Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 97 (7.12.1893)
- Date
- 1893-12-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIV Jahrgmkg. M 07. Der Israelit. di» Kentrak-Hrgan für das orlhodore IudenLhum. Begründet von Df. Lehma«» i» Mai«A. Donnerftag, de« 7. Dezember 5654 (1893)« Leitende Artikel. Rabdi Salomo Spitzer V“j- Mainz, am 3. Tage des Chanukkafestes. Noch zitternd von tieftnnerer Erregung greifen wir zur Feder, um den Lesern des „Israelit" Mtttheilung zu machen von dem großen, unersetzlichen Verlust, den das ewig wahre unverfälschte Judenthum erlitten hat. Rabbi Salomo Spitzer Hfl in Wien ist verschieden. D’p^x in« np^> ’D ur«i Noch vor wenigen Wochen hatten wir das Glück den ehrwürdigen Greis mit den jugendlich heiteren und leuchtenden Augen M sprechen, ein Monat ist kaum verflossen, da lauschten wir bei fröhlichem Hochzeitsmahle den begeisternden und erhebenden Worten, die seinen redegewandten L ppen entströmten. R. Salomo war schon mehrere Jahre leidend und wir waren freudig überrascht, ihn bei unserem letzten Zusammensein so gesund aussehend und munter zu finden. — Gestern bringt uns nun der Telegraph die erschütternde Kunde, daß das, was wir für wiedererwachte Lebenskraft und Rüstigkeit gehalten, nur das letzte Aufleuchten des Gotteslichtes vor seinem Verlöschen gewesen. Nicht nur Wien hat verloren, das ganze Haus Israels mag mit heißen Zähren beweinen den Brand, den der allgütige, allweise, himmlische Vater gezündet hat. Weltbekannt war die umfassende Kenntniß unseres heiligen Gesetzes, die der Dahingeschiedene besaß, vielgerühmt wurde sein: Wohlthun und seine Menschenfreundlichkeit, gar Viele wußten von der überwältigenden Kraft seiner Rede zu erzählen. Auf all' dieses wollen wir hier nicht eingehen, wir haben hier in erster Linie die Bedeutung R. Salomo Spitzer's für die Geschichte des Wiener Judenthums zu schildern. In unseren Tagen hat durch den Einfluß der gemeinsamen äußerenZGefahren in vielen Kreisen der Gesetzestreuen ein Geist der Halbheit, eine Gleichgiltigkeit bet der Beurtheilung der Reformbestrebungen und deren traurigen Helden Platz gegriffen, der ernsteste Gefahren in sich birgt. Wir sind überzeugt, daß ein späteres Geschlecht, welches vorurthetlslos die Geschichte der Reformbewegung in Deutschland und Oesterreich lesen kann, seine Bewunderung jenen Männern nicht versagen wird, welche ihr ganzes Sein einsetzten, um dem Abfall und dem Verrath an der Religion entgegenzutreten, oder wenigstens einen kleinen Krets und das eigene Haus, vor der weit um sich greifenden Verheerung zu retten. Man spricht heute nicht gern von diesen Dingen, doch glauben wir bet dem Verluste Lines der Führer in jenen Heldeukämpfen nicht von dem schweigen zu dürfen, was ihn unS vor allem werth, unvergeßlich und unersetzlich macht. Achtzehn Jahre ungefähr wirkte R. Salomo schon segensreich in Wten als Rabbtnatsaffeffor der Gemeinde und Prediger der s. g. Pceßburger Synagoge, zuerst in der Ankerstraße, dann in der gr. Schiffgaffe; als im Januar 1871 die Nachricht, daß der Vorstand der Cultusgemeinde die Reform des öffentlichen Gottesdienstes resp. Eliminirung der aus den Wiederaufbau Jerusalems, die Ankunft des Messias und die Wiedereinführung des Opferkultus bezughabenden Gebetstellen im Geiste der berüchtigten Synodalbeschlüsse einführen wolle, die tiefste Erbitterung unter den jüdischen Gesetzestreuen hervorrtef. Es war damals eine große Partei, die sich für sofortige Trennung von der Cultusgemeinde aussprach; trotzdem zu erwarten stand, daß die Beschlüffe durch den Einfluß des damaligen Präses, des unvergeßlichen Baron Jonas Königswarter auf dem Papiere stehen bleiben würden. R. Salomo schilderte in meisterhafter Rede vor einer Volksversammlung die „Entfremdung vom Judenthum", welche in den genannten Reformbeschlüffen liegen, mahnte aber noch abzuwarten, um wenn irgend möglich den Frieden zu erhallen. Im selben Jahre starb Baron Königswarter und schon am 21. Januar 1872