Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 4 (11.1.1894)
- Date
- 1894-01-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. Erste Beilage ni M 4 -es „Israelis. -e«< Iran Aaliida Iemy. -E- (Mit Portrait.) Mainz, 9. Januar. Wenn eine Christin, eine Dame der guten Gesellschaft, alle ihre seitherigen Lebensgewohnheiten aufgiebt und unter Nichtachtung aller Voruriheile, welcher eine Dame in der rauhen Fremde ausgesetzt ist, allein in die weite Welt hinauszieht, um allenthalben den Ruhm und ,das Lob des Judenthum's zu verkünden, so ist das an und für sich schon eine so merkwürdige Erscheinung, ein so beweiskräftiger Protest gegen die traurige Bewegung unserer Zeit, daß jeder Jude, dem sich die Gelegenheit bietet, diese Dame zu hören, die Pflicht hat, nicht nur selbst ihre Vorträge zu besuchen, sondern auch im Kreise seiner nichtjüdischen und jüdischen Freunde und Bekannten Stimmung für den Besuch derselben zu machen. Ist es doch für uns von großem Werthe eine Dame in ihrem selbstgewählten Berufe zu erhalten zu suchen, was nur durch die Anerkennung und Aufmunterung, die in dem möglichst starken Besuch ihrer Vorträge liegt, bewerkstelligt werden kann. Auch wir hatten, der liebenswürdigen Einladung des Vorstandes des Vereins Mekor Chajim; in Frankfurt a. M. Folge leistend vergangene Woche den hohen Genuß Frau Nahtda Remy zu hören und wir müssen gestehen, daß die Erwartungen, die wir an den Vortrag der Dame knüpften, noch bedeutend übertroffen wurden. Es wird es uns wohl Niemand als Unbescheidenheit anrechnen, wenn wir bei dem angekündigten Thema „Das Weib im Talmud" etwas Unbekanntes zu hören nicht erwarteten, zumal uns ja auch die Stellung der gelehrten Frau dem Judenthume gegenüber, die wir gelegentlich der Besprechung ihres Buches „Das jüdische Weib" s. Z. in diesen Blättern eingehend charakteristrten, zur Genüge bekannt war. Was wir aber da hörten, hatte einen so eigenartigen Reiz, die Beleuchtung, in die sie die hehren Frauengestalten unserer Geschichte zu rücken verstand, die Dramatik mit der sie die tiefen Weisheiten und Lebensregeln ^unserer Schriften zum Vortrag brachte, die Gegenüberstellung der jüdischen Frauen gegen die Heldinnen des Alterthums, die ganze Art der Zusammenstellung, das Alles wirkte so wohlthuend originell, daß wir getrost sagen können, daß auch der größte Kenner jüdischen Schrtftthums nicht unbefriedigt den Saal verlassen haben dürfte. Einen Auszug aus dem mehrgenannten ^Vorträge werden wir, wenn der Raum es erlaubt, in einer der nächsten Nummern mtttheilen. Die Worte der Rednerin machten einen mächtigen^ Eindruck. .'und wurden mit großem Beifall ausgenommen. Der große Saal des Kaufmännischen Vereins, den der Verein Mekor Chajim zu diesem Zwecke gemiethet hatte, war zum Erdrücken voll und nach Schluß der Rede drängte man sich um den Vorstand, um ihn zu beglückwünschen. Auch auf uns machte der Vortrag einen so tiefen Eindruck, daß wir in unserer Eigenschaft als Vorstand des Mainzer Vereins in den Beschluß faßten, die Dame zu bitten, diesen ihren Vortrag in Mainz zu wiederholen, welchem Verlangen dieselbe auch bereitwillig entsprach. Derselbe fand denn auch vorgestern Abend hier statt und die überaus zahlreich erschienenen jüdischen und nichtjüdischen Zuhörer und Zuhörerinnen spendeten der Rednerin rauschenden Beifall. Es - sei uns gestattet, einige falsche Gerüchte die uns über die Abstammung der Frau Nahida Remy zn Ohren gekommen, an dieser Stelle zu zerstreuen. Frau Remy ist weder selbst eine getaufte Jüdin, noch gehörte irgend einer ihrer Vorfahren dem jüdischen Stamme an. Der größte Theil ihrer männlichen