Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 6 (18.1.1894)
- Date
- 1894-01-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXV Jahrgang. Erste Beilage >u J\i 6 öts „Israelit“. Leitender Artikel. Die angebliche moralische Inferiorität der Kessischen Juden. Zu den von hessischen Juden schwer empfundenen Folgen, welche die in dem letzten Jahrzehnt inscentrte Volksbewegung für sie gezeitigt hat, gehört nicht zum wenigsten die in der jüdischen Bevölkerung Deutschlands allgemein verbreitete und wie ein Axiom feststehende Ansicht, die jüdischen Bewohner des Regierungsbezirks, in dem zuerst der Volks-, antisemitismus in die Oeffentlichkett getreten und bedeutende Erfolge bei den Wahlen erzielt hat, die hessischen Juden, sind es auch, die den meisten Anlaß und die größte Nahrung für diesen Antisemitismus gegeben, ihr moralisches und soziales Verhalten hat es verschuldet, daß eine solche Bewegung überhaupt Boden gewinnen und zu einem Factor, mit dem gerechnet werden muß, heranwachsen konnte. Dieser Gedanke ist bei vielen zu einer so festen Ueberzeugung geworden, daß alle Widerlegungen an der einmal festgewurzelten Ansicht abprallen. Als ich vor einer Reihe von Jahren die maßgebenden jüdischen Persönlichkeiten in den Hauptstädten Deutschland'? daraus aufmerksam machte, daß die Bewegung sich immer weiter und weiter verbreiten würde, wenn wir derselben unthätig Zusehen wollten, und ich vor der Gefahr warnte, die dadurch für die Juden ganz Deutschlands entstehen könnte, da glaubte man mich mit den Worten abfinden zu dürfen: „Wenn die hessischen Juden keine Wucherer wären, gäbe es auch dort keinen Antisemitismus". Mein Hinweis darauf, daß am Landgerichte des Bezirks Marburgs, der den Ruhm sich erworben, den ersten antisemitischen Abgeordneten in den Reichstag gesandt zu haben, wenigstens solange ich die hiesigen Verhältnisse kenne, d. i. seit 17 Jahren, nicht ein einziger Jude wegen Wuchers verurtheilt sei, daß ich ferner in einer großen Volksversammlung, an der auch viele Antisemiten thetl nahmen, ohne auf Widerspruch zu stoßen, es als allgemein bekannt hinstellen konnte „in Marburg gäbe es genug Wucherer, jedoch nichteinen einzigen jüdischen Wucherer": diese und andere Widerlegungen nützten nichts und nützen noch heute nichts, trotzdem die weite Verbreitung jener Volksbewegung zumal in Gegenden, wo, wie in Sachsen, verschwindend wenig Juden wohnen, den weiteren Beweis für die Unhaltbarkeit jener Schlußfolgerung gegeben hat — der Jude wird verbrannt, der hessische Jude wird von den Juden als das Prototyp des jüdischen Wucherers, Betrügers u. s. w. hingestellt; es ist ja so angenehm einen Sündenbock zu haben und stch und die Juden seiner Provinz als die Redlichen und Schuldlosen anzusehen, die nur durch die Schlechtigkeit der hessischen Landjuden in Mitleidenschaft gezogen sind. Da erst jüngst wieder gelegentlich einer Zusammenkunft hervorragender Juden aus verschiedenen Gegenden Deutschlands dieser allgemeinen Anschauung über die hessischen Juden Ausdruck gegeben wurde, sehe ich mich veranlaßt, die folgenden statistischen Daten zur öffentlichen Kenntniß zu bringen; vielleicht dürfte dies aus den amtlichen Quellen geschöpfte Material die Meinung über die hessischen Juden ein wenig zu deren Gunsten ändern. Nach der letzten Volkszählung war die Anzahl der Juden im Regierungsbezirk Cassel 18,468; bte Zahl sämmtltcher Juden Preußens betrug 372059, die der Gesammtbevölkerung des Regierungsbezirks Cassel 836,459. Die hessischen Juden bildeten also 4,96 pCt. sämmtlicher Juden Preußens und 2.20 pCt der Gesammtbevölkerung des Regierungsbezirks. Sie müffen demnach zum Mindesten einen höheren Procentsatz als 4,96 pCt. resp. 2,20 PCt. zu den Verbrechen und Vergehungen der jüdischen Bevölkerung Preußens, resp. der Gesammtbevölkerung ihres Regierungsbezirks beitragen, wenn ihr moralisches Verhalten mit Recht ein schlechteres als das der letzteren genannt werden soll. Und was ergiebt nun das gesammte statistische Material, das uns vorliegt? In den Jahren 1882 bis incl. 1889 — für eine frühere und spätere Zeit existirt keine Crtminalstatistik — wurden verurtheilt in ganz Preußen 19,292 Juden, im Regierungsbezirk Cassel 40,200 Personen, darunter 750 Juden. Die hessischen Juden stellten zu den verurtheilten Juden statt 4.96 pCt. nur 3,88 PCt., zu den Verurtheilten des Regierungsbezirks statt 2,20 pCt. nur 1,87 pCt., d. h. der aus der Criminalstatisttk stch ergebende Stand der jüdischen Bevölkerung des früheren Kurheffens wäre um 1,08 pCt. besser als der der übrigen Juden Preußens und um 0,33 pCt. besser als der der Gesammtbevölkerung des Regierungsbezirks. Ja, das mag im Großen und Ganzen sein! Aber die hessischen Wucherer! — In Hessen wurden wegen Wuchers verurtheilt im Jahre 1882: 4, 1883 und 1884 je 1., 1885 bis incl. 1880 kein Jude; also in den ersten drei Jahren der ganzen h' Ü i-t