Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 101 (21.12.1893)
- Date
- 1893-12-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1918 Rußland. Petersburg, 10. Dezember. Der „Nov. Wr." zufolge beabsichtigt daS Ministerium der Bolksaufklärung, den Chedern und Bethäusern, welche für die Masse des jüdischen Volkes nur ungenügende Bildungsstätten sind, ihre Bedeutung für das Unterrichtswesen völlig zu entziehen und statt deffen Regierungsschulen zu errichten, in denen der Unterricht in der hebräischen Religion, der alt-hebräischen Sprache und der heiligen Schrift nicht, wie bisher, von den Melameds und Behelfern (Gehilfen), sondern von besser vorbereiteten Lehrkräften geleitet werden soll. Für die Schulen soll eine Spezial-Kontrolle eingeführt und die Mittel zu ihrem Unterhalt der Korobken- und Schulsteuer entnommen werden. Welche „väterliche" Fürsorge! Odessa. (Die jüdischen Steuern.) Es ist bekannt. daß die den Juden auferlegte ganz besondere Taxe, die sogenannte Koscher-Steuer, ausschließlich zu jüdischen Zwecken für Unterricht oder Wohlthätigkeit verwendet werden soll. Diese Bestimmung wird gar nicht beachtet, und die städtischen Verwaltungen machen sich kein Verbrechen daraus, diese Steuer oft zu allgemeinen oder sogar zu Gemetndezwecken zu verwenden. So wird von hier berichtet: Die Taxe des Koscherfleisches für die Stadt Odessa trägt jährlich 215,000 Rubel. Hiervon werden 188,000 Rubel für Gemeindezwecke ausgegeben; der Rest wird folgenderwetse verwendet: Gehälter für neue Polizeiagenten, 14,484 Rubel; Subventionen an die Ackerbau-Colonien verurteilter Minorennen, 1,000 Rubel; Unterstützung an arbeitslose Handwerker, 3,500 Rubel; an die Angestellten des Stadtraths, 4,170 Rubel; an die Beamten des Gouverneurs von Odessa. 2,400 Rubel. Wir wollen nur noch hinzufügen, daß die 18 Synagogen der Stadt Odessa, alle zusammen eine Subvention von jährlich nur 100 Rubel von den Revenüen der Koschertaxe erhalten. Amerika. (Kolonie im Kanada.) Die „All. Jsc." hat mit Unterstützung des Baron Hirsch in Kanada, 25 engl. Meilen von Oxbow, die Gründung einer Ackerbau-Colonie befördert. Die stets zunehmende Zahl russischer Auswanderer, die nach Kanada kommen, die Schwierigkeiten, denen sie begegnen, um sich eine Existenz zu gründen, der große Eifer, den sie für den Ackerbau an den Tag legen, die vom Central-Comite bei competenten Leuten eingeholten Versicherungen über die Zukunft der Colonisation in Canada, die von der „Hebrew Benevolent Society" angebotene Hilfe bei der Leitung und Aufsicht des Werkes, hatten die Alliance dazu veranlaßt, einen Versuch in dieser Richtung zu wagen. Das Unternehmen scheint zu gelingen, und die von der Hebrew Benevolent Society dem Central-Comite und Herrn Baron v. Hirsch regelmäßig eingesandten Berichte zeugen von den Anlagen der Colonisten, von ihrer Ausdauer bei der Arbeit und ihren unermüdlichen Anstrengungen, ihr Ziel zu erreichen. Die bis jetzt gemachten Ausgaben waren bedeutend. Die Grundstücke sind von der kanadischen Regierung unentgeltlich abgetreten worden, doch mußten die Kolonisten mit Rindvieh, mit Ackerbau- Werkzeug und Maschinen, mit Saat etc. versehen werden. Die Alliance betheiligte sich bei den Grsammtausgaben mit einer Subvention von 37,000 Frcs.; der Beitrag des Herrn v. Hirsch war ein wesentlich höherer. Man darf schon jetzt hoffen, daß die ersten Kolonisten in nicht zu langer Zeit einen Theil der ihnen vorgeschoffenen Gelder zurückerftatten werden. Der Ertrag dieser Rückzahlungen soll alsdann zur Unterbringung neuer Kolonisten verwendet werden. Die Gesammtzahl der Familien, die augenblicklich in der Kolonie leben, beträgt 73. Die Kolonie hat den Namen „Hirsch" erhalten. > vermischtes. < (Die Judeuflinte.) Trotz wiederholter Erklärungen der preußischen Kriegsverwaltung fahren die deutschen Antisemitenblätter fort, Gerüchte auszustreuen, welche die Qualität der Loewe'schen Gewehre als schlecht hinstellen. Chauvinistische Blätter in Frankreich unterlassen es nicht von diesen Ausstreuungen Notiz zu nehmen, und so sah sich denn der Kriegsminister wieder zu einer Erklärung im „Reichsanzeiger" bemüßigt. In dieser heißt es, daß die Aenderung in der Bewaffnung, wie der „Reichsanzeiger" dies bereits am 16. November gemeldet hatte, sich auf sämmlliche Gewehre und nicht nur aus die Loewe'schen bezogen habe. Es sei unwahr, daß die Untersuchung der letzteren durch eine geheime Commission stattgefunden habe, weil die Unbrauchbarkeit durch eine Militärkommission erkannt worden wäre. Kiel, 15. Dezember. Das Ehepaar Wolf Markus Cohn und Frau beging gestern das Fest der goldenen Hochzeit. Bei der synagogalen Feier, der zahlreiche Nichtjuden beiwohnten, überreichte Rabb. Dr. Stern im Aufträge der Kgl. Regierung ein im 'Kamen Sr. Maj. de8 Kaisers und Königs verliehenes Gnadengeschenk. Karlsruhe (Baden ) Hier wurde Herr Stadtrabbiner Appel von Mannheim, Schwiegersohn des Oöerraths Willstädter, zum Stadlrabbiner gewählt. Dr. Appel war früher Rabbiner zu Homburg v. d. Höhe. Budapest, H. Dez. In der heutigen Sitzung der Unterrichtskommission des Abgeordnetenhauses, in welcher der Kommissions-Präsident Julius Schwarz den Vorsitz führte, unterbreitete der Referent Geza Papp den von ihm entworfenen, dem Abgeordnetenhause zu unterbreitenden Kommissionsbericht über den die Rezeption der jüdischen Religion betreffenden Gesetzentwurf. Für bie Ausarbeitung dieses Berichtes, den die Kommission mit einigen stilistischen Aenderungen annahm, wurde dem Referenten durch den Präsidenten der Dank der Kommission ausgesprochen. Der Referent Geza Papp erhielt ferner den Auftrag, diesen Bericht, sowie den im Laufe der Kommisstonsberathungen modifizirten Gesetzentwurf dem Abgeordnetenhause zu unterbreiten.