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Der Israelit · 1894-03-01 · Heft 18 (1.3.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 18 (1.3.1894)
Date
1894-03-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. Erste Beilage zu J\» 18 des „Israelit". Leitender Artikel. Auf, warum schläfst Du? Von Stiftsrabbiner vr. Ed. Biberfeld in Karlsruhe. Als vor einigen Monaten einer bis jetzt unwidersprochen gebliebenen Zeitungsmeldung zufolge der Rabbiner der jüdischen Gemeinde zu Berlin, Dr. Maybaum, sich gedrungen fühlte, an Gertchtsställe in seiner Eigenschaft als Gutachter die Erklärung abzugeben, daß die Vorschriften der Thora über die Eheh nderniffe der Priester mit Aufhören des Opferkultus ihre Geltungskrafr verloren haben — da durfte man mit einigem Rechte der Erwartung sich Hingaben, daß in der großen, 80,000 jüdische Seelen zählenden Gemeinde, deren geistlicher Berather jener Herr ist, wenigstens eine Stimme sich vernehmen lassen werde, die das rechte Wort zur richtigen Zeit fände und jene Erklärung als das kennzeichnete, was sie ist: eine -ip’jn rros in des Wortes verwegenster Bedeutung. Man entrüstet sich ja doch heutzutage so überaus leicht! Ein Vater, der seinen Sohn lieber unthätig herumgehen läßt, als ihn am Samstag arbeiten zu lassen, ein Familienvater, der seine Geschäftszeit abkürzt, um Zeit für das Gebet im Gotteshause oder gar für einen iw zu finden — die höchsten Töne tiefmnerster Mttchrr toüsto wv&t >.<:<.= chen, um eine derartige „unverantwortliche" Handlungsweise ausreichend zu brandmarken; und wer etwa gar für die Erfüllung einer mso mehr answendete, als nach nächstenfrenndlicher Schätzung ihm „zukommr", geq n den wäre ein Wechselfälfcher noch ein Waisenknabe fast. Und wenn ein Mann, der berufen ist, der Pflege der Thora seines Lebens ganzen Inhalt zu widmen, ihr Gut zu mehren und j de Minderung hintanzuhalten, in vatermörderischem Beginnen die Hand erhebt gegen das heilige Nationalheiligthum, dessen Hut und Wartung ihm anvcrtraut wurde, dann sollten alle jene Stimmen schweigen und durch dieses Schweigen die Mitschuld der Zustimmung aus sich laden wollend Run wohl, das langerwartete Echo aus der Berliner Gemeinde hat sich endlich vernehmen lassen; aber leider, leider in so ganz anderem Sinne, als erwarten und hoffen zu dürfen man berechtigt war. Mit einer Mehrheit von 13 gegen 6 Stimmen hat die Repräsentanten-Bersammlung der jüdischen Gemeinde zu Berlin in einer ihrer letzten Sitzungen sich für Annahme eines Legats ausgesprochen, welches zur Unterstützung von Handwei Mehrlingen dienen soll, wofern dieselben sich verpflichten, auch am Samstag zu arbeiten und außer den Sonntagen und christlichen Feiertagen nur noch am Roschhaschonohtage und am Jom-Kippur zu feiern. Der Zusammenhang zwischen diesem Beschlüsse und dem obigen Gutachten ist nur zu klar. Wird von der h. Lehre ein Stück abgebröckelt, so fällt unweigerlich der Rest nach und nur Thoren können sich dieser Erkenntniß verschließen. Roch immer war, was dem Einen recht, dem Anderen billig, und wenn der Rabbiner einer Gemeinde die Priestervorschriften der Thora für obsolat und kraftlos erklärt, warum in aller Welt sollten dann die Tyn vor der Sabatthetltgung Halt maven, zumal sie in praxi sich längst über dieselbe hinweggesetzt haben? Respect vielmehr vor dieser Consequenz, Achtung vor dieser U bereinftimmung schöner Seelen! Warum wir diese edle Harmonie zu stören, in dieses ungetrübte Sichverstehen zwischen Gemeinde und Rabbiner einen Mißklang hineinzutragen wünschen? Die so fragen, für die haben wir keine Antwort, die uns auch jetzt noch mir salbungsvollen Friedensmahnungen zu nahen gedenken, die zu überzeugen oder zu gewinnen, verzichten wir von vornherein. Aber wer noch etwas von dem Geiste jenes um ’d sich bewahrt bat, weß Herz noch in schnellerem Gange schlägt, wenn er sein Heiligstes, Thcuerstcs, seinen treuen Glauben plumpdreist arMUiffen sieht, wem in glühend heißem Strome von Herz zu Hirn das Blut jagt, weil er verurtheilt wurde, eine brutale Lästerung des VNp mit anzusehen, miizuerleben, der allein wird uns verst.hen und als Genosse in dem uns ausgezwnngenen Kampfe hochwillkommen sein. Roch einen anderen, oft gehörten Vorwurf erwarten wir, der darum hier gleich vorweg genommen sei, den Vorwurf, daß wir eine interne Gemeindcangelegenheit an die O^ffentlichkeit gezerrt und Kreise, die durch jenen Beschluß gänzlich unberührt bleiben, als Richter aufgerusen haben. Nun fürwahr, die Last der Bürgschaft, die jenes verhängnißschwere vrwa w dem Einen für den Anderen auferlegt hat, wird uns nachgerade allzuschwer, sie muß uns unter dem Eindrücke eines Beschlusses, wie der angezogene, der eine Prämie setzt auf die Entweihung des Sabbats, der das edelste Gebot jüdischer Ethik, das Gebot der np-» herabwürdigt zum Mittel für einen gotteslästerlichen Zweck so unerträglich erscheinen, daß wir der Gelegenheit das eiserne Band, welches uns Allen die Mitverantwortlichkeit für so unerhörtes Thun aufwälzt, zu sprengen nicht aus

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