Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 11 (5.2.1894)
- Date
- 1894-02-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448422--37921-2486007- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
. WS&T *n**>»’*.’*W*‘£J? ' -' V ‘TT7*x^"'rr2-:v •'•r~T?5 183 Rahmen der Bilder und Spiegel sich glänzend abhoben, schwamm in satten Farbentönen, welche die Sonne, die jetzt siegreich durch die Wolken gebrochen war, verschwenderisch über den Raum ergoß. In dieser wunderbaren Beleuchtung stand nun Feodora, mit leichtem Erröthen, in einem lichtblauen Kleide, auf dem das reiche, hellblonde Haar sich glänzend abhob. Als der Professor sie erblickte, schlug es in ihm auf wie Flammen. Er hatte sie zuvor nur in großer Gesellschaftstoilette oder im Ballkostüme gesehen. Jetzt aber, wie er sie in dem scheinbar einfach und doch so raffinirt gewählten Anzug vor sich stehen sah, da schien sie ihm schöner als je. Seine Augen erglühten, alle Gedanken verschwanden ihm. Er hatte sich auf dem Wege alles zurecht gelegt, was er ihr sagen wollte; jetzt aber, bei ihrem Anblick, war alles wie weggeflogen. Er vermochte es nicht. Worte zu finden. So wunderbar schön stand sie nun vor ihm und er sollte ihr Dinge sagen, die sie tief verletzen und schmerzen mußten, er der sie am liebsten auf Händen getragen hätte durch das ganze Leben, er sollte ihr wehe thun? DochMs sie beharrrlich schwieg und ihren flammenden Blick mit dem Ausdruck eines still verhaltenen Schmerzes auf ihn richtete, begann er endlich zu neben. „Versprechen Sie mir", sagte er bewegt und ergriff ihre Hand, „versprechen Sie mir, daß Sie mir nicht zürnen, wenn ich Ihnen Schmerz bereiten muß. Gott weiß es, ich leide selbst dabei mehr, als Sie ahnen!" Er war wie ausgetauscht, er, der sonst mehr bedächtig als heißblütig schien, hatte seine Ruhe ganz'^verloren. Der Anblick dieses herrlichen Mädchens rtß,.ihn^ganz zaus der Bahn, die er bislang gewandert; er ließ alles Andere außer Acht und ging gerade auf sein^Ztel^los. Und Feodora bemerkte, welchen Eindruck sie bet ihm hervorrief; sie dachte bei sich, wie herrlich ihr diese Situation stehen müsse und wie auch Wetter und Beleuchtung so schön zu der Scene paßten, die sich^nun abspielen werde. Endlich hauchte sie mit ihren zartesten Tönen. ,>Ach, ich weiß es ja, daß Sie mir Fürchterliches zu sagen haben, aber ^verlängern Sie meine Qualen nicht nochMehr durch ein grausames Zaudern, Sie werden mich nur noch mehr foltern; erzählen i Sie mir alles —alles —o mein Gott!" — Sie that, als ob sie vor Schmerz nicht weiter zu sprechen vermöchte. „Und Sie werden mir nicht zürnen" % fragte er. „Wie könnte ich Ihnen zürnen", sagte sie und schlug ihre Augen bestrickend zu ihm auf. „Reden Sie, — reden Sie!" Und er erzählte alles: von dem Festzuge, wie Max damals fröhlich ausgegangen und auf den Tod verwundet zurückgekehrt war, und wie er mit seinen letzten Seufzern noch von ihr geredet hatte. Da weinte sie heiße Thränen. Schuldbewußtsein, Reue, vielleicht auch noch ein Rest von Zuneigung und Mitgefühl für den Verstorbenen und nicht am wenigsten der Wunsch vor dem Professor gefühlvoll zu erscheinen, ließen ihre Zähren in reichster Fülle fließen. — Ein Viertel Wahrheit und drei Viertel Betrug. Und dabei vermochte sie zu denken, ob sie wohl nun ihren Zweck erreichen würde. Aber sie erreichte ihn mehr, als sie selbst geahnt. Der Professor war in's Innerste bewegt von dem Schmerze, den dieses schöne Wesen kund gab. Endlich war er zu Ende mit seiner Erzählung. Er athmete tief aus, wie Jemand, der eine schwere Aufgabe hinter sich hat, und dennoch war ihm so schwer und peinlich zu Muthe. Seine Hände bebten und er fror innerlich trotz des warmen Sonnenscheins, der zum Fenster hereindrang. ES war ihm nur mühsam gelungen, während der Erzählung gefaßt und gesammelt zu erscheinen. Er hatte mit eintöniger Stimme gesprochen, unverwandt nach der Getäfelung der Wände blickend, als lese er von da herunter, was er zu sagen habe. Er kam sich selbst fremd vor, denn während er das traurige Ende seines Freundes erzählte, da ging es ihm immer nur durch den Sinn: O, wie weh thue ich ihr; wie muß ihr Herz erzittern unter diesen Worten. Vielleicht wird sie Dich hassen für diese schlimmen Nachrichten, die Du ihr gebracht; vielleicht wird sie Dich nicht mehr Wiedersehen wollen und bei diesem Gedanken erfüllte ihn ein solcher Schmerz, daß es ihm zeitweilig dunkel vor den Augen wurde. Als er endlich seine Erzählung vollständig beendet hatte, da saß sie noch immer da und schwieg und nur die Thränen, die von ihren Wangen herniederrollten, gaben Kunde von dem, was sie zu empfinden schien. Er stand auf. „Ich gehe, mein Fräulein," sagte er, „und vergeben Sie mir, daß ich gegen meinen Willen Sie heftig kränken mußte. Darf ich Sie Wiedersehen?" Sie nickte nur still und traurig vor sich hin, als gehöre sie nicht zu dieser Welt, als sei das, was sie an dieses Dasein fesselte, in das Grab versunken.