Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-03-05 · Heft 19 (5.3.1894) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 19 (5.3.1894)
Date
1894-03-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448430--38099-2486194
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

345 Allenthalben sei man bemüht, die Prozedur des Abschlachtens der Thiere so wenig qualvoll als möglich zu gestalten, und es sei mit Freuden zu begrüßen, daß auf dem im Herbste d. I. zu eröffnenden städtischen Schlachthofe Einrichtungen für das Schlachten sämmtlicher Thierarten sowohl im allgemeinen als im besonderen für den israelitischen Ritus getroffen seien, welche als die besten in ihrer Art zu bezeichnen sind und der Humanität im vollsten Sinne des Wortes Rechnung tragen. Siegen, 23. Febr. Am 26. d. Mts. beginnen vor der hiesigen Strafkammer die Verhandlungen gegen die ungetreuen Beamten des vor ca. 6 Monaten verkrachten Siegener Bankvereins. Die Anklage lauter auf Betrug, Unterschlagung, Verschleierung der Bilanz, betrügerische Speculationen 2C. Wie allgemein verlautet, datirt die verbrecherische Thätigkeit des Directors Brüggemann schon aus dem Jabre 1886, wo der damalige Kasstrer Grimm eine Unterschlagung desselben von ca. 1000 M. dem Verwaltungsrath nachwies, dafür aber — trotz Zugeständniß des Brüggemann — entlassen wurde, weil nach Ansicht des Verwaltungsrathes „ein gedeihliches Zusammenwirken beider Beamten ausgeschlossen erscheine". Beschwerden, bezw. Denunciation, von Grimm gegen Brüggemann beim Staatsanwalte eingelegt, hatten negativen Erfolg, und so nur ist es möglich geworden, daß die Katastrophe in solcher Größe — es handelt sich um den Verlust eines Aktienkapitals von über 3 Millionen Mark — zum Verderben des Siegerlandes hereingebrochen ist. Der größte Theil des veruntreuten Geldes soll in Getreidespekulationen aufgegangen sein, in welcher Branche der Mitangeklagte Franz, eine Säule des Stöckerthums, hervorragend ihätig war. Dem früheren Rechnungsrevisor Schröder, der neben dem der Beihilfe zu dem Brüggemann'schen Verbrechen angeklagten Kasstrer Kölsch die Anklagebank besetzen wird, ist seitens der Staatsanwaltschaft zur Last gelegt, daß er unter Mißbrauch seiner Stellung als Revisor dem Franz einen unverhältnißmäßig hohen Credit beim Bankverein verschafft habe und zwar zu seinem persönlichen Vortheile (als Getreideagent). Wie weit die Vermuthung, daß die betrügerischen Manipulationen Mitgliedern des Aufsichtsrathes bekannt gewesen seien, auf Wahrheit beruht, wird die Verhandlung hoffentlich klar legen. Der Vorsitzende des antisemitischen conservativen Wahl-Vereins Heinr. Fuchs hat seine Stellung als Prokurist der allgeimein als sehr reich bekannten Firma Fuchs u. Cie. (Puddel- und Walzwerk) dazu benutzt, die Wechsel seines Socius Franz durch die von ihm vertretene Firma Fuchs u. Cie. zu acceptiren, wodurch letztere zur Zahlung von ca. 3 Millionen Mark gezwungen und damit völlig ruinirt wurde. Das Schicksal dieser unschuldig in das Verderben hineingerissenen Familie wird allgemein lebhaft bedauert. Den Angeklagten stehen als Rechtsbeistände die Herren Dr. Sello-Berlin, Lenzmann-Lüdenscheid, Scheele und Lübke-Arnsberg zur Seite. Oester.-Ungar. Monarchie. Prag, 3. März. Der im Vorjahre gegründete Landesverband czechisch-nationaler Juden, dessen Obmann der ehemalige Reichstagsabgeordnete Professor Zucker ist, sowie sämmtliche Ortsgruppen dieses Verbandes wurden wegen Ueberschreitung des statutarischen Wirkungskreises durch politische Propaganda von der Behörde aufgelöst. Die erste That des Verbandes bestand in der Auflassung oder Czechisirung der von jüdischen Kultusgemeinden gegründeten deutschen Pcivatschulen. Budapest. (Antisemitismus als Dtsciplinarvergehen). Jüngst hat die Budapester Advocatenkammer in einer Disciplinarangelegenheit eine interessante Entscheidung gefällt. Das Disciplinargericht der Kammer hat nämlich den Budapester Advocaten Dr. Alexander Pongracz wegen verletzender Redensarten vor Gericht und wegen mehrerer in einer Eingabe gebrauchten, mit dem Advocatenstande nicht vereinbarlichen Ausdrücke ermahnt und zur Ordnung gewiesen. In der von „Uegyv. Lapja" mitgetheilten Begründung heißt es, Doctor Pongracz habe die seinen Collegen und der Kammer schuldige Achtung verletzt, indem er folgende Aeußerung machte: „Auf Dasjenige, was der Kläger über die Ehre sagt, antworte ich nur so viel, daß ich als Christ nach den Principien einer solchen Religion und Moral erzogen wurde, deren Kenntniß ich vom Kläger wohl nicht voraussetzen kann, aber eben deshalb halte ich ihn für unfähig, über meine Ehre Kritik zu üben." Diese Aeußerung kann die Advocatenkammer als eine in ihrem amtlichen Wirken sich offenbarende Erscheinung des confessionellen und Rassenhasses nicht dulden, daher sie über den genannten Advocaten die obenerwähnte Maßregelung verhängen mußte. (Nach Schluß der Redaction.) München, 5. März, 8 Uhr 50 Min. Vormittags. (Eigene Drahtmeldung.) Gestern früh erfolgte das Ableben des Rabbiners der hiesigen israelitischen Gemeinde, des Herrn Dr. Perles dahier. Der Vorstand der Gemeinde gibt von dem ihn betroffenen schweren Verluste den Lesern des „Israelit" tiefbetrübt Kenntniß.__ Briefkasten der Expedition. I. S. 25. Bei I. Kaufmann, Buchhandl., Frankfurt a. M., Börnestr. 41.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.