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Der Israelit · 1894-03-08 · Heft 20 (8.3.1894) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 20 (8.3.1894)
Date
1894-03-08
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XXXV, Jahrgang. Zweite Beilage ju M 20 des „Israelit". Leitender Artikel. Marco Mortara. 111. Als Nachfolger des Rabbiners Jacob Cafes, der ebenfalls der Schule und Richtung Luzzato's angehört hatte, durfte Morlara die Hoffnung hegen, in Mantua einen ergiebigen Boden für sein Re form-Judenthum, wie er es plante, zu finden. Wählte doch die Gemeinde schon damals eine Anzahl von reichen Mitgliedern, die sich nicht scheuten, öffentlich am Sabbat, selbst innerhalb des Ghetto, zu rauchen! Da mußte es doch leicht sein, ein biblisches Judenthum einzurichten, welches mit einer gewissen Auswahl von solchen rabbinischen Doctrinen, die in der talmudischen Zeit die halachische Sanction nicht erhalten hatten, zu verbrämen, um dieses neue, für den Gründer eigentlich das alte, Judenthum vom Karäismus zu unterscheiden. Aber Mortara harte sich in seiner Hoffnung getäuscht. Denn kann auch eine Reformbewequng des Gedankens L'vLüb'V entbehren, so braucht sie doch immer thätige Theilnahme, die von einem gewissen Interesse und Eifer hervorgerufen werden muß. Dies war aber in Mantua längst nicht mehr vorhanden — an die Stelle war der Jndisferentismus gegen alles, was die lebendige Bethätigung der jüdischen Lehre durch das praktische Leben betrifft, getreten. Die noch am Positiven festhielten, zogen sich Zurück und fanden in den einzelnen Gotteshäusern ihrer verschiedenen Riten den Mittelpuukt für das religiöse Leben. Die Mehrzahl aber hatte kein Interesse mehr, dieses oder jenes aus der Werkstätte der Reform zur Verwirklichung zu führen. Das Interesse für die Gemeinde zeigte sich nur noch in der reichen Hergabe von Mitteln, um die Institutionen und Anstalten der Wohlthätigkeit auf solider Grundlage zu erhalten. Selbst auf dem Gebiete der Schule war für den spezifischen Religions-Unterricht keine Theilnahme zu erwecken. Mortara hatte ein dreitheiliges Religionsbuch verfaßt, den Stoff in die geeignetste katechetische Form gebracht — und das Resultat war nach seinem eigenem Geständnisse, das er mir gegenüber vor Jahren ablegte, daß kein einziges Kind mehr hebräischen Unterricht genieße. Mortara beschränkte sich daher meistens auf die Theorie für seine reformatorischen Pläne. Er schrieb eine große Anzahl von Artikeln für die jüdischen Zeitschriften, in denen er die Prinzipien der Reform für den Cultus und die religiösen Einrichtungen erörterte, ohne sie selbst für die Praxis innerhalb seiner Gemeinde zu der- I werthen oder verwerthen zu könn'n. Nur einmal I unternahm er es, hierin einen öffentlichen Schritt zu thun, mit dem er aber vollständig verunglückte. Im Jahre 1854 erließ er in Gemeinschaft mit seinem Hilfsrabbiner Salomon Nissim ein hebräisches Circular an sämmtliche jüdischen Gemeinden des In- und Auslandes, die Ansichten für oder gegen die Aushebung des zweiten Festtages kundzugeben. Viele jüdische Handelstreibende drängten auf die Aufhebung, welche die Rabbiner in der allernächsten Zeit nicht mehr werden zurückhalten können; daher mit Rücksicht schon auf den bevorstehenden Peßach eine schleunige Antwort dringend nothwendig sei. Dieses Rundschreiben ist in der Zeitung des Judenthums 1854, S. 131 abgedruckt*) und der damalige Redacteur, Dr. L. Philippson, konnte mit einem gewissen Selbstbewußtsein auf „unsere Antwort" Hinweisen, die in den Protocollen der 3. Rabbiner-Versammlung enthalten ist, nach welcher der zweite Festtag in unseren religiösen Urkunden keine Begründung mehr für unsere Zeit habe" u. s. w. So leicht aber, wie es die jüdischen Geschäftsleute Mantua's wünschten, führte doch nicht dieses Circular zu einem zustimmenden Votum der Gemeinden, von denen der allergrößte Thetl mit Protest solches Ansinnen zurückwies. Zwanzig Jahre später hatte ich Gelegenheit, Mortara auf jenes Circular hinzuweisen und hieran die Frage zu knüpfen, wie es denn mit der Feier des ersten Festtages in der Gemeinde bestehe. Mit einem Seufzer beantwortete er stillschweigend, aber bedeutungsvoll die an ihn gerichtete Frage. Man muß überhaupt von Mortara sagen, daß er in den späteren Jahren zu der Erkenntniß gekommen war, daß nicht im Etnreißen, sondern im Aufbauen die richtigste Reform für den religiösen Zustand einer Gemeinde bestehe. Für seine Gemeinde mußte er allerdings den Plan sowohl für dieses als für jenes aufgeben. Man liebte ihn, man verehrte ihn, aber man hörte nicht auf ihn. Er zog sich in seine Studierstube zurück und fand hier die Befriedigung, die ihm in seinem eigentlichen Berufe versagt war. Nur noch einmal trat er offensiv auf; bei der Veranlassung hierzu müssen wir ihn still und heimlich belauschen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzeu. Deutschland. Mainz. In Nr. 7 des Israelit wurde in einem Literarischen Bericht auf eine soeben erschienene Schrift aufmerksam gemacht, injn -on von *) Auch in dem Werke D’"in, welches im vorigen Jahre in Salonichi erschienen ist, mitgetheilt.

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