Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 27 (2.4.1894)
- Date
- 1894-04-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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MYWWWWWW WM WWW?WWWWMW«W°>MMW^ W^IRkljHtll^.H^pW 493 Verfolgungen trugen immer mehr einen lokalbegrenzten, akuten, die jetzige trägt einen allgemeinen schleichenden ausdauernden Charakter. Früher brauchte man Feuer und Schwert gegen die Juden, jetzt, wo die Mittel durch eine starke Regierung gehemmt sind, Lüge und Verleumdung. Eine der verbreitetsten Verleumdungen sei: „die Juden wollen nicht körperlich arbeiten." In der 18. Auflage des antisemitischen Katechismus wird gesagt: die Juden seien Nomaden, haben kein Vaterland, sie bauen und arbeiten nicht selbst, sondern setzen sich wie vor Alters in Städte, die sie nicht gebaut haben und grasen die Weiden ab, die andere angelegt haben. Ackerbau, Handwerk. Kunst sei ihnen fremd- Die semitischen Nomaden der Wüste leben direkt vom Raube. Die hiesigen Juden treiben dasselbe Geschäft in zivilisierter Form. Meine Herren! Ich bitte um Entschuldigung, sagt Dr. Pohlmann! daß ich Ihnen das hier mittheile; aber um den Schmutz zu entfernen, mutz man ihn anfaffen. Es heitzt dann noch weiter: „Der Jude kann und will nicht arbeiten! Die Judeu zum Ackerbau und zum Handwerk anzuhalten, ist vergebt ch. Das heißt nur mit Säuen pflügen!" «Pfuirufe.) Weiter wird gesagt: „Die Juden seien nicht fähig für das, was wir Kultur nennen." — Man muß sich wirklich wundern, wie eine solche Fälschung der Thatsachen immer wiederholt werden kann. Die Absicht liegt zu Tage: man will den ehrlich schaffenden Handwerker und Bauer gegen die Juden aufhetzen. Allerdings begünstigen in Deutschland die thatsächlichen Verhältnisse diese Verleumdung. Es möchte hier fast erscheinen, als hätten die Judenfeinde Recht, als nährten sich die meisten Juden ziemlich mühelos. Bekanntlih sind aber die Christen selbst an diesen Umständen schuld, die ihnen erst in der neuesten Zeit den Weg zu Ackerbau und Handwerk geöffnet haben. Es ist ein Uebermatz von Grausamkeit, wenn ein Unterdrücker dem Unterdrückten die eigene Schuld in die Schuhe schiebt. Nachdem man Jahrhunderte lang den Juden jede ehrliche Arbeit verschloffen hat, ist die Umkehr nicht so leicht. Die Judenfeinde müffen sich vor Verallgemeinerungen hüten und nicht dem ganzen Judenthume zur Last legen, was Einzelne verschuldet haben. Der größte Tbeil der heute in Deutschland lebenden Juden nährt sich nicht durch körperliche Arbeit; das ist wahr! Daß aber die Juden nie und nirgends körperlich gearbeitet haben, daß ist eine Verleumdung! — Ter Redner giebt nun eine statistische Uebcrsicht nach amtlichen Quellen über die Bethnligung der Juden an Handwerk und Ackerbau in Rußland und Rumänien und anderswo. In Rumänien sind alle Handwerke mit Ausnahme des Schmiede- und Zimmermannhandwerks fast vollständig in Judenhänden. Dos steht selbst im Antisemiten-Katechismus! (Heiterkeit.) Dort steht auch, daß die Juden in Rußland alle Handwerke treiben und sich vor keiner schweren Arbeit scheuen! In der Türkei zählt man allein 10000 jüdische Schneider. In Rußland sind 293 509 Juden Handwerker und 89000 Handarbeiter und Tagelöhner und dergleichen (im Jahre 18 7). In Marrokko sind die Juden als Handwerker geschätzt. In Kleinasten ist die Mehrzahl der Lastträger Juden. Dort und anderswo arbeiten die Juden im Schweiße ihres Angesichts. Daß es bei uns anders ist, liegt an den Gesetzen der früheren Zeit. Die meisten Zunftgesetze ließen keine Juden als Gesellen und Lehrlinge zu. Erst 1848 wurde dies aufgehoben. Seit diesem Jahre entstanden in Deutschland 39 jüdische Vereine zu dem Zweck: die Juden dem Handwerk und Ackerbau zuzuführen. (Hört. Hort!) Der Berliner Verein hat seit 1892 93 Lehrlinge untergebracht, der Kölner in demselben Jahre 80, der Wiener sogar 1200! Erst hat man die Juden von ihrem Baterlande geriffen und dann nahm man ihnen die Gelegenheit zur Arbeit, zwang sie durch engherzi e Gesetze zum Schacher und nun wirft man ihnen in Glaubenswuth