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Der Israelit · 1893-11-27 · Heft 94 (27.11.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 94 (27.11.1893)
Date
1893-11-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
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„Willst Du mich denn ins Haus lassen, mich schlechten Kerl!" schrie er ihn an, indem er sich breitspurig vor den Juden stellte. „Ich wollts keinem anderen rathen, Dich so zu tituliren", cntgegnete lachend der Trödler. „Magst Recht haben, aber Du darfst's. Ich habe Dir Unrecht gethan." „Laß doch die alten Dinge ruhen und komme herein, wenn Du etwas von mir willst." Der Bauer trat in den Laden. Dann nahm er sein Noiizbuch aus seinem Rock, öffnete dieses und entnahm demselben eine stark zerknitterte Banknote. „Kennst Du diesen Schein?" fragte er triumphirenden Blicls den Trödler. „Woher soll ich ihn kennen?" entgegnete dieser. „Es wird ein Schein sein, wie jeder andere auch." „Nein, das ist er nicht. Es ist der Schein, der mir gefehlt hat und der Schuld war, daß ich Dich in so schlimmen Verdacht hatte. Gestern haben wir ihn gesunden und Du bist glänzend gerechtfertigt. Heute bin ich gekommen, um mir Deine Verzeihung zu erbitten für das Unrecht, das ich Dir gethan." „Lasse doch endlich diese Sache ruhen und erzähle mir lieber, wo Ihr den Schein gefunden habt." „Wo wir ihn gefunden haben? In meiner Rocktasche zwischen Futter und Stoff. Wie er hinein gekommen ist, bleibt mir ein Räthsel. Meine Frau zertrennte gestern den alten Rock und fand den Schein. Ich habe sofort im ganzen Dorfe die Sache bekannt gemacht, und jeder Zweifel in Deine Ehrlichkeit ist zerstreut. Hoffentlich bist Du auch wieder bereit, Geschäfte mit mir zu machen." „Wenn Dein Vertrauen zu mir zurückgekehrt ist, ist mir's recht; im anderen Falle thust Du besser Dich an jemand anders zu wenden. Es ist kein Geschäft möglich ohne gegenseitiges Vertrauen, und ein Schuft ist derjenige, der das Vertrauen eines Menschen täuscht." Koppel konnte sich nicht weiter mit dem Bauern unterhalten. Es kamen andere Kunden, die ihn beanspruchten und so nahm Caspar herzlich Abschied. Am anderen Tage hielten die stattlichen Pferde des Bauern vor dem Geschäfte des Trödlers und der Fuhrmann lud zwei Säcke des schönsten Zwergobftes ab, wobei er einen schönen Gruß von der Bäuerin ausrichtete und Herr Koppel möge sich das Obst schmecken lassen. So war der Trödler glänzend gerechtfertigt, die Ehrlichkeit des Juden zweifellos erwiesen. Der Sommer neigte sich seinem Ende zu. Aus dem Seebad, wo die Mutter Marthas Kräftigung ihrer Gesundheit gesucht und gefunden hatte, trafen fast täglich Briefe für den Trödler ein, und das. was der Mund auszusprechen sich gescheut hatte, war der Feder entschlüpft und mit Jubel hatten beide aus den Briefen ersehen, wie sehr fie sich gegenseitig achteten und liebten. Die junge Frau sowie auch Martha hielten es nicht länger in der Ferne aus; die Sehnsucht trieb sie nach der Hetmath, woselbst ein treues Herz sie nicht minder sehnsüchtig erwartete. Als der Zug, der sie nach Hause trug, spät Abends brausend in die Halle fuhr, da klopfte das Herz des Trödlers stürmisch, da hatte ihn die gewohnte Ruhe verlassen und aufgeregt suchten seine Augen den Zug entlang die lieben Gesichter. Jetzt stand der Zug stille. Die Thüren wurden geöffnet und die Passagiere verließen die Wagen. Koppel blickt hin und her; er konnte die Erwarteten nicht finden. Sollten sie nicht in diesem Zuge sein? Da, ganz am Ende des Bahnsteigs stieg eine Dame mit einem kleinen Mädchen aus. Es war Martha und ihre Mutter. Jetzt hatte Martha auch ihn erblickt, sie riß sich von der Mutter los und stüimte auf den Trödler zu. Nun hing sie auch schon an seinem Halse und bedeckte sein Antlitz mit Küssen, indem sie laut rief: „Onkel, lieber Onkel, jetzt sind wir wieder bei dir; wie froh bin ich." Die Mutter wollte dem Ungestüm Martha's wehren, aber Koppel sagte: „Lassen Sie das Kind nur, auch ich freue mich Sie wieder zu sehen." Mit innigem Händedruck hieß er die Mutter willkommen, die in Gesundheit und Schönheit strahlend vor ihm stand. Aus der bleichen, kränklichen Frau war ein blühendes Weib geworden, das jetzt hocherrötend an seiner Seite ging. Diese Bewillkommungsart fand jedoch nicht Marthas Gefallen. Sie erhob sich auf ihre Zehen und sagte der sich zu ihr niederbeugenden Mutter, leise — wie Kinder es eben thun — ins Ohr: „Mama! warum giebst du Onkel keinen Kuß?" Ob der Onkel diese Worte gehört hatte? Es mußte wohl so sein, denn erschrocken drehte er sich um, winkte einem Gepäckträger herbei und ließ das Gepäck in einem, vor dem Bahnhof haltenden Wagen schaffen, dann stiegen sie ein und im Trabe ging es dem Hause zu. Martha erzählte fortwährend dem Onkel, dem die helle Freude so aus den Augen leuchtete. Hand in Hand saß sie mit ihm da und erzählte, während die Mutter selig lächelnd zuhörte. Martha war längst zu Bette gegangen und ihre regelmäßigen Athemzüge hallten aus dem Kämmerchen und bewiesen den gesunden Schlaf,

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