Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 96 (4.12.1893)
- Date
- 1893-12-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIV.AJahrgang. " M 96. Der Israelit. «n AenLrak-Hrgan für das orthodore Zudenlyum. Begründet von Dr. Lehma«« tn Mai«-. Montag, den 4. Dezember 5654 (189S). Leitender Artikel. Arische Slammesvorzüge und Semitische Racerrfehler. Von Rabbiner Heinrich Galandaner in Soborten (Böhmen). Unser aufgeklärtes Zeitalter, welches auf dem Gebiete der Wissenschaft und der Technik die vergangenen Zeiten weit überragt und gewohnt ist, täglich neue Triumphe zu feiern, welches unablässiig bemüht ist die Namrgeheimnisse zu ergründen und mit kritischem Blicke allen Dingen aus den Grund zu kommen sich bestrebt, cs hat seinen Forsckungssinn auch ausgedehnt auf das Gebiet der Völkerpsychologie, es richtet sein prüfendes Auge auf die Wesenheit, auf die Eigenthnmlichkeit, auf die natürliche Beschaffenheit, auf den Ursprung und die Entstehung der verschiedenen Völker und Nationen. Würde man sich bei solchen Studien darauf beschränken nur rein wissenschaftliche Resultate zu erzielen, so wäre dies sicherlich des Dankes und der Anerkennung der Besten und Edelsten wcrth; allein diese Forschungen dienen weiten Kreisen leider nur dazu, um willkürliche Schlüsse und Ergebnisse aus denselben zu ziehen, wodurch sie die Bornirtheit und falsche Selbstgefälligkeit des eigenen Stammes bis zur Krankhaftigkeit steigern und zur Herabwürdigung und Geringschätzung des andern Stammes aufreizen. So ist es nun gekommen, daß die eine Nation gegen die andere sich maßlos überliebt, die höchsten Tugenden sich selbst zuschreibt und der andern die größten Laster andichtct, daß ein Volk aus das andere mit Mißtrauen und oft mit Verachtung blickt, dessen Stammeseigenheiten tadelt und seine Herkunft bemängelt, dadurch verschließt sich der Mensch gegen den Menschen, der Stamm gegen den Stamm, Confession gegen Confession, Race gegen Race und alles was nicht gleich ist dem andern in Sitte, Art. Abstammung und Bekenntniß wird als fremdartiges, schädliches Element gemieden und womöglich auszuscheiden gesucht. Man sollte es nicht glauben, daß unsere Zeit, welche durch ihre Errungenschaften in der Technik und Wissenschaft, durch die Eisenbahn, den Telegraph, das Telephon u. s. w. und durch die rasch aufeinandcr folgenden internationalen Expositionen tn den verschiedenen Weltstädten doch wahrlich so sehr geeignet ist die weitesten Völker einander näher zu bringen und die ganze Menschheit als eine Bölkerfamtlie zu betrachten, man sollte es nicht glauben, daß es möglich ist in dieser Zeit eine solche Unduldsamkeit, eiuc solche Avschlletzung, eine solche DchelöUNg unter den verschiedenen Nationen herbeizuführen. Und doch ist es so. Wir leben im Rechtsstaate, wo die Gleichberechtigung aller Unterthanen zu dessen Grundgesetzen gehört, und dennoch wüthet der Nationalitätenkampf und der Klassenhader unter den meisten Culturvölkern Europas, sie sind alle gleichberechtigt einander zu befehden, zu bekriegen, zu Haffen, und mögen sie auch Söhne eines Landes, Kinder eines Volkes, Bürger eines Staates sein, es thut nichts, sie haben das Recht in grimmiger Feindschaft einander zu bekämpfen, wenn der Eine sieht, daß der Andere ihm nicht in Allem, in Sitten, in Religion, in Race, in Abstammung, in Sprache und selbst im Laster vollkommen gleicht. Der Rechtsstaat kann und darf ein solches Recht, insolange es sich in den Schranken der bestehenden Gesetze betbätigt, wohl niemandem streitig machen, weil jedem Individuum gestattet sein muß zu empfinden nach seiner Eigenart, zu lieben oder zu Haffen wen es will und diese Empfindungen zu äußern, dieses Recht räumt die Gleichberechtigung jedem Einzelnen in gleicher Weise ein, aber tief zu bedauern ist es, daß ein solch kostbares unschätzbares Gut, wie es die Gleichberechtigung ist, sein eigentliches Ziel, nämlich die g l e i ch e W e r t h s ch ä tz u n g aller Bürger untereinander, verfehlt und nur dem Zwecke dient, daß alle Unterthanen das gleiche Recht haben