Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 1-2 (3.1.1894)
- Date
- 1894-01-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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2 Angesichts dieses Rückfalls in die Zeit nicht nur des Mittelsalters, sondern sogar in die der ältesten und gehässigsten Judenverfolgungen, kommt die Phrase von der Bildung, Aufklärung und dem Fortschritt unseres Jahrhunderts, welche unsere von der Väterreligion abgefallenen Brüder so ostentativ im Munde führten, von Tag zu Tag immer mehr in Mttzcredit. Diese modernen Tagesgötzen haben sich machtlos und unfähig den brutalen Auswüchsen unserer Zeit gegenüber bewiesen. Wenn daher die neue Zeit das alte Rischuß mit all seinen Schreckuisten wieder erstehen läßt und alle ihre Mittel zu dessen Bekämpfung sich als zu unzulängliche Quaksalbereien erweisen, so lenken diese Ausgeburten des veralteten Judenhasses von selbst den Blick derjenigen, die darunter leiden, auf die Vergangenheit zurück und auf die Art und Weise, wie denn unsere Väter in ähnlichen Lagen gehandelt haben. Das Rlschuß onn d’D’3 und n:n jma ist sich consequent geblieben und die Judenfeinde von heute gebrauchen noch dieselben Mittel und Vorwände wie vor Jahrtausenden. Aber während in der Vergangenheit die Gehässigkeit gegen Juden und Judenihum eine gotttreue, glaubensstarke jüdische Gesammtheit vorfand, ist dies heute leider anders geworden. Es trifft eine Generation, die sich zum großen Theile aus Halbjuden und Zwitterjuden rekrutirt, die weder die erforderliche Hingebung besitzen das Judenihum in allen seinen Conscquenzen voll und ganz anzuerkennen, noch den Muth haben es gänzlich zu verleugnen. Sie leiden am meisten unter den brutalen Ausschreitungen unserer Zeit, weil sich dieselben direkt gegen sie gerade richten, und weil sie ihnen keinen inneren geistigen Fond religiöser Ueberzeugung und festen Gottvertrauens entgegen zu setzen haben. Die Abweisung, die sie von außen erfahren, und der ganze Zug der Zeit, der die Abgefallenen ihren verlaffenen Heiligthümern wieder zuwendet, mit welchen sie in Theorie und Praxis längst gebrochen haben,erzeugt dann oft wunderliche Zustände, die man noch vor wenigen Jahren snr vELMtz In Berlin, wo die Hauptgemeinde, die numerisch größte von ganz Deutschland, mit ihren Leitern und Wortführern sich zur Religion des Reformjudenthums bekannte, feierten dieser Tage die dortige Koryphäen des refor wirten und orthodoxen Judenihums gemeinsam das 150jährige Stiftungsfest des Berliner B e t h H amtdrasch! In demselben Saal, in welchem dieses Fest gefeiert wurde, hielt vor 23 Jahren kurz nach seiner Ankunft in Berlin Herr Rabbiner Dr. Hildesheimer allsabathlich seine Vorträge, als die Synagoge der Adaß-Jtsroel-Gemeinde noch nicht vorhanden war. Die jüdischen Eigenthümer dieses Saales verweigerten aber bald die Benutzung für diese „zelotische Propaganda des orthodoxen Judenthums", und heute feiern beide Richtungen zusammen in denselben Räumen das Stiftungsfest eines Beth-Hamidrasch! Unter den Thetlnehmern an dieser befanden sich Leute, die sonst ihre Lebensaufgabe darin erblickten, dem Talmud und Schulchan Aruch, welcher in diesem Beth-Hamidrasch gelehrt wird, mit Stumpf und Stiel auszurotten, und nun feiern sie zusammen das Stiftungsfest eines Beth-Hamidrasch! Wunderbar! Auch anderwärts fehlt es nicht an ähnlichen Erscheinungen. Dazu gehören z. B. die öffentlichen Kundgebungen, mit welchen die Vertreter der jnstemilieu-Richtung und der äußersten Refoim in Wien b'im Tode des Rabbi Salomon Spitzer W an die Ocffentlichkett traten. Alles beut* t darauf hin, daß die Zeiten sich geänderthaben. Tempora mutautur. Aber der Nachsatz dieser römischen Sentenz, daß auch wir uns mit den Zeiten ändern, hat ans uns angewandt nur theilweise seine Berechtigung. Die Herren Dr. Hildesheimer ") und Rabbi Salomon Spitzer mit ihren Gesinnungsgenossen haben sich nicht geändert. Daß es ihre Gegner gethan haben, würden wir als ein Zeichen der Zeit freudig begrüßen, wenn sich diese Aenderunq nicht nur durch Banquette und durch schöne Worte, sondern auch durch Thaten bekundete. Aber in dieser Hinsicht haben sich auch die anderen nicht geändert, wir können daher den Jubel und die Frtedsiligkeit über derartige Aeußerungen nur bis zu einem gewissen Grade theilen. An dieser That fehlt es leider immernoch und bei der lauten Freude über die schönen, frommen Worte, die von Zeit zu Zeit fallen, liegt die Gefahr sehr nahe, daß man die Worte für Thaten nimmt und sich damit begnügt. n'Tm apjp ^p ^pn wy »t. „Die Stimme ist Jakobs Stimme, aber die Hände sind und bleiben Esaws Hände", das ist zur Zeit die Signatur der halben und ganzen Urform innerhalb der deutschen Judenheit. Möge dem frommen Wort auch die fiomme That des Ltbens folgen, möge an die Stelle der Reform des Juventhums die Reform unserer selbst treten, die Reform wie ihr der Verfasser der „Neunzehn Briefe" schon vor nun bald sechzig Jahren das Wort redete: „Hinangearbeitet mit allen unseren Kräften, mit Aufgebot alles Guten und Edlen, hmangearbeitet zu dieser Höhe! — Reform! — Aber ihr Ziel kann nichts anderes sein, als Verwirklichung des Judenthums durch Juden in unserer Zeit; Verwirklichung jenes ewigen Ideals in den und mit den von der Zeit gestellten Verhältnissen;