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Der Israelit · 1894-01-25 · Heft 8 (25.1.1894) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 8 (25.1.1894)
Date
1894-01-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1S6 wieder in die seinem Rheumatismus so schädlichen nördlichen Breiten zurück. Aber Fälle von dieser Art haben sich hundertfach ereignet. Und wie gesagt, wir hatten zuerst alle Hände voll zu thun, um überhaupt nur die echten Kolonisten von den falschen unterscheiden zu können. Jetzt sind wir endlich auf dem besten Wege. Die Kolonie in der argentinischen Republik enthält gegenwärtig etwa dreitausend Leute, die durchwegs vom besten Willen erfüllt scheinen. Dieser gute Wille beginnt bereits Früchte zu tragen. Es wird fast nur Landwirthschaft in der Kolonie betrieben. Und trotz Allem, was die Gegner unseres Unternehmens in die Welt gesetzt haben, kann man jetzt dort das seit Langem in der Geschichte nicht gesehene Schauspiel gewahren, wieder Jude hinter dem Pfluge hergeht, säet und erntet. Die mir von der Kolonial-Direktion zugehenden Berichte melden, daß die Ernte eine gute war und daß besonders Weizen und Kukuruz eine stattliche Ziffer von Hektolitern ergeben haben. „Eine weitere Schwierigkeit kommt von der Direktion der Kolonien selber her. Ich bin hier zu häufigem Personalwechsel genöthigt, und trotzdem ich schon mit manchem tüchtigen und von den besten Intentionen erfüllten Manne zu thun gehabt, ist es mir doch noch nicht gelungen, zur Leitung des Unternehmens „the right man in the right place“ zu finden. Ich habe als Direktor der Kolonie einen vortresfllichen Gelehrten gehabt, aber er besaß zu idealistische Anschauungen, um einen praktischen Verwaltungsmann abzugeben; ich habe dann einen Mann mit ausgesprochenem Verwaltungstalent gehabt, der sich aber aus persönlichen Gründen nicht hat halten können. Durch die besondere Liebenswürdigkeit des englischen Kriegsmtnisteriums ist es mir gelungen,Zeinen der wenigen jüdischen Otüciers- SSnsraux von der englischen Armee, den Colonel Goldshmith, zu gewinnen. Der Oberst, der bei den Horse-Guards steht, wurde auf ein Jahr beurlaubt und trat an die Spitze der Kolonie. Aber bald stellten sich prinzipielle Divergenzen zwischen uns heraus. Der Oberst ist ein eifriger Anhänger der Zions-Idee, welche die Zurückführung der Juden nach Palästina will. Ich, der ich den Orient und besonders Palästina kenne, weiß, daß diese Idee einer Chimäre gletchkommt, da Palästina in keiner Weise ein zu Colonisationsversuchen geeignetes Terrain ist. Gegenwärtig wird die Kolonie von zwei Direktoren geleitet, zwei hervorragenden Pädagogen, die sich während ihrer Lehrthätigkeit an den Schulen der Alliance Jsraelite ausgezeichnet haben. Der eine hat bisher das landwirthschaftliche Institut in der Nähe von Parts dirigirt, der zweite hat an der Allianceschule in Tunis gewirkt. Aber ich sehe es immer mehr: ich selbst werde die Sache mit der Zeit ganz in die Hand nehmen müffen. Ich bin damit beschäftigt, mich allmählich einzuarbeiten, und ich will späterhin meine ganze Zeit und meine ganze Arbeitskraft einem Unternehmen widmen, in dessen Gelingen, wie gesagt, ich festes und unerschütterliches Vertrauen habe. „Die Hauptkolonie soll auch weiterhin in der argentinischen Republik verbleiben. Dort sind alle Bedingungen am Günstigsten: Güte des Bodens, Entwickelung der Verkehrsmittel, geringe Dichtigkeit der Bevölkerung 2c. In Canada und in den Vereinigten Staaten haben wir wohl auch kleinere Versuche gemacht. Aber besonders in den Bereinigten Staaten kann man dem Unternehmen kaum eine größere Ausdehnung geben. An eingeborener Bevölkerung ist kein Mangel; ferner haben sie es dort auch glücklich bis zum Antisemitismus gebracht, und das ist wenig einladend." Feuilleton. Im Wahne des Glücks. (8. Fortsetzung.) III. Die Briefe. Auf den Treppen wurde noch gescheuert, in den Sälen waren Dekorateure noch beschäftigt, diese und jene Kleinigkeiten zu richten, Kellner arrangirten noch an den gedeckten Tafeln umher, während die Damen des Hauses bei der Toillette waren. Oben in dem prunkvollen Ankleidezimmer, das vielleicht das sorgfälttgst eingerichtete im ganzen Hause war, stand die jüngste Tochter Berkheims und ordnete mit Hilfe der Gouvernante das große und schwierige Werk des Anlegens ihre Ballrobe. Diese Gouvernante, Fräulein Elvira Pinne, war eine überaus schlaue Person. Sie war als Erzieherin in das Haus gekommen, als die beiden Töchter desselben noch klein waren, und wurde damals als ein Wunder angestaunt, ob ihrer Gelehrsamkeit. — Ihr Wissen war zwar nicht tief, aber sehr umfassend, sie wußte von Allem etwas, aber das Meiste falsch. Sie heuchelte die strengste Frömmigkeit und die besten bürgerlichen Ansichten, im Herzen aber war sie Atheistin und Sozialisttn und hatte so verschrobene Ideen von allen diesen Dingen, wie sie nur im Kopfe eines überbildeten alten Frauenzimmers möglich sind. Sie fühlte sich sehr wohlig in dem Reichthum und Luxus des Hauses Berkheim und gab deßhalb vor, die beiden jungen Damen zu lieben, als ob sie ihre eigenen Kinder wären.

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