Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 100 (18.12.1893)
- Date
- 1893-12-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448409--37645-2485719- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
1896 Während des Schuljahres wurde 110 Kinder, 78 Knaben und 32 Mädchen unterrichtet, von denen 6 auswärtige waren. Zur richtigen Würdigung dieser Zahlen ist hervorzuheben, daß die Anstalt nur einen geringen Zuschuh erhält, ein weit höheres Schulgeld fordern muh, als die Gemeindeschulen, das sich unter Berücksichtigung der Einkommensverhälnisse der Ellern von 7 Mk. bis 2 Mk. monatlich abstuft, während in den beiden Neligionsschulen der Synagogenqemeinde das Schulgeld in 3 Stufen monatlich nur 1,50 Mk. 1 Mk. und 50 Pf. beträgt, von unbemittelten Gemeindemilgliedern gar kein Schulgeld erhoben wird und die Industrieschulen für israelitische Mädchen eine völlige Freischule ist. Wenn zahlreiche Eltern ihre Kinder trotzdem in unsere Anstalt schicken, so kann dies nicht anders als ein schweres Opfer betrachtet werden, das jedenfalls ein glänzendes Zeugniß für die Nothwendigkeit und Existenzberechtigung derselben bedeutet. Hiervon durchdrungen haben wir denn auch die Wohlthaten der Anstalt weiten Kreisen zugänglich zu machen gesucht und danach gestrebt, das Hinderniß, das für Unbemittelte in der Hohe des Schulgeldes liegt, in solchen Fällen zu beseitigen, in denen es sich um würdige und befähigte Kinder handelt. Ganze Freischule haben 42 Kinder (29 Knaben und 13 Mädchen) erhallen. Ferner wurden aus dem Montesiore.Verein, dessen Vorsitzender Herr Dr. Louis Neustadt ist, 18 Kinder (14 Knaben und 4 Mädchen) mit Stipendien im Betrage von 87,75 Mk. monatlich unterstützt zum Besuche einer höheren Schule. Außer den Stipendiaten empfingen auch noch andere Schulkinder die erforderlichen Lehrmitteel, Bücher und Schreibmaterialien für ihre Schulen. Für 2 Knaben übernahm die Anstalt die Ausbildung zum Lehrer, für 2 Mädchen zu Lehrerinnen. Unter den Stipendiaten befanden sich 4 Auswärtige, 3 Kinder von Gemeindebeamten, 1 Sohn eines Handwerkers. Es ist klar, daß wir solche Lasten nur auf uns nehmen konnten im Vertrauen auf die seit Jahren bewährte Opferfreudigkeit, die wir bei den Freunden unserer humanitären Bestrebungen fanden. Die hiesige Synagogen-Gemeinde gewährte den etatsmäßigen Zuschuß weiter; ihr schlossen sich 14 auswärtige Gemeinden und Corporationen an, sowie 739 (402 hiesige und 337 auswärtige) Mitglieder aus 185 Gemeinden mit zum Theil recht ansehnlichen Jahresbeiträgen. Die Gesammtsumme der auswärtigen Beiträge betrug 3638,20 Mk., die der hiesigen 2315,82 Mk. Für die Kinder der verschiedenen Schulen, die bisher größtentheilS in ihrer Schule noch an einem zweiten Religions-Unterricht theilnehmen mußten, hat die Königliche Regierung eine große Erleichterung geschaffen, indem sie verfügt hat, daß die Schüler unserer Anstalt gleich denen der beiden Religionsschulen der Synagogen-Gemeinde auf Grund unseres Ättestes von dem Religionsunterricht ihrer Schule entbunden werden können. Dem Jahresbericht ist eine wissenschaftliche Abhandlung von Dr. Louis Neustadt „Die letzte Vertreibung der Juden in Schlesien" beigelegt, auf die wir im literarischen Bericht zurückkommen werden. Neuftadtl an der Waag. 5. Dez. In der Synagoge der zum hiesigen Matrikenbezirke gehörigen