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Der Israelit · 1894-02-26 · Heft 17 (26.2.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 17 (26.2.1894)
Date
1894-02-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. Beilage M M 17 ürs „Israelis. Leitender Artikel. Marco Wortara.*) Im Alter von 21 Jahren hatte Mortara als ordinierter Rabbiner das Seminar zu Padua verlassen; sünf Jahre später übernahm er das Rabb!< nat zu Marrtua. Es sind nur sehr wenige Gelehrte noch vorhanden, die aus dieser Schule hervorgegangeu sind. Wenn man jetzt, vom geschichtlichen Standpunkte aus, die Erfolge für das Judenthum in Italien, welche die Rabbiner aus diesem Seminar auch nur angestrebt, wenn auch nicht erzielt haben, betrachten wollte, so würde man zu einem ganz kläglichen Resultate gelangen. Wir in Deutschland kennen von diesem Seminar nur den klangvollen Namen Samuel David Luzzatto's, der für die biblische Exegese, die hebräische und aramäische Grammatik, wie nicht minder für die mittelalterliche Literatur zahlreiche und ganz bedeutende Beiträge in selbstständigen Schriften, wie in besonderen Abhandlungen und Aufsätzen geliefert hat. Nach dieser Richtung hin hat er auf die Schüler aus den ersten Jahrgängen des Seminars, die in ihm ihren Lehrer und Meister verehrten, ganz vortheilhaft eingewirkt. Sie pflegten die jüdische Wissenschaft nach dem Beispiele Luzzatto's, folgten seiner Bibelkritik, gingen auch manchmal noch über dieselbe hinaus. Wie stand es aber mit der eigentlichen rabbinischen Ausbildung im Seminar und wie war die Auffassung der tradirten Lehre? Hillel della Dorre war der Vertreter dieser Studien am Seminar. Ausgewählte Stücke aus dem Talmud wurden cursorisch gelesen (ä la fncn) und anstatt der Ritual-Codices wurden die aus dem Rambam npinn t vorgetragen; für die im Rambam nicht enthaltenden d\jh hatte della Dorre selbst einen italienischen Leitfaden angelegt und die Hörer mit demselben vertraut gemacht. Ueber den religiösen Standpunkt dieser beiden Professoren — wie sie sich nannten — hat Luzzatto selbst in einem Berichte über das Collegium (f. Zeitung des Judenthums 1838, Nr. 73) sich dahin geäußert: „In dem Collegium machen die Zöglinge die theologischen und philologischen Studien während des Zeitraumes von drei Jahren unter Professoren, deren gemäßigte und von beiden Extremen entfernte Grundsätze vom Publikum besonders durch die Bände des Kerem Chemed gekannt *) Diese Überschrift ist auch dem ersten der unter „Sprechsaal" in der Beilage zu Nr. 15 eröffneten Artikel zu geben. werden."**) Nach der feierlichen Entlassung, bei der der alte Ritus der Se micha (des Händeauflegens) erneuert wurde, hatte der Zögling noch e i n Jahr bet einem Rabbiner praktisch sich zu üben. Mortara entsprach dem im Seminar erhaltenen Vorbilde vollständig: Das talmudisch-rabbinische Princip sollte nur dann eine gewisse Anerkennung erlangen, wenn es mit den Anforderungen der Zeit sich in Einklang bringen ließe. So schreibt er am Schluffe seiner Gemara-Studien, welche in der Rivista Jsraelitica 1845 — 47 erschienen sind und von Jost in den Annalen 1840 deutsch wiedergegeben wurden folgendes: „Unsere Lehrer erkannten überall und übten es aus, das Princip, sich nach den Umständen zu richten und mittelst desselben konnten sie ihre Anordnungen modificiren, daher sie sie auch nicht ausgeschrieben wissen wollten, damit sie nicht unabänderlich würden (s. Kerem Chemed III 61—76***). Aeußeres Unglück und Unwissenheit haben unser Ritual auf dem Standpunkte stegend erhalten, auf welchem es zur Zeit des Aufschreibens war. Nur durch Rückkehr zu den Quellen ist nach einem fast 1200jährigen Stillstand ein Fortschritt möglich. Die nach-talmudischen Ritualtsten hielten den Talmud für eine nicht zu überschreitende Schranke und glaubten die in demselben festgestellten oder hinzugefügten Riten feien je strenger, desto heiliger; und so wurden mit jedem Jahrhundert noch strengere und beschränkendere Vorschriften gemacht. Das mag heilsam gewesen sein für ihre Zeiten. Es wäre aber zu schädlich, diesen Weg so weiter zu verfolgen, und hat schon zu sehr geschadet" u. s. w. Dies war der Standpunkt Luzzato's, dessen Lehre und Leben ihm mustergültig blieben. Wie dieser bei aller kühnen Conjektural-Kritik der übrigen biblischen Bücher den Text des Pentateuchs unangetastet lassen wollte, so begann auch Mortara seine schriftstellerische Thätigkeit mit dem Büchlein „D611’ Amtenticita del Pentateuro“ (1843), in welchem er den mosaischen Ursprung des Pentateuchs festhielt. Was hierin den Grundgedanken bildet, die ewigen Wahrheiten für den Gottesglauben und die Morallehre als Erziehungsmittel für Israel und die Völker nachzuweisen, diese seine erste Schrift hat fünfzig Jahre später ihn dazu geführt, in seiner letzten Schrift „II pensiero israeli- **) Vgl. auch noch Luzzatto im Briefwechsel sä. Gräber, S. 170. ***) In einer Anmerkung nennt er den unvergleichlichen Lehrer (Luzzatto), „deffen Schüler und Freund zu sein ich mich rühme", als den Urheber dieser Theorie.

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