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Der Israelit · 1894-03-05 · Heft 19 (5.3.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 19 (5.3.1894)
Date
1894-03-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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841 «•FBFfcr ••" - ■*": » i >'»■» %r*r könne, wenn er nur wüßte, was auf jenem Stückchen Papiere dadrinnen stand. Man erwartete eine sehr wichtige Entschließung des russischen Kaisers und von dieser hing wohl hauptsächlich am nächsten Tage die Börsensttmmung ab. Es war ihm auch zweifellos, daß von dieser Entschließung der russische Konsul sofort in Kenntniß gesetzt werden müsse, denn er hatte eine sich daranknüpfende Handlung zu vollziehen. „Schnäpschen gefällig, mein Herr?" sagte Ltlienthal, während er mit zitternder Hand seine Antwort an den Börsenmakler schrieb. „Gerne, es ist kalt in der Frühe!" erwiderte der Postbote, sich die Hände reibend. Im Nu hatte Ltlienthal seinen besten und schwersten Liqueur herbeigeholt; mit fiebernden Händen goß er den gelblichen Chartreuse in das Gläschen. Der Postbote legte seine Tasche neben sich auf den Tisch, ergriff das Gläschen, trank es mit einem Zuge leer und schnalzte dann behaglich mit der Zunge. So etwas Gutes hatte er schon lange nicht mehr getrunken. „O, das thut wohl", sagte er. „Noch ein Schnäpschen gefällig?" fragte Lilienthal und der Mann, der nichts Schlimmes ahnte, nahm gerne auch das zweite Anerbieten an. „Ein gutes Schnäpschen", sagte Ltlienthal. „Wissen Sie, ich habe immer diese Sorte im Haus; es kommt nämlich sehr oft vor, daß ich Leibschmerzen habe und da thut einem das Liqueurchen sehr wohl; wissen Sie nämlich, wenn ich morgens aus dem warmen Bett heraus, plötzlich ins Kalte muß, da krieg ich sehr oft Leibschmerzen. „Ich muß auch so ein Schnäpschen trinken, ich fühle schon, ich krieg' mein Bauchweh wieder." Lilienthal aber trank keinen Schnaps. Plötzlich faßte er sich mit beiden Händen nach dem Leibe und fing fürchterlich zu jammern an; die Schmerzen wurden scheinbar jeden Augenblick stärker, denn er krümmte sich förmlich und sank dann zu Boden. Der Postbote bemühte sich eifrig um ihn. „Rufen Sie mir meine Haushälterin", schrie Lilienthal, „sie soll mir Thee machen, schnell, schnell, ehe es zu spät ist!" Der Postbeamte eilte aus dem Zimmer. Im Nu war Lilienthal aufgesprungen, hatte die Tasche ergriffen, das Telegramm herausgezogen und erbrochen. Einen wilden Freudenschrei stieß er aus. In demselbem Augenblicke kam der Postbote schon wieder, auf dem Fuße gefolgt von der Haushälterin Lilienthals. Dieser hatte nur noch Zeit, die Depesche schnell in der Hand zusammen zu knittern und in die Tasche seines Schlafrocks zu schieben. Er sagte, es ginge besser; der Postbote nahm pie Rückantwort Lilienthals und seine Tasche, und eilte schnell davon, um die versäumte Zeit einzuholen. „Soll ich Thee machen?" fragte die Haushälterin. „Scheren Sie sich zum Kukuck", rief Lilienthal, während er so schnell wie möglich in seine Kleider stürzte. Er wollte aus seinem Zimmer laufen; plötzlich blieb er stehen. Es war ja noch früh am Tage.-War es nicht ein Verbrechen, das er da begangen hatte!? „Pah, er hatte ja Niemandem etwas gestohlen?" dachte er, „ob der Konsul die Depesche einige Minuten früher oder später bekäme, was lag dem vornehmen Beamten daran, der ruhte jetzt gewiß noch in den Federn!" „Wen beraube ich, wem thue ich ein Unrecht!" rief er aus. Er suchte sich selbst zu verblenden, er suchte sich einzureden, daß er nichts Böses begehe! Die Habsucht verblendete ihn ganz. Und dennoch regte sich das Gewissen mächtig: „Gott wird Dich strafen für Deine Thal!" klang es ihm immer wieder und wieder in's Ohr, als ob ein Fremder diese Worte ihm zurief. Es war die eigene Seele, die ihm fremd geworden durch seine Schandthat. „Der Gott Israels ist ein eifervoller Gott, der bestraft jede M-ssethat!" schrie die Stimme wieder. Lilienthal griff sich nach dem Kopfe, der ihm schier zu zerspringen drohte. „Ich will nicht, ich will nicht gestraft sein, ich glaube nicht an Gott! Ich werde mich dem Gott Israels entziehen! Ich lasse mich taufen." Der Spekulant, dessen Nervensystem durch die endlosen Aufregungen an der Börse ohne dies sehr erschüttert war, war in diesem Augenblicke dem Wahnsinn nahe. „Ich werde Dir entfliehen, strafender Gott!" schrie er wieder, „rch werde Christ!" Und dann besann er sich und lachte wieder über sich selbst. „Ich glaube überhaupt nicht an Gott, ich glaube an gar Nichts! Nur nicht an Anderes jetzt denken, als an die Millionen, die ich erringen werde." Er stürzte von dannen und eilte in das Telegraphenbureau. Er war so in Aufregung, daß er mit ungeheuren Sätzen rannte; plötzlich aber blieb er stehen. Schlau und geschickt mußte die Sache ausgesonnen

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