so etwas vor! Man wollte sie zu einem Volk von Schacherern! erniedrigen. Umsomehr verdienen die Bestrebungen der I Juden: sich wieder der Arbeit zuzuwenden, Hochachtung und Bewunderung. Der gesetzlichen Gleichberechtigung entspricht nicht die thatsächliche Gleichberechtigung; denn jüdische Lehrlinge und Gehilfen werden vielfach angefeindet seitens der Mitarbeiter. In Naffau giebt es 500 jüdische Familien, die sich mit Ackerbau beschäftigen. Aber die antisemitische Bewegung vertreibt die Juven auch vom Ackerbau. Auf dem Lande ist die Wirkung der Verleumdung größer als in der Stadt, und um den ewigen Nörgeleien und Hänseleien zu entgehen, verlaßen endlich die Juden ihre Scholle und ziehen in die Städte; nicht um ihrer selbst, sondern mehr um ihrer Kinder willen. In Galizien giebt eS 60,000 jüdische Ackerbauer und selbst in Rußland, wo die Juden noch keinen Grundbesitz erwerben dürfen, haben sie mit besonderer Erlaubniß 30 Kolonien gegründet. Auch in Palästina bestehen 18 blühende Niederlassungen. Die Behauptung des Antisemitenkatechismus: der Jude habe stets nur von Schacher und Wucher gelebt, ist eine der unverschämtesten Lügen und eine ungeheuerliche Dreistigkeit! Für was für ein Publikum müssen solche Verleumdungen berechnet sein! Der Redner belegt seine Behauptungen mit Stellen des JosephuS sowie mit Bibelftellen. In den Sprüchen SalomoniS ermahnen zahlreiche Sentenzen zur Arbeit und die Verheißung Moses (5. Mos. 7) könne sich nur aus Ackerbau und Viehzucht, nicht aber auf Handel beziehen Er schließt diesen Theil des Vortrages mit dem Ruf: Wer t.otzdem noch das Gegeniheil behauptet, der ist ein Lügner oder ein Narr! (Beifall.) Die Judenhaffer würden übrigens auch nicht zufrieden sein, wenn sämtliche Juden Handwerker und Ackerbauer würden. Dann würde man auch über die Konkurrenz klagen. (Sehr richtig.) Die Erfolge der Juden auf allen Gebieten beruhen auf ihrer Arbeitsamkeit, Nüchternheit, Sparsamkeit und Energie. *) Vor allem giebt ihnen die Mäßigkeit einen bedeutenden Vorsprung vor den in vielen Gliedern der Völlerei verfallenen Germanen. Sehr häufig liege die Schuld am Niedergange des Einzelnen, die man den Juden in die Schuhe schiebt, an der Schnapsflasche. Die Klage über die Konkurrenz der Juden entspringt dem Neid und der Mißgunst über die jüdische Thatkraft. (Sehr wahr!) Ist die Lüge widerlegt, als wollten die Juden nicht körperlich arbeiten, so gälte es noch, die zweite Behauptung zu bekämpfen, als sei die Handelsthätigkeit nicht anstrengend. Vom armen Schacherer, der unermüdlich bei jedem Wetter den schweren Packen von Dorf zu Dorf trägt, bis zum Viehhändler auf der Landstraße und zum Kaufherrn im Laden haben sie alle nicht nur bedeutende körperliche und geistige Anstrengungen, schwere Sorgen, sondern, wenn sie zu etwas kommen wollen, auch empfindliche Entbehrungen zu tragen. Dabei ist es ein Jrrthum, zu glauben, die Juden wäre alle reich. (Große Heiterkeit.) In einer rheinischen Bürgermeisterei gäbe es 73 jüdische Familien; aber nur eine wohlhabende sei darunter; die Hälfte sei arm. Die Neigung, den Reichthum eines Mannes in der Nachrede zu vergrößern, treffe übrigens Christen wie Juden; doch stehe der Jude exponierter. Während man aber christliche Männer, die aus armem Stande sich zu Reichthum emporarbeiten, bewundert, erscheine es vielen selbstverständlich, daß der reichgewordene Jude sich unlauterer Mittel dazu bedient habe. Der Redner tritt lebhaft dafür ein, daß auch die geistige Arbeit anstrengend und ehrlich sei. Auch die Kaufleute verdienen ihr Brot in ehrlicher Arbeit. Was wollen die paar Juden sagen, die durch unehrliche Mittel, durch nicht lobenswerthe Spekulationen reich geworden sind. Schwer sei es, Verleumdungen zu widerlegen, leicht, solche auszustreuen. Jedes Kind könne sagen: „Der Jude sei ein Schmarotzer am germanischen Volkskörper!" (Heiterkeit), aber um das zu widerlegen, bedürfe man eines bedeutenden statistischen Materials. Mein Wunsch ist, so *) Der antisemitische „Reichsbote" bemerkt hierzu: DaS ist großentheilS richtig.