstens ihrer •Ackerbauschule in Jaffa den Charakter einer jüdischen Kolonie verleihen, und dieselbejvollständig in den Dienst der „Zionsfreunde“ stellen. Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss, welche die in Russland aufgetauchte nnd von da aus immer neue Nahrung säugende öffentliche Meinung auf die Juden in Deutschland ausgeübt hat. Hier sind schon im Jahre 1884 eine Anzahl Palästinavereine entstanden, von denen wir den Verein „Esra“, mit dem Hauptsitz in Berlin und den zahlreichen Fiiialvereinen in vielen anderen Städten besonders erwähnen wollen. Ihnen kam zu Hilfe der., Dr. Ad. Salvendi in Dürkheim a. H., der auch die palästinensischen Kolonien seit 1884 in den Kreis seiner Thätigkeit einschloss. Endlich aber und nicht zum Mindesten war es auch die in orthodoxen Kreisen so einflussreiche „Jüdische Presse“, welche unter Einsetzung der ganzen Autorität des Namens Hildesheimer voll und ganz für die Sache der „Zionsfreunde“ eintrat. Auch die russische Regierung selbst konnte den Wirkungen sich nicht entziehen, welche von dieser Bewegung ausgehen musste. Wir waren bereits im Vorausgegangenen in einem anderen Zusammenhänge bemüht, zu schildern, wie der russische Zweig des jüdischen Stammes ganz und gar erfasst wurde von der palästinensischen Frage, wie diese letztere allmählich einen Charakter annahm, der sie als eine nationale Bewegung, ja, als eine National- Leidenschaft erscheinen lassen musste. Wir haben auch bereits angedeutet, dass diese ganze Erscheinung der russischen Regierung hoch willkommen sein musste; beschäftigte das Kolonisations-Streben doch so ganz und gar die jüdische Jugend und absorbirte Millionen von Intelligenzen, die sonst vielleicht dem Nihilismus zugänglich geworden wären. Wie ganz anders es in dieser Hinsicht aber wurde, mag daraus allein schon hervorgehen, dass „Nihilist4, heute im ganzen Ansiedelungs - Rayon als Schimpfwort gilt, welches kein Jude ruhig hinnimmt. Andererseits besteht doch auch unleugbar die Thatsache, dass die Schreckensherrschaft, welche der Nihilismus im Zarenreiche zu etabliren im Begriffe war, wie mit einem Schlage zertrümmert war, als die „Zionsfreunde“ öffentlich aufzutreten begannen; in dem Masse, in dem sie Anhänger gewannen, verlor die Partei des Umsturzes an Boden. (Fortsetzung folgt.)

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