Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-03-01 · Heft 18 (1.3.1894) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 18 (1.3.1894)
Date
1894-03-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448429--38085-2486179
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

332 Arbeit bei starkem Kaffee und gutem Rum erledigt war. „Herr Professor", hieß es beim Abschiede, „entschuldigen Sie die Störung, es ist später geworden, als mir selbst lieb ist." — „O, das hat nichts zu sagen, ich gehe niemals vor 4 Uhr zu Bette." — „Und wie lange schlafen Sie?" — „Spätestens bis 8 Uhr." — „Und was machen Sie bis 4 Uhr?" — „Ich studiere oder lese Gedichte." Ja, Gedichte waren seine Lteblingslectüre. Er las dieselben meist im Original. Zeitungen batte er jedoch — wie er in Nyireghäza dem Schreiber dieser Zeilen erzählte — seit vollen zwanzig Jahren nicht gelesen, selbst im deutschfranzösischen Kriege nicht. Die Tisza-Eslärer Ereignisse, in denen er eine solche große und wichtige Rolle spielte, zwangen ihn dazu, auch die Zeitung seiner Beachtung zu würdigen. Er that es nur seufzend und sehr ungerne. Dieser Mangel eines ständigen geistigen Contactes mit der Außenwelt, die mit dem Secirsaule nichts zu thun hatte, brachte es natürlich mit sich, daß er betreffs aller laufenden Dinge unorientirt war wie ein Kind. Er stellte thatsächlich auch die naive Frage; „Sind alle ungarischen Obergespäne Generale?" Selbstverständlich fühlte sich dieses große Kind, das berufen war, in Nyiregyhäza als sachverständiger Zeuge gewissermaßen das entscheidende Wort zu sprechen, in den Stürmen des Prozesses furchtbar ungemüthlich. Er war jähzornig und aufbrausend, wenn es galt, kaltes Blut zu wahren — das Wort, das er zu einem Zeugen sagte, der sich darauf berief, daß er kein Angeklagter sei: „Aber Sie können es noch werden!" ist förmlich zu einem geflügelten geworden — und ließ sich häufig, wenn er das volle Gewicht seiner Autorität in die Wagschale hätte werfen sollen, durch einen bösen Blick oder eine kecke Antwort einschüchtern wie ein Schulbube. Freilich imponirte er manchmal durch eine trockene Zifferangabe mehr, als er es mit einer gelehrten Abhandlung erreicht hätte. Dr. Trajtler (der die erste Section Esther's gemacht hatte) gerieth mit Professor Scheuthauer in eine wissenschaftliche Dtscussion über den praktischen Befund. Der Kampf einer Maus mit einem Löwen, dem der Vertheidiger Karl Eötvös durch zwei kurze Fragen ein rasches Ende machte. „Wie viel Wasserleichen haben Sie, Herr Doctor, bereits secirt?" fragte Eötvös den eben stark dotierenden Dr. Trajtler. Dieser blickte etwas verwundert auf und erwtederte: „Zwei." „Darf ich, Herr Professor, an Sie dieselbe Frage richten?" bemerkte Eötvös. Und Scheuthauer antwortete so ruhig und unbefangen, als ob es sich um zweimal oder um zehnmal zwei handeln würde: „Ungefähr 40.000." Die Sensation, welche diese dürre Antwort hervorrief, benützte Dr. Trajtler dazu, um seine wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zu verschlucken. Sein großes „Verhör" nahm volle neun Stunden — von 8 Uhr Morgens bis 5 Uhr Nachmittags — in Anspruch. Scheuthauer war dabei so aufgeregt, als ob es sich für ihn um Leben oder Tod oder (wofür er vielleicht noch weit empfindlicher war) um wichtige materielle Fragen gehandelt hätte. „Kann ich gehen?" fragte er schließlich. — „Jawohl", erwiederte Herr v. Korniß, „die Sitzung ist aufgehoben." Und inofficiell setzte der Vorsitzende hinzu: „Wir haben heute das Mittagmahl redlich verdient." Und auch Scheuthauer ging schnurstracks ins „Hotel Europa", um — die wörtlich abzutelegraphirenden Stenogramme (es waren deren genau 600 Blatt) zu revidiren, eine Arbeit, mit welcher er etwas nach Mitternacht fertig wurde. Ein Glas Wein mit einigen Bisguits war inzwischen seine einzige Nahrung. Es war nur eine kurze Woche, die wir in seiner Gesellschaft in NyiregyhLza verbrachten, aber sie blieb allen Theilnehmern an dem Processe unvergeßlich. Auch Scheuthauer hatte eine dankbare Ertnnernng für diese Zeit und diese Kampfgenossen. Mit Berufung auf diese in NyireglMza gemeinsam verlebten Stunden habe ich seitder so manchen armen Rigorosanten aus seinen, stets zum Zerpflücken geneigten Klauen gerettet, denn es war eine sehr, sehr harte Aufgabe, bei ihm das Rigorofum mit Erfolg zu bestehen. Er hat so manchen Mediciner „geworfen", aber trotzdem — ich bin dessen überzeugt — werden ihm alle seine Tausende Schüler ein treues, ehrenvolles Angedenken bewahren. Er zählte zu jenen Größen, die gekannt zu haben man sein Leben lang stolz ist. Friede seiner Asche!" D. H. 8. Vermischtes. In der am 24. v. M. in Norden stattgefundenen Hauptversammlung des Bundes der Landwirte ist die Ausnahme von Juden zur Sprache gebracht und erledigt worden. Der Vorsitzende, Gutsbesitzer Georgs, gab die Erklärung ab, daß in geeigneter Weise der Austritt der Juden veranlaßt sei. Diese Erklärung wurde „mit großem Beifall" ausgenommen. Saborgard, 7. Januar. Vorgestern fand hier eine Generalversammlung der NE'Hp N"Dn statt, bei welcher Gelegenheit unser Oberrabbiner Herr Ignaz Löwy '".3 die grotzangelegte ntm hielt, welche zugleich ein überaus gelungenes “?DDn auf den verewigten großen Wiener Rabbiner Rabbi Salomon Spitzer war. Briefkasten der Redaction. H. B. in Straßburg i. E. Israelitischer Vermittlungs-Verein Hamburg und Breslau. F. L. Brief erhalten. Von den auf der Liste neten Werken können Sie haben. Nächstens mehr. Stellenverzeich-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.