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Der Israelit · 1893-11-23 · Heft 93 (23.11.1893) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 93 (23.11.1893)
Date
1893-11-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1769 loS zu werden, hatten sie damals bereits angegeben, daß die Juden nicht nur die Preise verderben, sondern überhaupt nichts von der edlen Schneiderkunst verständen und Pfuscher wären, die das Handwerk entwürdigen, auch seien viele Juden nur auf ihrem Gewerbeschein Schneider, während sie in Wirklichkeit Handel u. A. nachgingen, der Gewerbeschein diene nur als Mittel zur Erhaltung des Aufenthaltsrechtes in der heiligen Stadt. Damals wurden die Geschäftsantisemiten mit der Mottvirung abgewiesen, daß die das Handwerk betreffenden Gesetzesnormen vor solchen Schwindlern schütze, und wenn welche endeckt würden, würden sie — ob Jude, ob Christ — die Strenge des Gesetzes erfahren. Nun haben die antisemitischen Kleidermacher eine schwarze Liste von jüdischen Schneidern der Behörde unterbreitet, welche angeblich ohne Gewerbeschein und ohne Aufenthaltsberechtigung der Schneiderei in der Czarenstadt leben, es ist abzuwarten, was dieser antisemitische Auswuchs noch zeitigen wird. — ■¥• Vermischtes. Wiesbaden, 13. Nov. In voriger Woche fand hier eine interessante Gerichtsverhandlung statt. Sie betraf die Privatbeleidigungsklage des Musikalienhändlers Heinrich Wolfs gegen den Redakteur des antisemitischen „Westdeutsch. Volksbl." Kaiser!. Direktor a. D. Rittner in Saarbrücken und den als Verbreiter ermittelten Kohlenhändler Ph. Rossel. Wolfs war in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der hiesigen Turngesellschaft im „W. V." im Februar d. I. angegriffen worden; u. A. hieß es in dem Artikel in Bezug auf W.'s Wahl als Präsident: „Ob da nicht manchem Turner die Schamröthe ins Gesicht tritt!" Eine ganze Reihe solcher Artikel gegen hiesige jüdische Bürger erschien damals in jenem Blatt, das von dem kleinen Häuflein hiesiger Antisemiten eifrig verbreitet wurde. Wolfs, der übrigens konfessionslos ist, steht schon mehr als 18 Jahren in vorderster Reihe der Turner unseres Kreises und auch in diesem Jahr ist seine Wiederwahl erfolgt. Der Redakteur des „W. Volksbl." suchte die Schuld von sich abzuwälzen, indem er vorgab, der Artikel sei hinter seinem Rücken von einem Lehrer Bartsch, früher hier, jetzt in Dresden, in die Druckerei gegeben worden und so ohne sein Vorwiffen in das Blatt gelangt. Der Gerichtshof lehnte die in dieser Richtung gestellten Beweisanträge ab und verurtheilte R. in eine Geldstrafe von 50 Mark, Publikation des Urtheils und in die Kosten. Die Schuld des Roffel, der in eine Geldstrafe von 30 M. verfiel, wurde auf eigenthümliche Art ermittelt. Roffel, ein eifriger Antisemit, versandte das betreffende Blatt unter Kreuzband an die Vorstandsmitglieder der Turngesellschaft; er benutzte als Umschläge einen in Streifen geschnittenen Baubescheid der hiesigen Polizeidirektion und machte seinen Namen jdurch vielfaches Durchstreichen wie er meinte, unkenntlich. Die Adreffaten trafen sich zufällig Abends. Jeder zog seine Sendung heraus, man legte die einzelnen Streifen zusammen und der Baubescheid war wieder da mit Nummer und allen Merkmalen. Der Schreibsachverständige stellte außerdem noch die Uebereinstimmung der Handschrift des AdreffenschreiberS mit einer von R. herrührenden Rechnung fest. So war kein Zweifel mehr über den Absender und R. wurde als „Verbreiter" mitbestraft. Berlin. Der hiesige Lokal-Anzeiger berichtet: Die erste Berliner Kinder-Volksküche, Stralfunderstraße 68, ist gestern hier eröffnet und damit im Norden der Residenz eine neue Stätte