Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 14 (15.2.1894)
- Date
- 1894-02-15
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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XXX Y. Jahrgang. Mette Beilage M M 14 des „Israelit". Leitender Artikel. Gutachten über die Schächtstage. Herrn Simon Deutsch in Mülhausen. Als Antwort auf Ihre freundliche Anfrage, ein Gutachten über das Schächten, im Sinne des Thierschutzes, abzugeben, beehre ich mich, Ihnen Folgendes ergebenst zu erwiedern: Sie stellen mir da eine sehr delikate Frage, die schon von vielen Sachverständigen, jedoch noch von mehr Nichtsachverständigen, die überhaupt von der ganzen Sache nichts verstehen, besprochen und krttisirt worden ist. So ungern ich mich in solche Angelegenheiten, die aus bekannten Gründen besser nicht ventilirt würden, mische, so will ich Ihnen doch meine Meinung in dieser Frage nicht vorenthalten: Ich bin nun bereits 20 Jahre an Schlachthäusern thätig und glaube daher in dieser Sache Sachverständiger zu fein; ich kann Ihnen also unumwunden erklären, daß das Schächten, wenn es richtig, so wie es Ihre Religion und unsere polizeilichen Vorschriften vorschreiben, ausgesührt wird, bis heute noch eine der besten und sichersten Schlachtmethoden darstellt. Wir haben ja noch andere sehr gute und schnell wirkende Methoden, die jedoch in der Hand des Ungeübten zur wahren Thterquälerei und zum gefährlichen Werkzeuge werden. Betrachtet man die Sache genau vom Standpunkte des Thierschutzes, so findet man, daß das Schächten eine äußerst humane Tödtungsart darstellt: Das Thier wird gefesselt, mit Winden bodenlos gemacht. wobei der Kopf des Thieres, damit dasselbe sich nicht beschädigen könne, festgehalten und dann niedergelegt wird; liegt das Thier, dann kommt der Schächter mit einem haarscharfen Messer, das auch nicht eine einzige defekte Stelle in der Schneide aufweisen darf, und schneidet mit kräftigem Zuge, ohne dabei abzusetzen, damit das Thier so wenig wie möglich Schmerzen bei der Operation empfinde, die Halsblutgefäße, Carotis und Jnguloris, sowie die neben den Blutgefäßen verlaufenden Nerven, Lungenmagennerv und den großen sympathischen Nerv nebst Schlund und Luftröhren durch; bei keiner einzigen andern Methode wird so vorsichtig verfahren, als wie gerade beim Schächten; und dieses nicht allein aus religiösen, sondern auch aus humanen Rücksichten. Beim Schächten kann der vollständig aus neutralem, unparteiischen Boden stehende Sachverständige absolut keine unnöthige Thierquäleret erblicken! Nur der Laie sieht das mit scharfem Geräusche vor sich gehende Eintreten der Lust in die abgeschnitene Luftröhre als mit Schmerzen verbunden an; dieses ist jedoch ein rein physiologischer Prozeß, welcher vollständig schmerzlos vor sich geht und nur so lange anhält, als noch Blut behufs Decarbonisaiion in die Lungen tritt. Eine Betäubung des Thieres tritt nach dem Schächten, da dem Hirn ja aller direkte Blutzufluß durch die Operation entzogen ist, auch baldigst ein; und die Bewegungen der geschächteten Thiere, welche Bewegungen ebenfalls nach der Hirnzertrümmerung bei anderen Methoden Vorkommen, sind nichts weiter als Reflexbewegungen. Ich habe hier im Schlachthause Kälbern den Kopf vom Rumpfe plötzlich trennen lassen und dennoch traten starke Bewegungen der Gliedmaßen und des ganzen Körpers ein, trotzdem der Rumpf doch mit dem Hirn in gar keiner Verbindung mehr stand. Hielt man diesen enthaupteten Kälbern den Finger in's Maul, so machten sie noch längere Zeit Saugbewegungen, schnalzten mit der Zunge 2c.; es kann mithin offenbar nur von Reflexbewegungen die Rede sein! Von verschiedenen sachverständigen Gegnern des Schächtens wurde schon mehrere Male auf die fortbestehende Blutzufuhr zum Gehirn durch die Halswirbelarterie hingewiesen. Betrachtet man jedoch den anatomischen Verlauf dieser Arterie, dann findet man zwar, daß sich dieselbe mit dem unteren Aste der Oberhauptarterie verbindet, sie versieht jedoch nur die am Oberhaupte gelagerten Muskeln und nicht das Hirn mit Blut. Wenn man beim Schächten Thierquälereien erblicken wollte, um wieviel mehr und Tausende Male mehr Thierquälereien könnte man dann auf der Jagd und bei dem sportsmäßigen Taubenschießen 2c. aufzählen! Sollte auch der Schächtakt, durch die zu demselben unbedingt nothwendige Vorbereitung, die jedoch absolut schmerzlos ist, etwas länger dauern, so liegt hierin gewiß noch lange kein Grund, eine alte, beftbewährte Methode so mir nichts dir nichts über den Haufen zu werfem Zartbesaitete Naturen sollten sich übrigens von Schlachthäusern, wo manchmal noch ganz andere, jedoch auch sehr nothwendige Thierquälereien Vorkommen müssen, vollständig fernhalten. Die Thterschutzvereine endlich könnten sich ebenfalls auf ganz anderen Gebieten bedeutendere Lorbeeren erobern, als wie bei der Schächtfrage.