Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 98 (11.12.1893)
- Date
- 1893-12-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Beilage zu M 98 -es „Israelit". Leitender Artikel. Der JJrain mit dem langen Kamen. Von StiftLrabbiner vr. Ed. Biberfeld in Karlsruhe. Vor jetzt rund einem Jahre tauchte auf dem Büchermärkte mit dem Titel „Schutzjuden oder Staatsbürger?" eine anonyme Schrift auf, deren pikanter Reiz lediglich in einem sich förmlich überschlagenden Haß- und Wuthausbruche gegen das traditionelle Judenthum und seine Bekenner bestand; einige Proben davon weiter unten. DaS Schriftchen wäre ebenso schnell vergessen gewesen, wie es erschien; waren ja die darin angebrachten Hetzereien und Denunctattönchen bet allem aufgewandten Eifer doch nicht im Stande das edle Vorbild der L e uß und Ahlwardt zu erreichen, geschweige denn zu überbteten. Zwei Umstände jedoch trafen zusammen das Leben der Eintagsfliege zu verlängern. Einmal nämlich knüpfte die Schrift ihre Kritik an einen Vorgang, der damals aller Orten im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stand, an den Petttionsentwurf, den der Berliner Gemeindevorstand, sonstigen Gepflogenheiten getreu, um Schutz gegen die Antisemiten zu erflehen, an die Krone richten wollte. So kam die erregte Stimmung, welche dieser Plan hervorrief, dem Schriftchen. welches Henkersdienste an demselben vollzog, zu Gute. Dann aber — und dies vor Allem — sorgte eine nach allen Regeln der Kunst arbeitende Reclame, die sogar, nach Waschzettelmanier der Reptilienküche gleichlautende günstige Besprechungen in die verschiedensten Tageszeitungen zu lanciren wußte, dafür, daß das etwas trübe Lichtchen, das in jener Schrift leuchtet, nicht allzufrüh erlosch. Daß die Schrift, indem sie gegen Andersdenkende Schmähungen schleuderte, den Geboten ethischer Kultur nicht eben gchorsamte, war schlimm; aber schlimmer noch fast war. daß ihre Auffassung auch nicht einmal als Ausfluß der in gewissen Kreisen so hochangeschlagenen staatsmännischen Klugheit erscheinen dürfte. Mußte doch jeder Kenner der Verhältnisse sich sagen, daß den Zwecken einer kräftigen Abwehr des Antisemitismus nicht eben sonderlich damit gedient sei, wenn man die ortho doxen Juden daran gemahnte, daß ihre Ideen- und Interessengemeinschaft mit dem Reformjudenthum, dem der antisemitische Ansturm in erster Reihe gilt, gleich Rull sei. Klugheit, wenn schon kein edleres Motiv hätte davor bewahren müssen, die konservativen Kreise vor den Kopf zu stoßen, denen oft genug, doch immer ohne Erfolg, von Seiten der Antisemitenführer der Gedanke an die Hand gegeben wurde, durch eine scharfe, klare Absage an das Reformjudenthum die Mitverantwortlichkeit für dessen Ausschreitungen abzuwälzen. Und war auch der namenlose Verfasser der Schrift solchen Erwägungen unzugänglich, so durfte man doch wenigstens bei denjenigen, die einer Zusammenfassung aller Kräfte zur Abwehr des Antisemitismus jederzeit das Wort reden, das Bestreben voraussetzen, jeden Zusammenhang mit einer Schrift weit von sich zu weisen, die die Zersplitterung dieser Kräfte auf ihr Programm geschrieben hat. Allein auch diese Erwartung — und das ist der Grund, webhalb wir heute Todte beschwören — wurde getäuscht. Im Sommer d. I. konstituirte sich „einem fühlbaren Bedürfnisse abzuhelfen" in Berlin ein Verein, dessen Name in seiner Ausführung allerdings lebhaft an seine Geburtsstnnde erinnert; denn laug wie ein Sommertag ist der Name „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens." Daß aber diese Ausführlichkeit der Klarheit der Tendenz besonders förderlich wäre, das zu behaupten dürfte schwer werden: denn was könnte ein „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" eigentlich nicht sein?! Man mag sich darunter ebensowohl eine Vereinigung von Skatwie von Rauchklubs vorstellen, und auch wer an eine Gesellschaft von Freunden des Schneeschuhlaufens dächte, wäre gerichtlich nicht zu belangen; denn auch das Coalitionsrecht zu Vergnügungen dieser Act ist dem deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens durch die Reichsverfassung gewährleistet. Seine eigenthümliche Charakterfärbung erhält der Verein aber dadurch, daß er sich selbst ein Krzeugniß der durch die oben gekennzeichnete Broschüre geschaffene Stimmung nennt, die festzuhalten und zu vei breiten sein Lebensziel sein soll. So heißt es in dem Berichte über die erste Versammlung des Centralvereins (S. 2. Spalte i): „Es wirkte daher geradezu zündend (sie), als in einer Broschüre von Dr. R. Löwen seid" (da wäre ja die Frage nach der Vaterschaft des Machwerks gelöst!) „Schutzjuden oder Staatsbürger?" den Empfindungen und den Anschauungen der gebildeten, deutschen Juden Ausdruck gegeben wurde und diese Broschüre die Gelegenheitsursache und der Ausgangspunkt wurde für eiuenZusa mmenschlutz der Juden. Es entstand der Central v er ei n u. s. w." Nun ist dieses „Enlftehen" an sich schon interessant und lehrreich genug als Beitrag zur Lö-