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Der Israelit · 1894-03-29 · Heft 26 (29.3.1894) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 26 (29.3.1894)
Date
1894-03-29
Page
– (sequence 17)
Language
German
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m WWWW XXXV. Jahrgang. Imeite Sellage?u M 26 ürs „Israelis. Literarische Werichte. Das rothe Gespenst beleuchtet von Otto Range. Verlag von Robert Lutz, Stuttgart. M. 1.50. Zu den wenigen Lichtpunkten in dem häßlichen Bilde der politischen und wirthschaftlichen Kämpfe unserer Gegenwart, rechnen wir die Erscheinung, daß die Erkenntniß von dem wahren Inhalte des Antisemitismus sich immer mehr Bahn bricht. Wir meinen hier nicht den Umstand, daß die Entröe- Vorstellungen der antisemitischen Agitatoren und Volksredner sich nicht mehr so zugkräftig erweisen als früher, sondern die Thatsache, daß seit Jahresfrist keine volkswirthschaftlich zu nennende Broschüre — geschweige denn ein Buch! — erschienen ist, welche noch für den Antisemitismus als soziales Heilmittel einzutreten wagte. Man kann dabei keineswegs behaupten, daß die Neigung für uns Juden zugenommen habe, wohl aber hat die wachsende Einsicht in die Natur unseres wirthschaftlichen Nothstandes zu der Erkenntniß geführt, daß dessen Ursachen in der Vertheilung des Besitzes, in der Art der Produktion, nicht aber in der Confession der Kapitalisten und Producenten wurzeln. So scheint es auch dem Verfasser der oben erwähnten Broschüre ergangen zu sein, der keineswegs zu den Jadenfreunden pur et simple gehört; um so beachtenswerher erscheint es, wenn derselbe zu dem Schluffe kommt, daß die antisemitische Bewegung keinerlei Zukunft habe, sondern in Nichts zerfließen werde. Eingeschaltet sei hier, daß die Broschüre selbst sich mit einer Würdigung der Sozialdemokratie beschäftigt, der Verfasser aber dieser Partei nicht angehört. Ein 15 Seiten umfassendes Kapitel ist dem Antisemitismus gewidmet. Mit beißendem Spotte wird geschildert, wie der Antisemitismus jedes Uebel von den Juden abzuleiten versucht, und wenn der Stammbaum der Schuldigen gar keine Beziehung zu Juden aufweisen will, dteUebelthäter wenigstens für „verjudet" erklärt und so auf alle Fälle das creclo rettet. Eine Analyse der Antisemiten nach dem Grunde ihres Vorurtheils enthält manche treffende Bemerkung und zeigt, daß der Verfasser mitten im praktischen Leven steht. Ferner ist nur zu richtig, was über die demoralistrende Wirkung der antisemitischen Agitation in Bezug auf das Rechtsgefühl gesagt wird. Wie wir schon erwähnt, gehört der Verfasser keineswegs zu den Judensreunden und er fühlt sich daher natürlich verpflichtet uns Juden ein paar gute Rathschläge zukommen zu lassen. So dankbar wir ihm für seine unverkennbar gute Absicht sind, so können wir jene doch nicht acceptiren. Wenn er uns auffordert, gegen die schlechten Elemente in unseren eigenen Reihen rücksichtslos vorzugehen, so sollte er sich doch vorher erst informiren, ob dies nicht bereits mit aller Energie geschieht! Wenn wir es für richtig halten unsere schmutzige Wäsche in der Familie zu waschen, so zwingt uns dazu vor allem die schöne Gewohnheit der antisemitischen Presse jedes Vergehen eines einzeln en Juden monatelang in den schönsten Variationen als Beweis für die Schlechtigkeit der Juden breitzutreten. Wenn uns ferner gerathen wird, „jene unbestimmte Rassenabneigung vieler Deutschen, durch ernste Selbstprüfung, energische Selbstzucht und Anpassung an das Germanenthum zu überwinden", so müssen wir gestehen, daß wir uns unter diesen schönen Dingen hier, in diesem Zusammenhänge gar nichts denken können. Was sich der Verfasser gedacht hat, erhellt der Nachsatz: „Warum verlegen die Juden z. B. ihren Sabbat nicht auf den Sonntag?" Mit Verlaub, Herr Range, was hat der Sabbat, der uns das Grundgebot unserer Religion ist; was hat unser Glaube mit unsren staatsbürgerlichen Rechten zu thun, so weit er uns nicht an deren Erfüllung hindert? Mit vielleicht unbewußter Richtigkeit spricht der Verfasser von einer „unbestimmten Rassenabneigung" gegen uns Juden. Das schließt schon ein, daß es hiergegen kein Heilmittel gibt, denn eine unbestimmte Abneigung ist durch kein Entgegenkommen zu besiegen. Wie wenig die Verlegung des Sabbat's auf den Sonntag — wenn dieser Vorschlag für uns diskutirbar wäre — von praktischem Einfluß sein würde, zeigt am besten der Umstand, daß die sogenannten „Reformjuden" von den Antisemiten vielleicht noch mehr gehaßt werden, als die Juden, welche dem Glauben ihrer Väter treu blieben. Ein weiterer Vorschlag des Verfassers: „Man lasse über die Ost- und Südostgrenze keine Juden mehr in's Land", beruht auf völliger Unkenntniß der Verhältnisse. Die Zahl der Juden im deutschen Reiche ist nach der amtlichen Statistik relativ im Abnehmen, trotz em sie nach den Mortalitäts- und Geburtsz ffern steigen müßte. Es beweist das, daß die Auswanderung die Einwanderung bedeutend übersteigt. Wenn also alljährlich auch ein paar Tausend Juden aus Rußland herüberkommen, so handelt es sich hier um die unglücklichen Opfer

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