Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 1-2 (3.1.1894)
- Date
- 1894-01-03
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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21 versiegt. Zahlreiche Männer hatten dann den Hohepriester in sein Haus geleitet, wo ein großes Mahl die Fröhlichen vereinigte. Und heute! Still war es in den Straßen, nur wenige Freunde folgten dem Priester. Schweigend saß dieser am oberen Ende des langen Tisches, keinen Bissen Speise berührte er, kein Schluck Weines kam über seine Lippen, die wenigen Männer in seiner Gesellschaft sprachen kein Wort, alles ehrte die tiefe Trauer des Hausherrn. Eleasar war eine Zeit lang regungslos, wie geistesabwesend dagcsessen. Plötzlich blickte er starr auf die ihm gegenüberliegende Wand, seine Augen begannen zu leuchten, sein Antlitz zeigte deutliche Spuren heftiger innerer Bewegung. Mehrere Male hatte er sich erhoben und wieder niedergesetzt, dann verließ er das Zimmer und ging hinab in den Garten. Seine Tischgenossen sprachen die Vcrmuthung aus, daß der Schmerz über sein schweres Unglück, den er so lange gewaltsam niedergehalten hatte, nun wieder zum Ausbruche gekommen sei und bedauerten ihn theilnahmsvoll. Niemand folgte ihm, um ihn nicht zu stören, doch als man längere Zeit vergebens auf seine Rückkehr gewartet hatte, da entschlossen i ch einige Männer mit Fackeln hinunterzugehen, ihn zu holen. Doch vergebens, sie fanden ihn nicht, weder im Gärten, noch in der nächsten Umgebung des Hauses war er zu sehen. Der Morgen begann bereits zu dämmern und noch immer war er nicht zuröckgekehrt. Allmählich verbreitete sich die Nachricht vom plötzlichen Verschwinden Eleasars in der Stadt und erregte überall Besorgniß und Trauer. Wohin hatte er sich gewandt? War ihm ein Unglück zugestoßen? Hielt er sich verborgen, um mit seinem Schmerze allein zu sein? Hatte die Verzweiflung ihn rasend gemacht, daß er selbst Hand an sich gelegt hatte? Das konnte man von dem edlen Priester nicht glauben. Nach allen Richtungen gingen Männer und Jünglinge der Stadt ihn zu suchen. Umsonst, sie alle kehrten zurück, ohne eine Spur von ihm gefunden zu haben. Nirgends war er erblickt worden, Niemand wußte über sein Verbleib etwas zu sagen. So waren zwei Tage und drei Nächte nach dem Versöhnungsseste vergangen, da kam ein Hirtenknabe zur Stadt und meldete, in der Hütte seines Vaters am Gebirge Juda mehr als eine Tagereise von Jerusalem entfernt, liege schwer krank der Hohkpri.ster. Sofort machten sich viele Freunde Eleasars, Priester und angesehene Bürger auf den Weg, um ihn von da zurückzubringen. Nach mühevollem Marsch durch öde und steinige Gegenden erreichten sie ihr Ziel, traurig war der Anblick, der sich ihnen hier darbot. Da lag der Hohepriester, htngestreckt auf ärmlicher Lagerstätte und schlief. Die früher so kraftvolle Gestalt war matt und gebrochen, das lange Haupthaar hing ihm wirr in's Gesicht, tiefe Bläffe bedeckte sein Antlitz. Am Fußende des Beltes saß der Hirte und gab den Etntretenden Zeichen, den Schlaf des Kranken nicht zu stören. Dann begann er zu erzählen. In der zweiten Nacht nach dem Versöhnungstage sei er durch das heftige Bellen seines Hundes aus dem Schlafe geweckt worden und als er hinausgetreten sei, zu sehen, was es gäbe, da habe er den Körper eines Mannes regungslos daliegen, gefunden. Er brachte ihn in sein Haus und erkannte in dem anscheinend Leblosen mit Entsetzen den Hohepriester. Er machte ihm ein weiches Lager und versuchte durch Arzneien, die er aus heilsamen Kräutern zu bereiten verstand, ihn wieder zum Bewußtse-n zu bringen, was ihm nach vieler Mühe endlich gelang. Hierauf labte er den noch immer halb Betäubten mit Speise und Trank und sandle mit Tagesanbruch seinen Knaben mit der traurigen Botschaft zur Stadt. Nachdem der Kranke fich gestärkt hatte, verfiel er in ohnmachtähnlicken Schlummer, aus dem er zuweilen erwachte, sich unruhig hin und her wälzte und wirre, oft unverständliche Reden führte, aus denen die Namen Simeon und Leah öfters zu vernehmen waren. Dann sei er wieder ruhig geworden und bisher nicht wieder erwacht. Aufmerksam hatten die Männer den Worten des Hirten zugehört, jetzt traten sie leise an sein Bett und versuchten sein Lager durch weiche Kiffen und Decken, die sie mitgebracht hatten, zu verbessern. Ein alter Priester, der sich auf die Heilkunde verstand, beugte sich über den Schlafenden, ergriff seine Hand, befühlte seine Stirne und schüttelte traurig sein Haupt. Tiefe Stille herrschte in dem kleinen Gemach, Schweigen lag auf den kummervollen Gesichtern der Anwesenden, nur hie uud da hörte man einige Worte flüstern, oder leises Schluchzen. So verging geraume Zeit, da begann Eleasar sich zu regen, er schlug die Augen auf, blickte verwundert um sich, endlich erkannte er seine Freunde, deren Fragen er mit leiser Stimme beantwortete. (Schluß folgt.) ie Buchhandlung R. Kaufmann in Stuttgart sendet soeben an alle Besteller gratis ihren Lager-Catalog 63, Hebraica u. Judaica. Dieses Verzeichnitz enthällDdie etwa 1300 Nummern starke Bibliothek des im Oktober 1892 verstorbenen Kirchenraths Dr. von Wassermann in Stuttgart, dabei viele.literarisch ^wichtige und gesuchte Werke, Seltenheiten u. A. Die Preise sind recht billig (z. B. bei den Nummern 4, 39, 120, 250, 262, 303, 309, 350, rc rc). Wir empfehlen den Catalog den Sammlern jüdischer Literatur aufs angelegentlichste.