Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 95 (30.11.1893)
- Date
- 1893-11-30
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIV. Jahrgang. Weite Beilage zu M 95 -es „Israelit". Zeitungsnachrichten und Correfpondenze«. Deutschland. Berlin. (Die Juden sind keine Deutsche, aber die Deutschen sind Juden.) Ein köstliches Stück Nemesis, wie es sich in den folgenden Verhältnissen bemerkbar macht, verdient zur Erheiterung der Semiten und zum Entsetze» der Antisemiten, ein wenig niedriger gehängt zu werden. — Es wird allgemein darüber geklagt, daß Deutsche im Auslande ihr Deutschthum vielfach verleugnen, es jedenfalls aber vernachlässigen und es so mit der Zeit gänzlich abstreifen. — Pastor Wagener aus K a p st a d t hat in einem Vortrag, den er im Hamburger Schulverein kürzlich hielt, sich über die Einwanderer deutscher Abstammung folgendermaßen geäußert: „Wohin ist ihr Deutschthnm gekommen? Sie streifen es ab, sobald sie aus dem Vaterlande kommen. Wo es gut ist, da ist mein Vaterland, sagen sie und vergessen, daß sie eine Heimath haben, daß Vater und Mutter und sie selbst Deutsche sind. Ja, es ist soweit gekommen, daß ein Mann von deutscher Abstammung in einer öffentlichen Versammlung von Engländern laut verkündete: Was die Wanzen für ein Haus sind, das sind die Deutschen in der Allgemeinheit; man muß sie austreiben mit Dampf. — Das ist Wahrheit und keine Uebertreibung. Wo sind die vielen deutschen Missionare, die mit deutschem Gelde sich nach Südafrika senden ließen? Keiner von ihnen gehört der deutschen Gemeinde an. Hunderte und Tausende sind verloren. Wäre nur die Hälfte derselben treu geblieben, — es würde anders stehen um das Deutschthum in Afrika. — Zwischen den Holländern und Engländern besteht eine Kluft, die wohl nie überbrückt werden wird. Kommt zu Ersteren ein Fremder und sagt: Ich bin ein Deutscher, so wird er freudig willkommen geheißen, wogegen der Engländer nirgends Gastfreundschaft findet." Das Merkwürdige ist nur, daß die Juden, denen ihre Feinde das Deutschthum consequent absprechen, demselben selbst im Ausland treu bleiben und zähe an ihm festhalten. „Bemerkenswerth ist", fügt Herr Pastor Wagener hinzu, „daß alle Juden sich in Südafrika als Deutsche ausgeben; mag man daher noch soviel versuchen, dem Transvaal - Bauern klar zu machen: Ich bin kein Jude, sondern ein Deutscher, — die Antwort lautet: Na ja, das ist daffelbe. Im Großen und Ganzen aber erfreut sich der Deutsche, wie schon angedeutet, doch ziemlichen Ansehens." Ganz aus dem Häuschen geräth ob dieser Thatsachen, die hiesige „Tägliche Rundschau" welcher ein Leser schreibt: „Wie die uns stammverwandten plattdeutschniederländischen Buren, deren Präsident Krüger sich mit dem Fürsten Bismarck plattdeutsch unterhalten konnte, so ist auch ein uns ebenso nahe stehendes Volk Europas des Glaubens, daß Juden Deutsche und — Deutsche Juden sind; es sind dies die Schweden. Ein schwedischer Maler, den ich 1891 in München kennen lernte, erzählte mir, daß der gemeine Mann in Schweden d. h. die schwedischen Bauern, Handwerker und Arbeiter die Juden nicht Juden, sondern „Tysker", d. i. Deutsche nennen; ein Tysker ist ein Jude. Das naive, ungebildete Volk muß also dort glauben, daß alle Deutschen — Tysker d. h. also Juden sind, da eben nur Juden als Tysker gelten. Eine Vorstellung, die einem jeden Deutschen die Röthe des Zorns und der Empörung in die Wangen treiben muß! Die Benennung erklärte sich mein Gewährsmann dadurch, daß, die meisten in seiner Heimath ansässigen Juden aus Deutschland, Polen und den russischen Ostseeprovinzen eingewandert seien, und sich als Deutsche ausgegeben hätten, oder weil sie die deutsch-jüdische Misch, spräche gesprochen hätten, für Deutsche gehalten worden seien. So wird im Ausland die Bezeichnung „Deutsch" in Mißkredit gebracht! Wer will ermessen, wieviel die „deutschen" Juden überall im Ausland zu der Feindschaft beigetragen haben, der wir uns fast rundherum zu unserem Staunen bei unseren Nachbarvölkern zu erfreuen haben!" Ja, das ist auch noch eine Sette der Judenfrage, über die sich ein eigenes und sehr lehrreiches Kapitel schreiben ließe." In der That über diese Seite der Judenfrage ließe sich ein eigenes Kapital schreiben. Die Vollblutgermanen geriren sich als alleinige Generalpächter des Deutschthums, um es im Ausland verleugnen zu können, und dort gelten die Juden als Deutsche par excellence! Ein Kenner des Auslands stellte das Ansehen der Deutschen dort als im Großen und Ganzen erfreulich hin, die „Tägliche Rundschau" instnuirt dagegen dem Ausland Feindschaft gegen die Deutschen, um diese Feindschaft den Juden auf's Kerbholz setzen und lehrreiche Kapitel ankündigen zu können. Ließe sich darüber nicht auch ein eigenes Kapitel und vielleicht mehr als eines schreiben?