praktischer Humanität geschaffen worden, die sich des regsten und herzenswärmsten AntheilS aller edeldenkenden Menschen zu erfreuen hat. Die private Hilfsbereitschaft für unsere Kinder, für die Heranwachsende Generation namentlich derjenigen Armen und Leidenden, die positiv außer Stande sind, ihrer Familie den nothwendigsten Lebensunterhalt zu gewähren, hat schon viele Formen und Normen zur Bethätigung der Milde und Menschlichkeit gefunden, und auch außerhalb der eigentlichen Vereinskreise hat gerade diese opferfreudige Freiwilligkeit ebensoviel Sympathien erweckt, wie öffentliche Einrichtungen hervorgerufen, die höchste Anerkennung verdienen. Aber gerade das unentgeltliche oder für einen Minimalpreis zu erreichende, kräftigende Mittagbrod jener etwa 7—8000 Kinder, denen man ein Frühstück oder warme Milch bisher bieten konnte, war eine offene Bedürfnißfrage, speciell im Norden und Osten der Metropole. Die neue „Kinder-VolkSküche" — selbstredend confessionslos — ist von Männern praktischer Erfahrungsreife auf dem viclumworbenen Gebiet der täglich gebieterischer hintretenden HumanitätS- und Noth-Fragen in Scene gesetzt. Die Räume sind hell und luftig — überall herrscht ausgesuchte Reinlichkeit und wohldiSciplinirte Accurateffe — die Küche ist nach Muster bewährter ähnlicher Institute eingerichtet — Alles macht einen wohlthuenden, anheimelnden Eindruck der Ordnung und der praktischen Ueberlegung. Wir mochten die Bitte aussprechen, daß recht viele Freunde und Gönner derartiger Bestrebungen sich die Arrangements an Ort und Stelle anfehen, — das dürfte das zweckentsprechendste Mittel sein, einen umfassenden, weit ausgedehnten Verein zu schaffen, der selbstverständlich aus die freiwillige LiebeSgaben-Thätigkeit angewiesen ist! Zunächst haben 12 Rectoren umliegender Gemeindefchulen über 300 Kinder angemeldet, deren directe Hilfsbedürftigkeit nachgewiesen ist. Solche Kinder erhalten ein Mittagbrod zwischen 12 bis 2 Uhr unentgeltlich. Unlegitimirte Kinder erhalten das Esten vorläufig für fünf Pfennige. Wir haben die Speisen an Ort und Stelle gekostet und sind erftamtt über die Schmackhaftigkeit und Fülle — nur die thatkräftigste Unterstützung wird das aufrecht erhalten können. Die Humanität der Residenz ist fprüchwortlich bekannt und gerühmt; es wird nur dieses ersten, oberflächlichen Hinweises bedürfen, um die Herzen für diese neue Slätte der Barmherzigkeit zu erwärmen. Das Bureau befindet sich Alte Jacobstratze 57,59 bei dem Vorsitzenden Herrn H. Abraham. An diese Stelle und an den Herrn Rendanten, Stadtverordneten Riemer Bischofftr. 2-3, sind alle Beiträge einzusenden. Herr Abraham eröffnete die neue Kinder-Volksküche mit schwungvollen und stimmungsvollen Worten, worauf die Kleinen fröhlich an ihr Mittagsmahl gingen. Möge der Segen von oben dem Unternehmen allzeit zur Seite stehen! Budapest. Eine arme jüdische Gemeinde im BacSer Comitat ist durch eine Stiftung plötzlich reich geworden. Benjamin Ungar, welcher der „Nabob von Alt-Moravicza" genannt wird, hat nämlich der jüdischen Gemeinde von Alt- Moraviza, welche bisher ihre Schule nur mit Mühe erhalten konnte, 40,000 Gulden gespendet und nur die Bedingung gestellt, daß in der Schule die Kinder ungarisch unterrichtet werden, und daß aus den Zinsen jährlich 200 fl. solchen armen Mädchen als Mitgift gegeben werden, die in dem betreffenden Jahre heirathen. Schütteuhofeu (Böhmen). In unserer Gemeinde wurde Herr Dr. Wohl st ein einstimmig zum Rabbiner gewählt. Im Cafv Royal, Frankfurt a. M., Zeil 18, liegt der „Israelit" offen, worauf wir Freunde unseres Blattes aufmerksam zu machen unS erlauben.

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