Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 8 (25.1.1894)
- Date
- 1894-01-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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128 „Ich mußte damit enden!" rief Feodora trotzig, „eS konnte so nicht weitergehen! Es ist mir heute ganz unbegreiflich, wie ich jemals so thörtcht sein konnte, mich an einen hergelaufenen russischen Judenjungen wrgwerfen zu wollen? Ich muß damals sehr kindisch und dumm gewesen sein." „O, er war schön!" lispelte Fräulein Pinne und ihr gelbliches Gesicht erröthete ein wenig vor mädchenhafter Unschuld, „Du hättest ihm doch diesen Brief nicht schreiben sollen, mein liebes Kindchen, er ist ein sehr heftiger und heißblütiger Mensch!" Die Stimme Fräulein Pinne's klang ins Weinerliche. „Ach, dieser Brief, dieser schreckliche Brief!" „Kommt der Professor nicht von München? Vielleicht kann er Auskunft über ihn geben." „Wenn er sich nur nicht umgebracht hat!" jammerte Fräulein Pinne wieder, denn sie hatte den hübschen Jungen ein wenig in ihr ältliches Herz geschloffen. „Es ist auch gar zu grausam, wenn man so recht aus tiefstem Herzen liebt und bekommt dann einen so schrecklichen Brief!" „Schweig endlich davon. Diese thörichte Liebelei wurde mir langweilig, und wenn es jemals entdeckt worden wäre, so hätte es meinem Rufe schaden können. Was liegt mir an jenem Menschen?!" „Es ist gar zu merkwürdig, daß er keine Antwort geschrieben hat! Wenn er sich ein Leids gethan hat?!" jammerte Fräulein Pinne immer wieder. „So habe Gott ihn selig!" entschied Feodora, während sie dem Ausgange zuschritt. „Jove! Was das schon für ein Name ist! Ich bitte Dich, Frau Jove!" Feodora schüttelte sich bei diesem Gedanken, wie aus Abscheu. „Aber Frau Gräfin von Plauen!" rief Frau Pinne. Jetzt strahlt Feodora wieder. Ihre Toilette war mittlerweile vollendet, sie wollte in die Gemächer ihrer Mutter hinüber um sich von dieser einer letzten Musterung unterziehen zu lassen. Während sie nun die Stufen hinabschritt, näherte sich Professor Südländer dem Hause. In der Tasche trug er die Hinterlassenschaft seines Freundes, und er war fest entschlossen, sie heute Abend dem schönen Mädchen zu übergeben. Südländer hatte, seitdem er Feodora gesehen, keinen ruhigen Augenblick mehr gehabt; er wälzte sich Nachts schlaflos aus seinem Lager und verbrachte die Zeit damit, den Moment herbeizusehnen, da er sich wieder ihr nahen dürfe. An den beiden Abenden, die er bei Onkel Daniel verbrachte, hatte er Feodora nicht zu sehen bekommen. Die großen, tiefblauen Augen m-it den langen Seidenwimpern hatten durch wenige Blicke seine Seele tu Flammen gesetzt. Hatte er es vorher wie Pflicht empfunden, den letzten Wunsch seines Freundes zu erfüllen, so war jetzt dieses Begehren zu heißer Leidenschaft geworden; er mußte sich selbst zugestehen, er liebte das Mädchen, obgleich er es noch kaum kannte. Wohl erhob sich eine warnende Stimme in seiner Brust, aber die Leidenschaft drückte sie nieder. Auch an Helene hatte er oft gedacht, in diesen jüngsten Tagen, aber nur wie man an einen guten Kameraden denkt, wie an Jemanden der uns sehr sympathisch berührt hat, ohne indessen ein tieferes Empfinden zu erwecken. Hoch klopfenden Herzens betrat Professor Südländer nun das Haus. (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit'- erscheint wöchentlich zweimal, Montags und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis de8 Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel )tt beziehen bei E. $. Sleinacker, Leipzig, Dsßptatz 16. — nferate 25 Pfennig die viergespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Eine Rücksendung von au die Redactiou eiugefaudten Mauuscripteu findet nicht statt, man bittet deshalb fich von allen Einsendungen eine Copie zurückzubehalten. Inhalt LHauPtblatt) r Leitender Artikel: Wie gewinnen wir unsere Kinder für das Judenlhum? Von Bezirks Rabbiner Dr. Ehrmann in Baden (Schweiz). — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Aus Heidelberg. Labischin. — Egypten: Kairo. — Frankreich: Paris — Feuilleton: Im Wahne de8 Glücks (Fortsetzung). Inhalt der Beilage: Literarische Umschau. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Frankfurt a. M. Halberstadt. — Italien: Neapel. — Holland: Amsterdam. Inhalt der Belletr. Beilage: Eine Heldenthat. Eine Episode aus dem Winter 1784. Nach historischen Quellen erzählt von Alexander Baum. — Miscellen. Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Aciien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen. 1