Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 23 (19.3.1894)
- Date
- 1894-03-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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m XXXV, Jahrgang. Beilage ju M 23 Des „Israelit". »mrmwi iiiij»nijMo«j^WMaB«Mwwa««wa»iw»w»j^»»,. *^r*ata_ Leitender Artikel. Ein judlscher Dichter. Wien, 16. März. Nahe der äußersten Grenze des menschlichen Lebens, im 86. Lebensjahre, verschied am 12. d. M. plötzlich der Dich-er Ludwig August Frankl, nachdem er noch den Vormittag mit literarischen Arbeiten in bester Stimmung zugebracht hatte Zweiundsechzig Jahre ist Frank literarisch thätig gewesen, denn so lange ist es her. daß seine erste größere Dichtung, das „Habsburglted" erschien. Der Erfolg war ein großer, denn der jugendliche Verfasstr, bis dahin ein gänzlich unbekannter Student, errang durch dies Erstlingswerk sofort ein? literarische Stellung. Rasch folgten die „Epischen und lyrischen Dichtungen" und die „Sagen aus dem Morgenlande", dann 1836 der „Christoforo Colombo“. Der junge Poet hatte inzwischen auch fleißig Medicin fiudirt und in Padua den Doctorhul erlangt. Allein der Dichter in ihm überwog den Arzt weitans. Den Berufdem seine Universitäts-Studien gegolten, hat er nie ausgeübt. Es widerstrebte feiner dem Schönen zugewendeten Natur. Seine Lchr- und Wanderjahre in Italien, an welche er stets mit dankbarer Freude zurückdachte, hatte er mehr den Museen, als den Spitälern gewidmet. Als er nach Wien zurückkchrte, bot man ihm die Stelle eines Secretärs der jüdischen Cultusguneiude. Er bedurfte dessen und nahm an. Weit mehr als vierzig Jahre hat er treulich in der Seitenstettengasse dieses Amtes gewaltet, ohne die Poesie zu vernachlässigen. Nach einander erschienen: „Rachel", „Don Juan d’Austria“, „Ein Magyarenkönig", die Uebersetzungen serbischer Nantionallteder unter dem Titel „Dusle“, die „Hebräischen Elegien". Tief und weit wirkte Frankl durch die von ihm redigirten „Sonntagsblattcr". Sie waren nach dem einstimmigen Urthetle aller Zeitgenossen das beste literarische Organ, welches Wien im Vormärz besessen. Sechs Jahre lang (1842 bis 1848) bildete das von Frankl mit Umsicht und Unparteilichkeit geleitete Blatt den Mittelpunkt aller anerkannten wie der aufstrebenden poetischen Kräfte Deutsch-Oesterreichs. Das Verdienst, welches sich Frankl dadurch erworben, ist heute vielfach vergessen. Damals, unter der vormärzlichen Censur, ein literarisches Organ zur Bedeutung zu bringen, war an und für sich eine schwere Leistung. Frankl that noch mehr: Dutzende von Wiener Schrifstellern haben in den „Sonntagsblättern" ihre ersten Versuche veröffenlicht, sind durch ihn ermuntert und gefördert worden. Die stärkste Popularität hat Frankl durch jenes Gedicht erlangt, das nach dem Märzsturm von 1848 als erstes censurfreies Blatt in Wien gedruckt ward und in vielen Tausenden von Exemplaren über ganz Oesterreich und weit hinaus nach Deut« schland flatterte. Es war eine Improvisation, aber eine überaus glückliche. Die ganze Begeisterung jener Tage weht in dem Liede, das unvergessen geblieben ist bis heute und also beginnt: Was kommt heran mit kühnem Gange? Die Waffe blinkt, die Fahne weht; Es naht mit Hellem Trommelklange Die Universität! Wenn gegenwärtig die Studenten, die Nachkommen Jener, die vor 46 Jahren für die Freiheit geschwärmt und geblutet, im Antisemitismus schwelgen; wenn sich gerade die Burschenschaften, die den nationalen Gedanken hegen und pflegen, darin gefallen. den College« zurückzustoßen, weil er Jude ist, so mögen sie dessen eingedenk sein, daß der Poet, welcher das hohe Lied der Wiener Studenten von 1848 gesungen, den blauen Rock und den Calabreser der akademischen Legion als eines ihrer ältesten Mitglieder getragen und am 6. October eine Wunde erhalten — auch ein Judo gewesen. In den Fünfziger-Jahren begab sich Frankl im Aufträge der Frau Elise Herz-Lämel nach Jerusalem, um dort eine von dieser Dame gegründete wohlthätige Stiftung einzurichten. Seine Reise, die sich auf einen größeren Theil des Orients, auch auf Griechenland erstreckte, beschrieb er in einem mehrbändigen Werke. In die spätere Lebenszeit Frankl's fallen seine besten Dichtungen, der „Primator" und die „Tragischen Könige". Der Vorstand der Prager Judengemeinde unter Rudolf II., dessen furchtbares Ende er in erschütternder Weise schildert, war sein eigener Vorfahr. Vor etwa zehn Jahren veröffentlichte Frankl eine Gesammtausgabe seiner Dichtungen, denen der Achtziger noch einen Band „Episches und Lyrisches" folgen ließ. Ja vor wenigen Wochen schickte er seinen Freunden ein Gedicht „Chraft", in dem er wehmüthig seinen jüngsten Besuch in der Vaterstadt schildert und Abschied von ihr nimmt. Der trauervolle Scheidegruß an die Heimath und das Elternhaus ist nun zum Vermächtniß für die Freunde geworden. Thättg blieb Frankl bis zum letzten Augenblicke, schriftstellerisch und ander-