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Der Israelit · 1893-12-28 · Heft 102-103 (28.12.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 102-103 (28.12.1893)
Date
1893-12-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIV. Jahrsaug. Erste Keil, tu M102 & 103 des „Israelit“. Leitender Artikel. Waööi W. S. Werenftein Oberrabbiner vom Haag. Haag, 22. Dezember. Die hiesige israelitische Gemeinde im Besonde ren und das niederländische Judentbum im Allgemeinen hat durch den Tod des in der Überschrift genannten ehrwürdigen Greises, einen unersetzlichen Verlust erlitten. Schon seit einiger Zeit war der thenre Führer an das Krankenbett gefesselt, doch trug sich ein Jeder mit der Hoffnung, daß der Leidende, obschon er bereits 85 Jahre zählte, wieder hergestellt werden würde, auf daß er seine bewährte Kraft noch lange Zeit unserer heiligen Religion, sowie seinen ihn so sehr liebenden Mitmenschen werde widmen können. Entwickelte doch der biedere Mann stets soviel Willenskraft, weihte er sich doch trotz der Höhe seines Alters, stets mit soviel Herz und Eifer seinem heiligen Amte; stand er, obgleich er schon lange mit der mnpmBy „der Krone des Alters" geschmückt war, doch alle Zeit noch früh und spät so treu auf seinem Posten, daß man sich der Hoffnung hingab, sein starker Geist, sein eiserner Wille werde auch nun noch die Oberhand über den schwachen Körper davontragen. Der Allmächtige hatte es anders beschlossen. Samstag Abend entfiel dem treuen Hirten sein Stab, mir welchem er 45 Jahre hindurch seine Gemeinde leitete. Nicht unerwartet kam der Schlag, aber für Alle, die den bedeutenden, gelehrten Mann kannten und liebten, viel zu früh. Groß war der Eindruck, den die Trauernachricht hervorbrachte: unser Rav ist zu seinem himmlischen Vater abberufen worden. Man fühlte es, daß ein schwerer Schlag das Judenthum betroffen hat, daß ein ovn ytt ein Fürst, ein großer Mann in Israel gefallen ist. Rabbi Bär, wie er hier allgemein genannt wurde, war in der That, ein großer Mann. Er war noch einer von den alten Talmide chachamim, den alten Gelehrten, welche das wette Feld des Talmud und der Poskim nach allen Richtungen nicht nur flüchtig durchlaufen, sondern mit Ernst durchforscht hatten; er war noch Einer von denen, welche trann mit großem D’pDiBi riix'pIpaarten, welche den Ehrennamen in jeder Hinsicht verdienten, ihn durch ununterbrochenes Studium 71^21 Di'3 durch Aufgebot aller Kräfte sich erworben hatten. In der jüdischen wissenschaftlichen Welt galt er denn auch als ein großer Talmudist und Pausek, so daß man hier nicht zögerte, ihn, nachdem er in Amsterdam bis zum Jahre 1848 als Dajan fungirt hatte, zum Oberrabbiner zu berufen. Obschon ein Gelehrter alter Art, in des Wortes günstiger Bedeutung, blieb seine Entwickelung doch keine einseitige und offenbarte sich auch in dieser Hinsicht der Geist seines großen Vaters Rabbi Samuel Berenstetn ^**r. Sein Grundsatz war: „Kein Stein von der Festung des traditionellen Judenthums", trotzdem achtete er, oder vielmehr eben deßhalb stets auf die Stimmen der Zeit, indem er jede Strömung für das unverfälschte Judenthum nutzbarzu machen suchte, und so geschah es, daß unter seiner Leitung, nicht wie in so vielen anderen Gemeinden in jener Zeit, die Fundamente der Thora nicht nur nicht untermtnirt, sondern noch fester begründet wurden. Der Dahingeschiedene wandelte auch in dieser Hinsicht in die Fußtapfen seines Vaters und betrat, um dem orthodoxen Judenthum auch nach außenhin die geachtete Stellung die ihm gebührt, zu verschaffen, mit Erfolg das Gebiet der profanen Wissenschaften. Die hiesige „Vereinigung zur Kenntniß der jüdischen Wissenschaften", deren Stifter er war, bildet einen der vielen Beweise seiner Thätigkeit nach dieser Richtung. Aber nicht nur als Gelehrter, auch als Mensch stand er sehr hoch. Fern von jeder eitlen Selbstgefälligkeit, fern von jedem Stolz und Hochmuth, wußte er durch seinen Umgang sich alle Herzen zu erwerben. Die Alten, die ihn noch von Amsterdam her kannten, erzählen, in welcher Weise Rabbi Bär, als er nach demHaag berufen war, von den Gemeindemitgliedern persönlich Abschied nahm, wie er sich nicht scheute, oft drei und vier Treppen zu erklimmen, um die btü vor seiner Abreise zu besuchen. Sein eisenstarkes Gedächtniß hatte denn auch die Erinnerung an die Amsterdamer jüdischen Familien bewahrt, nach deren Befinden er sich jederzeit erkundigte und deren Leid und Freud ihm stets zu Herzen ging. Kein Wunder, daß die Haag'schen Gemeindemitglieder, in deren Mitte er lebte, deren Meister, Hirte und Freund er war, sich als seine Kinder fühlten, für die er Alles that, was er zu thun vermochte. So hatte in ihm einen kräftigen Beschützer das hiesige Israelitische Siechenhaus gefunden, zu dessen Zustandekommen er s. Z. nicht Geringes beitrug. Wir erinnern uns ferner, wie er vor einigen Jahren einer Versammlung zu Utrecht präsidirte, welche sich konstiruirte, um unfern bedrückten Brüdern in Rumänien beizustehen, wie da jedes seiner Worte beseelt war von der Gluth und dem Eifer, mit welchem er für die armen Unglücklichen eintrat; wie da Jeder bewogen

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