Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 12 (8.2.1894)
- Date
- 1894-02-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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204 brr Bevölkerung zu besorgen, und wenn derartige Vorstellungen hier einmal Wurzrl fassen, so liege darin eine große Gefahr. Insofern die Tendenz der Petition auch gegen die gebildeten Kreise des JudenthumS gerichtet fei, muffe zugegeben werden, daß allerdings auch hier neben einer gewissen Ueberlegenheit, wie sie vielleicht in der einen oder anderen Richtung bestehen möge, zugleich ein übermäßig gesteigertes Selbstgefühl und eine rücksichtslose Verfolgung der eigenen solidarischen Interessen sich vielfach bemerklich mache. Mit Recht betone deßhalb der Kommissionsbericht, wie es wünschenswert wäre, daß aus dem Jugenthum selbst heraus von seinen einsichtigen, edlen und wohlgesinnten Gliedern energischer alS bisher Protest gegen die Geltendmachung solcher Eigenart erhoben würde. Aber sei es nicht ebenso gerechtfertigt, eine gleich ernste entsprechende Mahnung auch an die Gegenseite, an die Antisemiten zu richten? Grwiß! Man bekämpfe jenes wirkliche oder vermeintliche Uebergewicht und jene Ausschreitungen durch verdoppelte Anstrengung der eigenen Kräfte und mit den mächtigen Waffen wahrhaft christlichen Geistes und christlicher Gesittung. Dies allein sei würdig; unedel, unchristlich und ungesetzlich zugleich sei es aber, sich des gefürchteten oder unbequemen Gegners dadurch entledigen zu wollen, daß man ihn von den Grenzen des Staatsgebietes ferne zu halten, oder, wo dies nicht mehr möglich ist, durch Ausnahmsgesetze seine Rechte zn schmälern und ihn so in eine inferiore Stellung herabzudrücken suche. Schicksale, wie sie bas jüdische Volk im Laufe der Geschichte zu ertragen hatte, hinterlassen tiefe Spuren in der Seele des so betroffenen Volkes. Sie zu tilgett, reichen wenige Menschenalter nicht aus. Die Emancipatioa der Juden sei eine Schö pfung der Neuzeit. Es sei deßhalb nicht gerechtfertigt, schon jetzt am Gelingen deS Werkes zu verzweifeln und dessen Wetterführung zu hemmen, oder eS gar in sein Gegentheil zu verkehren. Dies sei die Anschauung, auf deren Grund Redner in der Lage sei, dem Kommissionsantrage beizustimmen. Frhr. Ferd. v. Bodman meint, es sei genügend dargelegt, daß die Mißstände, die sich aus dem Erwerbsleben der Israeliten ergeben, eine Folge der historischen Entwickelung seien. Gegenwärtig lebten wir in einer Periode der Ueberwindung dieser Schwierigkeit. Wenn darauf h'ngewiesen worden sei, daß die Israeliten in Palästina Acker bau getrieben haben und ein kriegerisches Volk gewesen seien, so müsse doch auch erwähnt werden, daß die Gestaltung des Landes, die lang ausgedehnte Küste sie frühzeitig zu einem handeltreibenden Volk gemacht habe. ES sei zu bemerken, daß Ausbrüche des Hasses gegen' über den Juden gewöhnlich zusammentreffen mit Zeiten wirthschaftsicher Depression. Dann treibe der Neid gegenüber den Besitzenden, die Gier nach ihrem Besitz zu Ausschreitungen. Eine wirthschaftliche Depression sei aber auch jetzt vorhanden. Deßhalb sei der Antisemitismus so gefährlich und man habe alle Ursache, ihn, wie den Sozialismus zu bekämpfen. Redner kann nicht umhin, anzuerkennen, daß die Umstellung in Abschnitt V des Berichts großentheils richtig sei. Der Bericht habe damit auf eine offene Wunde hingewiesen. Namentlich die ländliche Bevölkerung leide unter den im Bericht erwähnten Mißständen. Er sei durchaus nicht für Ausnahmsgesetze. Aber man müsse einzelnen Auswüchsen des jüdischen Erwerbslebens entgegentreten. Er freue sich über den im Bericht enthaltenen Appel an die besseren Elemente des JudenthumS. Nach Schluß der Diskussion wird, wie ich Ihnen bereits berichtet, der Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung einstimmig angenommen.