Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 5 (15.1.1894)
- Date
- 1894-01-15
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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US.JH! XXXV. Jahrgang. ^rpwTgrf^ry^.-.'J».pii,y,^M.ni<,pa " ' /*' '*>/ f*(J M 8. Der Israelit. Ei» Gentrat-Hrgan für das orlhodore Iudenthum. Begründet »o« ör. Lehman» i» Maintz. Montag, den LS. Januar LSS4 (L8S4). Leitender Artikel. Wie gewinnen wir unsere Kinder für das Indenlyum? Von Bezirks-Rabbiner Dr. Ehrmann in Baden (Schweiz.) I. Durch Religionunterricht, jüdischen, mosaischen, systematischen und wie sie alle heißen, sicher nicht. Könnte Religions-Unterricht, könnten Religionsbücher, Religionsschulen unsere Kinder für das Judenthum gewinnen, sie müßten längst dafür gewonnen sein. Seitdem das Judenthum existirt ist nicht so viel von Religion die Rede gewesen, hat es nicht so viel von Veranstaltungen für Lehre und Verbreitung von Religion gegeben, als gerade heutzutage. Und gerade heute klagen die Lehrer, Vertreter und Wortführer der Religion lauter als je über den Verfall der Religion und suchen Mittel und Wege zur Hebung des religiösen Slnnes. Haben damit die Klagenden nicht das Fiasko ihres ganzen Systems anerkannt? Vor einer Reihe von Jahren kam einmal ein rüstiger, intelligenter Greis mit seinem elfjährigen Enkel zu mir mit der Bitte den Jungen, der die städtischen Schulen besuchen sollte, Religionsunterricht zu erthetlen. Was soll Ihr Enkel einmal werden? Das weiß ich selber noch nicht; wahrscheinlich Kaufmann; aber sicher soll er ein wackerer Jehudt werden, der fest an unserem Gesetz hält, der seine Tcfillin legt, die D’rvjyn beobachtet, dem m» und 3'ö di> heilig ist, kurz der alles gewissenhaft so einhält, wie er es bet mir vor sich gesehen hat. Deßhalb soll er eben bet Ihnen Religion lernen. Wo haben Sie denn in der Jugend Religionsunterricht genossen? Ich? erwrederte etwas betrübt der wackere Alte, wissen Sie, in meiner Zeit vor nun bald siebenzig Jahren, da wußte man davon noch nichts. Damals gabs noch keinen Religionsunterricht. Wir lernten im Cheder bei einem Melamed Chumisch mit Raschi, Chaje Odom und die Besseren auch etwas Mischnajos, aber das war auch alles. Bon Religion hatte man damals keine Ahnung. Was? thue ich ganz erstaunt. Sie hatten in der Jugend keinen Religionsunterricht? Aber wieso sind Sie so religiös geworden? Ich sah Sie heute Morgen als einen der ersten bet Selichos, Sie fasteten wahrscheinlich auch die ganzen Teschuwahtage, Sie wünschen, daß Ihr Enkel auch einmal so werden möge, und das alles ohne Religionsunterricht, wie in aller Wett, find Sie doch so religiös geworden? O, erwiederte tteuyerzig der Alte, ich bin ja auch wirklich nicht religiös. Ich halte das Bischen, was ich so halten kann, das ist aber auch alles; aber religiös- Nun gut, unterbrach ich den Redestrom meines Partners, wollen wtr's mit Ihrem Enkel nicht einmal versuchen, ihn nach dem Recept des Großvaters ohne Religion religiös zu machen? Das ginge heute nicht, wollen Sie einwenden? Was hindert uns daran noch heute pdid mit Raschi und bin "ki mit Ihrem Enkel zu lernen, wie Sie es vor 70 Jahren lernten? Daß es seitdem Mode geworden ist, daß auch wir Juden Religion lernen? Was nöthigt uns diese Mode mitzumachen? Die erzielten Erfolge doch wahrlich nicht. Sehen Sie sich doch einmal nach den Zaddikim und Chassiotm um, die unseren Religionsschulen entwachken sind, kann man sie nicht an den Fingern einer Hand aufzählen und hat noch Finger übrig? Hat die Religion die darin Unterrlchteten wirklich besser, frömmer, jüdischer gemacht? Wer wollte behaupten, daß die Religion, welche den Kindern in unseren Reltgionsschulen eingetrtchtert wird, wirklich die Triebfeder des Wackeren, Guten und Wahren ist, das die dem Leben der Schule Entwachsenen in der