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Der Israelit · 1894-01-25 · Heft 8 (25.1.1894) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 8 (25.1.1894)
Date
1894-01-25
Page
– (sequence 18)
Language
German
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138 Anfangs ging alles gut, aber da nahm plötzlich das Wasser, immerwährend steigend, mehr die Dichtung nach dem bezeichneten Hause, und die wilden Wellen brachen sich donnernd an Mauer und Gebälk. Man sah es, lange konnten die schwachen Fachwände einem solchen Anprall nicht widerstehen. Bleich, Todesangst in den Gesichtern, streckten nun die Jnsaffen des bedrohten Hauses jammernd ihre Hände nach Rettung aus. Auf einer Anhöhe, kaum zwanzig Meter davon, stand eine Menge Einwohner wehklagend, rathlos, und zwischen ihnen und den unglücklichen Menschen drüben, war die mächtige Wasserfluth. Kein Brett reichte hinüber, keine Leiter, nichts, das als Rettungsmittel dienen konnte. Man mußte durch das Wasser hindurch, aber es würde jeden mitreißen, es war unmöglich, es würde noch mehr Menschenleben fordern. Keiner hatte in diesem Augenblick Muth, alle waren rath- und fassungslos. Und schon kracht das Haus da drüben! — Wie lange wird es dauern, und ein Augenblick hat über das Schicksal vieler Menschen entschieden. Da übertönte plötzlich eine mächtige Stimme selbst die tosenden Wasser und das Angstgeschrei der Menschen. Es war diejenige Moses Gumperichs, welcher auch auf der Anhöhe stand, und deffen Herz sich krampfhaft zusammenzog bei dem Anblick der Jammernden. Er hatte Muth und besaß Aufopferung, aber auch Weib und Kind, die er ernähren mußte. Aber auch nur ein Moment konnte Moses Gumperich hier schwanken, er mußte helfen, und sollte er selbst dabei zu Grunde gehen. „Auf, Männer, folgt mir!" rief er, und drängte sich bis an den Rand der Anhöhe, „hier nützt weder Jammer, noch Klage, davon werden die dort nicht gerettet, noch wenige Minuten, und sie sind alle dem Tode geweiht. Folgt mir nach, keiner bleibe zurück, mit Gottes Hilfe werden wir sie alle retten." Und schon war der Brave mit einem mächtigen Satze von der Anhöhe herab in die hoch aufspritzende Fluth gesprungen. Nur mit Mühe hielt er sich auf dem weichen Lehmboden aufrecht, und jeden Augenblick drohten die starken Wellen ihn umzureißen. Doch es gelingt ihm, er schreitet auf das Haus zu, erreicht es, ergreift zuerst eine junge Frau und bringt sie glücklich zur Anhöhe. Wie gebannt stand die Menge, lautlos ihm zusehend; das ging alles so rasch, daß sie kaum wußte, was geschehen war. Jetzt aber lüste sich der Bann, der alle gefangen gehalten hatte, in einem lauten und kräftigen „Hurrah, Hoch Gumperich!" Zum zweiten Male brauchte er nicht allein hinüber zu gehen. Wie auf ein Kommando sprangen Männer und junge Burschen in die Fluthen und folgten ihrem muthigen Anführer, der wie ein zweiter „Moses" nun hochaufgerichtet durch da8 Waffer schritt. Aber immer gefährlicher wurde die Situation für die Retter und die Bedrohten, denn das Wasser wuchs stetig und drohte in seiner Gewalt alle niederzureißen. Aber sie erreichten glücklich das schwankende Haus und Keiner ging mit leeren Händen zurück. Doch schon schwanden die Kräfte der braven Retter und einige von ihnen mußten auf der Anhöhe Zurückbleiben. Schon dreimal gelang der Rettungsgang, aber noch waren nicht alle geborgen. Wird es noch einmal gehend — Die Retter zaudern. — Sie können dem Andrange der Wogen nicht mehr Stand halten. — Und wiederum ertönt Moses Gumperichs kräftige Stimme: „Vorwärts, Ihr braven Männer! Soll unser Werk nur halb sein? Seht die jammernden Leute dort, auf uns ist ihre ganze Hoffnung gestellt. Wollt Ihr den Tod Eurer Mitmenschen? Der alte Gott lebt noch, er hat bis jetzt geholfen, er wird noch einmal helfen. Vorwärts denn mit Gott!" Gumperichs anfeuernde Rede wirkte nochmals. Wiederum ist er der Erste, das Wasser reicht ihm schon bis zum Halse. „Fasset alle Eure Hände und bildet eine Kette!" ruft er laut den ihm Folgenden zu. So vereint, bieten sie dem wüthenden Elemente Trotz und erreichen nochmals glücklich das Haus, dessen Dach nur no'ch aus der Fluth herausragt. Auch der Rest der Unglücklichen, die sich aufs Dach geflüchtet und schon an ihrer Rettung gezweifelt hatten, wurden geborgen. Da rast auch schon eine mächtige Sturzwelle heran. Es zischt, braust und spritzt das gelbe Wasser. Ein Krachen — ein Wanken — und dann bricht das ganze Haus in sich zusammen und verschwindet bald in den tosenden Fluthen. Hoch aufspritzen und sprudeln sie, aber nur Gebälk und Steine wälzen sich, überschlagend, steigend und wieder sinkend in dem weißen Schaum. — Die Menschen sind alle gerettet, vergebens war des Stromes Wüthen nach der kostbarsten Beute. Dort aus der Anhöhe aber sieht man ein ergreifendes Bild. Alle liegen auf den Knieen, Retter und Gerettete, Klein und Groß, Christen und Juden. Sie alle preisen thränenden Auges und mit erhobenen Händen den Herrn, der so wunderbar geholfen. Groß und überaus herzlich war auch der Dank der Geretteten gegen ihre Retter, und besonders gegen Moses Gumperich, welcher zuerst den Kampf mit dem Elemente ausgenommen hatte. Den Dank und die allgemeine Liebe und Achtung, die ihm so-

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