^ Die gesummte Presse Badens, natürlich mit Ausnahme einiger kleiner Schmutzblättchen, ist einig in der Verurteilung des Vorgehens der Mannheimer Antisemiten. Von den vielen uns vorliegenden Kundgebungen heben wir nue die folgende treffliche Bemerkungen der „N'ucn Badischen Landeszeitung" hervor. Dieselbe schreibt u. A.: Vielleicht dämmert den Herren Hetzern jetzt endlich das Verständniß dafür, daß die Zeit vorüber ist, wo der Jude recht- und schutzlos war, wo er eine bestimmte Kleidung tragen mußte, und wo man ihn in den Ghetto einschließen durfte — vielleicht aber auch nicht. Aber tief beschämend ist es für jeden wahrhaft gebildeten Menschen, wenn er sieht, wie man heutzutage mit einem Theil der M tbürger im neuen deutschen Reiche akkurat wieder so verfahren möchte, wie im finsteren Mittelalter, nur weil sie anderen Stammes sind und eine besondere Art der Gottesverehrunz besitzen Das ist ein traurig-S Z ichen der Zeit und eine traurige Folge der Jnteressenpolitik, die sich gerade in unseren Tagen geltend macht, und wobei nach und nach jeder Jdealismns schwinden muß. Wohin diese schnöde Agitation in unserer politisch bewegten Zeit, wo Anarchisten und Sozialisten dem heutigen Staat und unserer Gesellschaft den Krieg erklä't haben, eigentlich führen wird — wer weih e§V Glaube doch sJi ientanb, daß es den Antisemiten um den jüdischen Sabbat und um die jüdischen Speisegesetze zu thun ist! Nein, diese Leute sind einfach der Ansicht, daß bei d n Israeliten etwas zu holen und daß sich bei einer weiteren Ausbreitung des Antisemitismus bald erwünschte Gelegei,heit dazu bietet. ES ist traurig, wie die Bürger eines Staates ohne jegliche Ursache in zwei feindliche Heerlager gespalten werden, und es wird lange Zeit brauchen, bis die Folgen deS Antisemitismus wieder verschwinden und wir wieder ruhigen und friedlichen Zeiten entgegen gehen. Wir bedauern deßhalb auch die Sprache des Commissionsberichts, weil bislang der Liberalismus erfolgreich bemüht war, die Kluft zwischen christlichen und jüdischen Bürgern in unserem Staate immer mehr zu Überdrücken, und wenn dies in Jahrzehnten nicht vollständig möglich war, so darf man doch die langen Judenverfolgungen und die rechtlose Stellung der Israeliten im Mittelalter nicht vergessen, deren Andenken in der Volksseele nicht plötzlich verschwinden kann. Die antisemi'ische Agitation ist aber das Gegeniheil des WegS zum Frieden und da, um beklagen wir jeden Schritt, der dieselbe in irgend einer Weise verschärfen könnte, wie gerade die Ausführungen der Pctitionskommission unserer ersten Kammer. Italien. Rom, 4. Febr. Heute Vormittags hat das Leichenbegängniß unseres so plötzlich aus dem Leben gerufenen Cultusvorstehers, Cavaliere Settt m t o E s d r a, unter großer Betheiligung unserer Ftnanzwelt und unserer Cultusgemeinde stattgefunden. Die Z'pfel des Bahrtuches wurden von dem Vicegouverneur der Italienischen Retchsbank (Lanea d’Italia), Cavaliere As coli, von dem Präses unseres Gemeindevorstandes, Tranquillo Ascarelli, dann von den Herren Di Capua, Tuccimei (Vorsteher der Genossenschaft der Schreiner), Bona und Bellati gehalten. Hinter dem Sarge schritten die Anverwandten des Verstorbenen und zahlreiche Vereine mit ihren schwarzumflorten Fahnen. Auf dem Friedhofe ergriff der Präses unseres Cultusvorftandes, Cavaliere Ascarelli das Wort und zählte die Verdienste des Todten um unsere Gemeinde