israelitischen Gemeinde U d varnolk brachen vorgestern Nachts Diebe ein, welche alle daselbst vorhandenen Sammelbüchsen für D’^n "npa *mD3 npna, etc. erbrachen und ihres Inhaltes beraubten. Doch scheint das in diesen Büchsen Vorgefundene Geld ihre Raubgier nicht vollständig befriedigt zu haben, denn sie erbrachen dann auch die heil. Bundeslade, rissen die Thorarollen aus derselben und zerrissen sie oder beschädigten sie in anderer Weise. Dann kamen die Talesim Gebetmäntel). Sidurim (Gebetbücher) und Chumoschim Bibeln) an die Reihe, die gleichfalls auf barbarische Weise beschädigt und zum größten Theil auch unbrauchbar gemacht wurden. Einzelne Theile von den zerrissenen Betmänteln und Gebetbüchern wurden sogar im Vorhofe der Synagoge gefunden. Leider hat man bisher noch keine Spur von diesen Missethätern entdecken können. Praq. Der Gottesdienst für isr. Mittelschüler, der im hiesigen Tempel des Vereines für geregelten Gottesdienst stets Samstag Mittag stattfinden wird, wurde gestern eröffnet. Alle Räume des Tempels waren dicht besetzt. An 800 Studirende waren anwesend. Zu der Eröffnungsfeier waren unter Anderen erschienen der Herr Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld, das Mitglied des Landesschulrathes Herr Dr. Bendiener, Herr Direktor Dr. Chevalier und mehrere Mitglieder der isr. Cultusgemeinde-Repäsentanz. Herr Rabbiner Dr. Kaminka begrüßte zunächst in einer Ansprache die Studenten, worauf Herr Oberrabbiner-Stellvertreter Dr. Tauber die Exhorte abhielt. Der Redakteur des jungczechischen „Polaban" in Koli«, Hejnie, hatte, wie erinnerlich, im Frühjahre dieses Jahres die Auffindung der Leiche eines Dienstmädchens dazu benützt, um in dem dortigen Lokalblättchen das alberne Gerücht von einem Ritualmorde zu verzeichnen und die Bevölkerung gegen die Juden zu hetzen. Gegen Hejnie wurde die Anklage wegen Verbreitung falscher und beunruhigender Gerüchte erhoben, die heute vor dem Kreisgerichte Kuttenberg verhandelt werden sollte. Der antisemitische Ehrenmann, der aus der Fructificirung des Blutmärchens ein Geschäft machte, hat es jedoch vorgezogen, durchzubrennen und zur Verhandlung nicht zu erscheinen. Fe« Ule t o ». Der Hohepriester. Novelle von Jakob Frankfurter. II. Einer der schönsten und erhabensten Tage de8 Jahres ist der 6. im Monat Stvan, des Tag des Wochenfestes. Unseren Vorfahren war er von hoher Bedeutung, denn als großer National-Festtag vereinigte er alle Männer von Juda und Israel in feierlicher Versammlung, um für die glücklich vollendete Ernte zu danken, mit Worten und Geschenken, mit Gebeten und Opferspenden von den Erstlingen der neu eingebrachten Feldfrüchte. Von noch weit höherer Bedeutung ist der Tag für die Juden aller Zeiten durch die Erinnerung an die Offenbarung der zehn Gebote von Sinai, die an ihm geschah. Die zehn Gebote gaben Israel seine Kraft und Festigkeit, die es befähigten auszuharren im harten Kampf gegen seine zahlreichen Feinde, ste bilden den Grundstein zu dem gewaltigen Bau, der hinragt aus dem grauen Alterthum in die neueste Zeit, allen Stürmen Trotz bot und Zeuge war vom Entstehen und Vergehen vieler mächtiger Völkerstämme, Assyrer und Syrer, Babylonier und Römer, ste alle überdauerte das kleine Volk der Ebräer, über das sie triumphirt hatten, das ste mit ihren Heeren zertrümmert zu haben glaubten. Gesetz und Recht,