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Der Israelit · 1894-04-16 · Heft 31 (16.4.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 31 (16.4.1894)
Date
1894-04-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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7 577 III. Malte Fischel, die Mutter Beles, saß in ihrem Stübchen im Lehnsessel neben einem breiten Großvaterstuhle von alterthümltcher Form, der aber leer blieb, denn sein früherer Insasse, der Sofer Anschel Fischel, war schon längst zu seinen Vätern eingesammelt. Ein sehr dürftiges Mobiliar füllte den Raum der Wohnung, östlich hing der Misrach und gegenüber die große, vom seligen Fischel schön geschriebene Jichustafel seiner Familie, die ihre Abkunft aufwärts bis zum großen „Raschi" anzeigte. Die alte Frau betete eben, was man nur an der Bewegung ihrer Lippen bemerken konnte, weil kein Siddur vor ihr lag. Die Arme war erblindet und sie rezitirte die Gcbetstücke aus ihrem treuen Gedächtnisse. Die blinde Malke war eine merkwürdige, in der Khille wohlbekannte Persönlichkeit. Viel der Schmerzensthränen waren ihren Augen entflossen, bevor sie erblindete; einen wackeren Mann und einen einzigen Sohn hatte sie zu Grabe geleitet, und seit ihr Augenlicht erloschen war, betrat ihr Fuß nur dann die Gaffe, wenn eine Trauung vollzogen wurde. Dann ließ sie sich hinführen zum „Bedecken" und sammelte, die Almosenbüchse der „Noschim Zadkonios“ in der Hand, die milden Gaben für die Armuth, welche stets der blinden Greisin reichlich zufloßen. Begleitet wurde sie nur von ihrer ebenso alten Freundin Hendel, die mit besonderer Hingebung und Verehrung an Malke hing. Seit Malkes Auge nicht mehr die Eindrücke der Gegenwart aufnehmen konnte, vergeistigte sich in ihrem Innern die Vergangenheit, und die Reflexe, die daraus hervorstrahlten, waren fortan die Lichtpunkte, an welche sie ihr ganzes Dasein fesselte. Der Schatz von Erfahrungen, den sie in sich trug, schaffte ihr den begründeten Ruf einer klugen Frau, und selten verging ein Tag, an dem nicht Leute sie besuchten, um ihren Rath zu verlangen. Malke war allein, sie hatte die Dienerin weggeschickt, um das Abendessen zu holen, als ein Pochen an der Thür vernehmbar ward. Nachdem es nach einigem Tasten der Greisin gelang, das Schloß der Thür zu öffnen, trat Bele mit dem Kinde auf dem Arm in die Stube. „Gut Schabbes, Mutter", rief sie im Eintreten, und Malke erwiederte den Gruß, fast erschreckt über den so späten Besuch ihrer Tochter, dem, wie sie gleich dachte, nur etwas Bedeutsames zu Grunde liegen mußte. Bele legte den Knaben, der, das Köpfchen auf ihre Schultern geneigt, entschlummert war, vorsichtig auf ein Sopha, schob behende unter den Kopf des Kleinen ihr dickes Tuch; dann wandte sie sich wieder ihrer Mutter zu, und sich bückend ergriff sie in leidenschaftlicher Bewegung die Hand Malke's und küßte sie. „Mein theures Kind", begann Malke, „mein Herz sage mir, daß dir etwas Betrübendes widerfahren ist; du erleichterst deinen Kummer, wenn du mir ihn mittheilst." Ein Thränenstrom, der aus Beles Augen hervordrang, bildete den Vorläufer der Erzählung, welche sie nun den geschilderten Vorgängen gemäß der Mutter mittheilte. „Bele, mein Kind", sagte Malke hierauf zu ihrer Tochter, „ein Weib muß sein, wie ein Bai- Milchome (Soldat) — was immer auf sie einstürmt, sie muß aushalten und festen Muthes bleiben. Was zagst du und weinst? Du hast gehandelt, wie es deine Pflicht war, mehr als der Mann muß einem jüdisch Weib gelten Gott und seine heilige Thora. Wenn das mir sich ereignet hätte, — Gott soll mir die Sünd' verzeihen, — daß ich auf meinen Zadik Oilem, deinen Vater Siehrono liwrocho, gar so etwas denke — ich hält' auch so und nicht Anders gehandelt. Aber mein lichter Stern, mein R.b Anschel, war ein Zadik towiw. Er hat sich nicht blenden lassen von den Schebsen wie, leider Gottes, dein Joffes. Setze dich nieder, mein Kind, und ich werde dir erzählen, wie fest im Glauben dein Vater war, und ich nur ein schwaches Weib gegen ihn." Sichtlich erleichtert durch den Zuspruch der Mutter, setzte sich Bele ihr zur Seite, und nach einer Pause erzählte Malke in feierlichem Tone: „In meinem Leben habe ich keine so betrübte Stunde gehabt wie e mal an einem Freitag — du warst damals noch ein Kind, und dein Bruder Rüben, in Oau-Ldeu is sei lichte Neschome, war schon schwer krank — und Reb Jone Doktor iS g'rad weg gangen, er hat verschrieben e groß Rezept mit vielleicht zwanzig Medikamente. — Ich Hab' gezählt die Paar Groschen, unser ganzes Baargeld, das knapp gelangt hat für die Apotheke, aber nichts is mir dann geblieben zum Einkauf für Schabbes. Leider! mein Anschel hat die ganze Woch' keinen Käufer gehabt aufseine schöneTefillin und Mesuses, über deren Anfertigung er bis tief in die Nacht gesessen ist, — da macht sich auf die Thür, und herein tritt ein fremder Mann, den ich noch nie in der Khille gesehen, und verlangt von meinem Reb Anschel, daß er ihm verkaufen soll die leeren Gehäuse zu den Tefiliin — wie er sagte, für einen 8oter in Bayern. Mein Herz hat schon gepocht vor Freude darüber, daß mein Mann wird jetzt lösen Geld,: zur Bestreitung unseres Bedarfs und daß ich für Rüben werde haben können „gute

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