Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 99 (14.12.1893)
- Date
- 1893-12-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1876 der den Bau eines Waisenhauses für spätere Zeiten im Auge behält, wird zunächst seine Pfleglinge in anständigen Israel. Familien unterbringen und für ihre Verpflegung und Erziehung Sorge tragen. Nachdem der gründlich ausgearbettete Statuten- Emwurf durchberathen und angenommen war, wm de zum Präsidenten des Vereins Herr Dreyfus- Strauß und in den Vorstand die Herren Rabbiner Dr. Cohn, Dr. Nordmann, Dr. Wolf, Dreyfus- Brodski, Charles Braunschweiq und Jacobsohn gewählt. Wir wünschen dem Verein eine gedeihliche Entwickelung und eine segensreiche Wirksamkeit. Rußland. Man schreibt uns aus Petersburg unterm 26. November: „Das russische Reichsgesetzblatt publicirt soeben einen kaiserlichen Ukas, wonach den Juden gestattet wird, in den den russischen Edelleuten gehörenden Dörfern und Gütern sich anzusiedeln; der Aufenthalt in cen von Bauern bewohnten Ortschaften bleibt ihnen jedoch verboten. Dieser Ukas, welcher die theilweise Aufhebung der berüchtigten Lex Jgnattew bedeutet, hat seine Vorgeschichte, die die Lügen der russischen Antisemiten von der angeblichen Schädlichkeit der Juden am trefflichsten charakteristrt und die Unstichhalttgkeit der Judenverfolgungspolttik der russischen Regierung deutlich bekundet. Schon vor ungefähr vier Jahren hat der Adel der Kreisstädte Wernche-Dunjeprowsk, Melitopol und Alexandrowsk im Südweftgebiete sich an das russische Ministerium des Innern mit dem Ersuchen gewendet, man möge ihm gestatten, auf seinen Gütern Juden ansiedeln zu dürfen. Ihre Bitte motivirten die Petenten damit, daß sie sich der unmittelbaren Hilfe der Juden in ihren Geschäftsangelegenhetten nicht entschlagen könnten, und daß sie gegen die Juden nichts Compromittirendes vorzubringen imstande seien. Die Gesuche blieben unberücksichtigt. ... Da begannen die Ausweisungen der Juden aus den Dörfern der dem Ktewer Generalgouverneur unterstehenden Gouvernements, und auch die dortigen Gutsbesitzer, die stolzesten Namen des russischen Adels, empfanden allsogleich, was sie in den Juden verloren hatten. Die fabelhaft reichen Gutsbesitzer dieser Ortschaften, wie Fürst Rjepnin, Tereschtschenko, Charitonenko u. v.! A., die ihre kolossalen Geschäfte stets durch Juden ' besorgen ließen, fühlten sich nunmehr in ihren Interessen bedroht, und es soll vor Kurzem eine geheime Versammlung dieser Magnaten stattgefunden haben, worin beschlossen wurde, das Ministerium des Innern dringend um Zurückziehung der Ausweisungsbefehle gegen die Juden anzugehen. Thatsächlich erhielt das genannte Ministerium Mitte August eine Petition fast sämmtlicher Großindustrieller ‘ und Gutsbesitzer des Generalguberniums Kiew, worin nachdrücklichst betont ward, daß die Judenausweisungen aus den Dörfern den einheimischen Handel wie die Industrie arg schädigen, wobei die Petenten darauf hinwiesen, daß sie in ihrem langjährigen Verkehre mit den Juden genug Gelegenheit hatten, die Redlichkeit, den Fleiß und die Nützlichkeit derselben kennen zu lernen. Das Ministeriums mußte nolens volens dem Drucke dieser Petitionen nachgeben, und als Resultat dieser Nachgiebigkeit ist der soeben publicirte Ukas zu betrachten. Da jedoch das Ministerium nicht den Schein erwecken wollte, als ob man in Judenverfolgung inconftguent sei, zog es nur die Ausweisungsbefehle gegen die Juden zurück, welche auf die den russischen Edelleuten gehörenden Dörfer und Güter Bezug haben, und begründet die plötzliche Aufhebung der Judenausweisungen aus den adeligen Dörfern damit, daß die Edelleute für das gesetzliche Verhalten der Juden bürgen. Jedenfalls beweist diese Thatsache zum rtenmale, wie grundlos, wie unwahr, wie fantastisch die Beschuldigungen sind, welche die russischen Judenfeinde gegen die Juden in Rußland Vorbringen. (Fr. Bl.) •£- Vermischtes. < Berlin, im Dezember. Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen! Noch ist jedes antisemitische Herz schmerzlich berührt durch den traurigen Ausfall der Stadtverordnetenwahlen, da ertönt die frohe Botschaft, daß noch nicht Alles in Berlin verloren sei und in der Berliner Jugend sich „die sittliche Wiedergeburt des germanischen Stammes" vorbereite. In der Quarta des Dorotheenstädtischen Realgymnasiums hat sich ein „Deutsch-antisemitischer Schüler-Verein" gebildet, der die „Arroganz" der jüdischen Mitschüler, welche die besten Plätze in der Classe einnehmen, bekämpft, sie nicht an den Spielen theilnehmen läßt und sonstige bahnbrechende Reformen plant! Man munkelt bereits, daß der Verein gegen die Anstellung jüdischer Lehrer vorstellig werden wolle, und auch solche Lehrer, welche der überzeugungstreue Antisemit mit „Judengenossen" bezeichnet, von der Schule fernhalten möchte. Unter diesen Umständen scheint die Stellung des Direktors Schwalbe ziemlich erschüttert, obwohl der Ordinarius der Quarta in gänzlicher Verkennung der Absichten der ahlwardtisch inspirirten Jugend inzwischen ein Strafgericht über die germanischen Zöglinge verhängt hat. er. Hebron, im Dezember. Es wird den Lesern Ihres gesch. Blattes wohl bekannt sein, daß hier seit mehr als 7 Jahren Herr I. Makiel Mani, einer unserer angesehensten Glaubensgenossen, am hiesigen Gericht als Richter (Kadi) angestellt ist. Im Monat März des laufenden Jahres wurde der Genannte nun von einem mohamedanifchen College» aufs freie Feld und dann in eine Höhle gelockt, wo ihn der Schwager des Mohamedaners überfiel. Da Zeugen nicht vorhanden waren, mußte der mißhandelte Richter die Sache auf sich beruhen lassen. Als nun der Moslem merkte, daß sein jüdischer College die ihm widerfahrene Schmach stillschweigend eingesteckt hatte, brüstete er sich unlängst mit seiner Heldenthat in einem Gasthause. Dieser Tage lockte der edle Vertreter der Remis einen al-