Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1894-01-29 · Heft 9 (29.1.1894) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 9 (29.1.1894)
Date
1894-01-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448412-2448420--37883-2485967
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

147 entrückt, in der sie wie ein Mädchen aus der Fremde erschien. „Warum kommst Du denn so spät?" ries ihr Frau Berkheim entgegen. „Verzeihe, liebe Mutter! Ich sorgte, daß an Onkel Daniel Abendbrod servirt wird. Man hatte ihn in dem Trubel vergessen." „Brauchst Dn besorgen? War er verhungert ohne Dich?!" ereiferte sich Frau Berkheim. Jetzt erblickte sie ihren Mann, der soeben eingetreten. „Hat man schon sowas gehört?!" schrie sie diesem entgegen. „Für dem Onkel sein Essen sorgt sie, wenn wir Gesellschaft haben und schon Gäste da sind!" Helene erwiederte Nichts. Sie seufzte leise, kaum merklich. Herr Berkheim aber ging auf sie zu. „Das war brav vor Dir, mein Kind", rief er. Er reichte seiner Lieblingstochter beide Hände und küßte sie auf die Stirne. „Hätt' sie sich lieber ordentlich angezogen!" schrie Frau Berkheim heftig. „Wie das Kind wieder aussteht! Tausend Mal sag' ich's: Wenn der Mensch keinen Geschmack hat! Ein graues Kleid zu ihrem braunen Gesicht?!" Sie hätte noch viel mehr und länger gesprochen, wenn nicht jetzt Feodora eingetreten wäre, golden und strahlend, wie die Sonne auf den Bergen aufgeht. Bald darauf kam der Graf und schnell füllten nun die Gaste die Säle. Lilienthal hatte kaum mehr Zeit dem schönen jungen Mädchen zu sagen, daß sie sehr schön sei und daß dieses Abendchen zu den angenehmsten seines Lebens gehöre; denn schon war Feodora von allen Seiten umworben und von ihren Pflichten in Anspruch genommen. Berauschend scholl die Musik, noch berauschender aber waren die Blicke Feodora's; ihre Lippen wußten jedem jungen Manne etwas Angenehmes und Schmeichelhaftes zu sagen. Und doch war sie unruhig. Wo nur der Professor blieb? Sie wollte ihn wegen Max fragen. Doch das war nur Vorwand. Sie hatte wohl bemerkt, wie er sie schon bei der ersten kurzen Begegnung bewundert. Wenn es ihr gelänge, auch den berühmten Manu zu ihren Füßen zu sehen?! Ein beneidenswerther Triumph! Wenn sie natürlich auch den Grafen wählen würde, ihn in die Sckaar ihrer Bewerber einzureihen, das war eine Hoffnung, die sie mit Freude erfüllte. Sie wollte recht liebenswürdig gegen ihn sein, für den Anfang mußten alle Künste der entgegenkommenden Koketterie spielen. Dann wollte sie rechtzeitig retiriren und ihn so ganz und willenlos in ihre Netze schlagen. Jetzt endlich betrat Professor Südländer «den Saal; alle Blicke wendeten sich auf den berühmten Mann. Unwillkürlich fühlte Südländer noch einmal nach der Tasche, in welcher er die Hinterlassenschaft des Freundes geborgen hatte. Er war fest entschlossen, ihr zu Ende des Balles das Päckchen zu übergeben mit der Bitte, es erst am nächsten Tage zu öffnen. Denn er getraute sich nicht, zugegen zu sein, wenn sie, die Geliebte, vor Schmerz und Weh schier verging. Wie viel Gefühl lag doch in ihren Blicken! Was mußte sie empfinden bei der schrecklichen Nachricht? Sollte sie es vielleicht schon gehört haben und sich bezwingen? Nein doch: Das wäre nicht menschenmöglich gewesen. Er schritt auf sie zu, sie kam ihm entgegen und hielt ihm die Hand hin. „Es ist reizend von Ihnen, daß Sie uns beehren! Wir wollen schon sorgen, daß es Ihnen hier gefällt. Sie werden doch recht lange hier bleiben!" „Ich habe nur ein einziges Geschäft hier abzuwickeln. Wie es mir gelingt und was daraus folgt, das weiß Gott!" Er hatte ernster gesprochen, als er gewollt. Fast trat es ihm auf die Lippen, was ihn bewegte. Das war jetzt unmöglich. Aber um eine Unterredung wollte er- Rauschend näherte sich Frau Berkheim und der Professor konnte sich eines eigenartigen Staunens nicht erwehren. Die etwa fünfundvierzigjährige Frau trug einen dicken Haarscheitel, während sonst ihre Kleidung den Anforderungen jüdischer Sitte wenig entsprach. Sonderbar, daß Berkheim diesen Widerspruch duldete. Sie war übrigens noch immer schön, doch verblaßte sie neben Feodora. Auch Berkheim trat hinzu und reichte dem Professor einfach und bieder die rechte. „Sie kommen aus München?" fragte nun Feodora. „Waren Sie noch dort, als das Unglück geschah?" „Es soll auch ein Glaubensgenosse dabei verunglückt sein, ein Herr Meir Landau," fügte Berkheim hinzu. Ein Augenblick war der Professor erstaunt. — Man wußte also nicht, daß Jove und Landau derselbe war. Feodora war heute eigenthümlich unruhig; sie ging schneller auf ihr Ziel los, als sie beabsichtigt hatte. „Verkehrten Sie öfter mit Malern? Es lebt ein junger Mann dort, der früher hier war- „Ein Schützling von uns!" sagte Frau Berkheim gespreizt. „Ja, ein hübscher braver Junge!" fügte der Banquier hinzu. „Max Jove heißt er. Kennen Sie ihn? Geht es ihm gut,?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.