Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 10 (1.2.1894)
- Date
- 1894-02-01
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXT. Jahrgang. Zweite Beilage zu M 10 ües „Israelit^. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Halle a. d. Saale, 23. Jan. In der am Sonnabend stattgehabten sehr zahlreich besuchten Sitzung des Volksbildungsvereins hielt Hr. Rabbiner Dr. Fetzler einen Vortrag über den „Blutsaberglauben." Redner betonte einleitend die schweren Bedenken, die in ihm aufstiegen, als ihm die zwar ehrenvolle und erfreuliche Aufgabe gestellt wurde, über die Blutbeschuldigung oder besser Blutlüge zu sprechen; nachdem er dann aber die Gründe dargelegt hatte, welche es dem Theologen und Menschen zur Pflicht machten, sich der Aufgabe nicht zu entziehen, rollte er ohne Voreingenommenheit wie ohne Vorurtheil dieses schwarze Blatt der Geschichte auf. Nach eingehender Würdigung der Umstände, welche im Alterthum zur Entstehung des Blutaberglaubens führten, wies Redner weiter nach, daß den Juden weder in der Heiligen Schrift noch in dem Talmud der Blutgenutz geboten, vielmehr das jüdische Bekenntniß in seinen reltgionsgesetzlichen Bestimmungen einen jeden Blutgenuß verbietet. Ein Bekenntniß, welches in seinen ethischen Verordnungen nur die Veredlung des Menschen bezwecken will, und tu seinen Anweisungen über den Verkehr mit Andersgläubigen die strengste Rechtlichkeit befiehlt, ist weit davon entfernt, das Gräßlichste, was wir uns nur denken können — das Abschlachten eines Kindes, um sein Blut zu gewinnen — als eine religiöse Satzung festzusetzen. Was die Zeit betrifft, in der die Blutlüge in die Welt gesetzt worden ist, so kann man zwei Epochen unterscheiden, nämlich eine christliche und eine jüdische Epoche. Unter der erfteren ist jene Zeit zu verstehen, in der das Chrtstenthum unter dieser schweren Anklage gestanden hat. Im ersten und zweiten Jahrhundert seines Bestehens hatten die Heiden das Christenthum beschuldigt, daß es eine Lehre sei, welche das Opfer von Kindern fordert, um deren Blut zu trinken. So klagt im 2. Jahrhundert Tertiullian: Man sagt uns die größten Verbrechen nach, von kindesmörderltchen Opfern und Mahlzeiten, — und der Kirchenvater Pamelius fügt die Bemerkung hinzu, daß diese Beschuldigung vom christlichen Abendmahle herrühre. Der Kirchenvater Augustin sagt: „Man glaubt, daß die Christen grauenhafte Opfer hätten. Sie sollten mit dem Blute eines einjährigen Kindes ihren Dank abgestattet haben, indem fie demselben mittels kleiner Stichwunden vom ganzen Leibe Blut abzapften, dieses mit Mehl vermischten und Brot daraus bereiteten." Es mußten damals vollständige Bertheidigungen gegen diese Blutbeschuldigungen gefertigt werden. Die sog. jüdische Epoche beginnt mit dem Jahre 1235 und zwar in Deutschland. Aber was soll viel berichtet werden aus dem 13., 14., 15. und 16. Jahrhundert, wenn wir es selbst haben erleben müssen, wie die verschwundene Esther Solimosy in Ungarn 1882, wie der in Xanten todt aufgefundene Knabe, wie das in Korfu verschwundene Mädchen den Anlaß gegeben haben, gegen die Juden solche wahnwitzige Beschuldigung zu erbeben. Umsonst haben Päpste ihre Stimme zum Schutze der Juden erhoben, umsonst haben Fakultäten das Blutritual als ein Märchen bezeichnet, umsonst haben Gerichtshöfe das Lügengewebe oft genug aufgedeckt und die Fäden, ans denen es gewebt war, zerrissen, umsonst haben Konvertiten wie der Dompredtger Johann Emanuel Veith in Wien, der 1840 auf der Kanzel das Kruzifix in der Hand einen hohen und heiligen Eid geleistet, daß an der Beschuldigung der Juden kein wahres Wort sei — in Abrede gestellt, daß die Juden in irgend einer Form Christenblut brauchten oder genießen: das Schändliche wird doch noch immer verbreitet, wird noch immer geglaubt. Geglaubt vielleicht von Jenen, die von dem, was Glaube heißt, nichts fühlen und nichts haben als den Glauben an das Blutmärchen. An den Vortrag knüpfte sich eine Erörterung, in welcher Hr. Dr. Feßler einige Fragen erschöpfend beantwortete. Unter lebhaftem Beifall sprach der Hr. Vorsitzende aus, daß der Volksbtldungsverein und wohl die gesammte Arbeiterschaft das aus niedrigen Motiven, Haß und Habsucht erdichtete Blutmäcchen nach fernem wirklichen Werthe — einer elenden Erfindung würdigt. Schildberg (Posen), 26. Januar. Am 22. d. Mts. bsbo ")ry nt^Dn verschied nach mehrmonatltchen Leiden unser Rabbiner Herr Salomon Schreiber an Herzschwäche, im 72. Lebensjahre. Der Verblichene war der Sohn des großen Talmudisten Herrn Benjamin Schreiber V'y;, Verfasser des Werkes ntä □« über nioxy nvrar, Rabbiner zu Grätz. Als I6jähriqer Knabe siedelte er, nachdem er in Meseritz die Realschule verlassen hatte, nach den tmnn Gerzyn und Luntzütz in Polen über und mit seinem 21. Jahre erhielt er die Rabbinatsstelle in Cutitow und Bolinow. Am 15. Juni 1889 wurde er ausgewiesen und am 15. Februar 1890 übernahm er auf Empfehlung Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiner Dr. Feilchenfeld in Posen das htestge Rabbtnat.