Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 20 (8.3.1894)
- Date
- 1894-03-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. M 20. Der Israelit. Ein Gentrak-Hrgan für das orthodoxe Iudenlhum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, de« 8. März 5654 (1894). Leitender Artikel. Moderne Märtyrer. (Schluß.) Mainz, 7. März. Wir müßten fürchten den Eindruck dieser Dokumente abzuschwächen, wenn wir einen langen Commentar daran knüpften. Ueberdies reden die selben eine so nachdrückliche Sprache, bricht durch die vorsichtig gedämpften Worte doch hin und wieder die unterdrückte Empörung über die den Schreibern angethane, unverdiente Schmach, der Schmerz über die unbedachterweise den unschuldigen Armen der hl. Stadt zugefügten Schädigungen so impulsiv hindurch, daß jedes Wort der Charakterisirung überflüssig erscheint und wir auch von der Mittheilung zahlreicher, von anderer Seite uns zugegangenen Berichte über jenen Vorgang um so eher absehen können, als sie lediglich das von den Rabbinern Gesagte bestätigen. Ja selbst von einer dem „Lemaan Zion" sehr nahestehenden, durchaus kompetenten Seite ist uns eine Darstellung des Falles zugegangen, die mit der unsertgen sich fast wörtlich deckt. Nur auf einen wesentlichen Punkt sei darum hier noch hingewiesen, der bei Beurtheilung palästinensischer Angelegenheiten selbst an berufenster Stelle nur allzuoft außer Acht gelassen wird. Der Boden Jerusalems ist nicht der Parquettboden Pariser oder Berliner Salons. Es mag sicherlich recht unterhaltend und vielleicht auch recht angebracht sein, im Gefellschaftssaale oder in der Versammlung begeisterter Genoffen und äito Genosinnen für Zion zu schwärmen — zumal, wenn man den Tischoh-beaw als Fasttag gestrichen hat. Es hört sich ferner gut an und erregt eine gewisse wehmuthsvoll-freudige Weltschmerzstimmung, wenn über den Mangel an nationalem Empfinden in den weitesten Kreisen des Judenthums Raisonnements gehalten werden und der Bruder dem Bruder ins Auge blickend, sich durchströmt fühlt von der angenehmen Sensation der bewußten Zugehörigkeit zu dem großen Weltbünde „Jung-Jsraels". Es macht sich endlich wunderschön, wenn dort im Sinne des Leitartikels des Herrn Ben Jehuda darüber einige Thränchen fließen, daß die alten Rabbiner den armen Namensvetter jener Nationalheiligen, Juda Makkabt, in dem Al Hanissim-Gebete ganz und gar nicht erwähnt haben — vermuthlich, weil auch sie als Chalukarabbiner jenem, der Zionist und anständiger Mensch war, grollten. Der müßte ein verbissener Menschenfeind sein, der derartige scherzhafte Veranstaltungen anders als mit gutem Humor genießen wollte. Aber diese Scherzsptele nehmen eine ganz andere Gestalt an, wenn sie auf den Schauplatz verlegt werden, auf welchem die Jntereffensphären aller modernen Culturvölker Zusammentreffen, wo wider der Veranstalter Willen der komische Ernst, mit dem sie sich bis dato anbegeisterten, sich in wirklichen Ernst verwandelt. Wenn weniger als ein Hauch-genügte, um die aus Gründen der höheren Politik mißtrauischen türkischen Behörden zu einer Güter- und Einwanderungssperre zu bestimmen, ist dann für nationaljüdische Harlekinaden ein Platz? Wir stehen nicht an, zu bekennen, daß die Aufforderung jenes Artikels, „ein Heer zu sammeln und nach Osten zu ziehen", nichts Anderes ist, als der in's Hebräische übersetzte phrasengeschwollene Nationaljargon; aber kann man im Ernste von dem türkischen Pascha verlangen, daß er diese Pappenheimer, die ja gar nicht seine sind, so gut kenne, um die ganze Leere ihrer Wortdrescherei zu verstehend Nein, kein auch nur halbwegs mit den Verhältnissen Vertrauter wird die Verpflanzung zionistischer Jdeenkreise in das hl. Land anders denn als ein Spiel mit der Lunte am Pulverfasse beurtheilen. Nicht der Kampf Ben Jehuda's gegen die Chaluka — der allenfalls als Symptom seines blinden, die Verhältntffe nicht berücksichtigenden Eigendünkels