Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 92 (20.11.1893)
- Date
- 1893-11-20
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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1?54 stacht nahmen vor der russischen Bosheit, sich dieser Richtung angeschlossen hatten. Leider har ein großer Bruchtheil von ihnen gezeigt, daß sie den grellen Ukbergang von panslavischer Knechtschaft zu französischer Freiheit nicht zu ertragen verstanden, daß fie das moderne Leben mit dem religiösen nicht in Harmonie zu bringen wußten, und es ist besonders das jüngere Geschlecht dieser Eingewanderten, das mit der Religion fast ganz gebrochen hat. Im westlichen Stadttheil scheint jüdisches Leben wieder zu keimen, und dies ist vorzüglich einer Familiengruppe zu danken, die in der Förderung deffelben überall thätiq mitwiikt, ideell und materiell. Die Hauptstütze findet der altjüdische Geist der Metropole in seinem Norden. Hier schart sich ein wackeres Häuflein fahnentreuer Kämpfer für alles, was dem Juden hehr und heilig ist, um mehrere nron, die sich die Erhaltung des überlieferten Judenthums zur Aufgabe gemacht haben. Zwei derselben Les Soci6t6s de l'E'tude Talmudique et Patriarche Abraham verfolgen mit vereinten Kräften dieses Ziel durch Einrichtung einer Synagoge, durch Anstellung spezieller v'vmv, durch Thorastudium, überhaupt durch alle Anstalten, die zur Erfüllung des erhabenen Zweckes beitragen können. Ihre Mitglieder rekrutiren sich meistenthetlS aus französischen Juden, deutscher oder elsäffischer Abkunft, und unter ihnen finden sich Angehörige Frankfurter Familien, die als Bahnbrecher für die Orthodoxie Deutschlands fich verdient machten. An der Spitze dieser Vereine wirken Herr Dr. med. Klein, der Mitglied des Consistortums ist und in der Weltstadt, ebenso wohl als echter 'irr, wie als Arzt und Mensch, vielgerühmtes o»n rn’p hervorruft, und Herr Josef Tedesco, einer der Chefs des bekannten HauseS Tedesco Fr&res, dessen Besitzer als opferwillige Vertreter des gesrtzestreuen Judenthums fich einen Namen erworben haben. Unter dieser bewährten Leitung haben sich die besprochenen Vereine zusehends erweitert und verstärkt, so daß der Wunsch nach Beschaffung einer neuen ansehnlicheren Synagoge rege wurde. Man wird begreifen, daß die Unterhaltung separater Gemeindeanstalten in Parts einer kleinen Anzahl von Betheiligten bedeutende finanzielle Opfer auferlegt, und daß die Errichtung einer neuen Betlokalttät solche erheblich steigert; dennoch sind die erforderlichen Summen von denselben freudig und freiwillig gezeichnet worden. Heute ist die neue Gebetstätte mit entsprechender Feierlichkeit ihrer Bestimmung übergeben worden. Es hatten fich zu derselben sämmtltche Rabbiner der Stadt, ohne Unterschied der religiösen Richtung, eingefunden, was wohl als ein Beweis dafür gelten mag, welche Anerkennung man dieser Sondergemetnde sogar in den Reihen Andersdenkender zollt; zugleich haben diese Herren dadurch ein nicht zu verkennendes Beispiel von edler Tolerayss gegeben. Dem Gottesdienste wurde durch die Mitwirkung eines gut geschulten Chores unter der Direktion des Herrn Henri Cohen eine angemessene Würde verliehen. Der erste Redner war Herr Rabbiner Weis köpf, der geschätzte geistliche und geistige Leiter der Gemeinde. In beredten Worten erging er sich über die Wichtigkeit des Gotteshauses und seine hohe Bedeutung, sowie über den doppelten Zweck des neu eröffneten, nämlich als Stätte, wo die Gebete Erhörung finden werden, und als Vereinigungspunkt aller, die an der Erforschung unserer heiligen Lehre regen Antheil nehmen wollen. Sodann bestieg Herr Zadoc Kahn, Oberrabbiner von Frankreich, die Kanzel. Mit philosophischer Redegewandtheit bemühte er sich darzulegen, daß Religion und Moral unzertrennlich seien, und daß jene nur dann ihren wahren Werth habe, wenn sie von dieser durchdrungen sei, er ermunterte zum Fortschritte auf der beschrittenen Bahn und beglückwünschte die Gemeinde zu ihrer gedeihlichen Entwicklung. Die gediegene Rede des Herrn Dreyfuß, Oberrabbiner von Paris, war voll des Lobes, das er für das Streben der Gemeinde hegt. In den gewähltesten Ausdrücken spendete er ihr unbegrenzte Anerkennung, voll der Freude, daß im Schooße der Pariser Judenheit eine angesehene Vereinigung anzutreffen ist, wo man noch mit der größten Gewissenhaftigkeit auch die kleinsten religiösen Gebräuche aufrecht erhält. Alle Ansprachen wurden mit viel Beifall ausgenommen, und die der beiden letzten Herren machten einen um so besseren Eindruck, als deren religiösen Anschauungen ja wesentlich von denen der in Rede stehenden Vereine abwetchen. Die neue Synagoge ist geräumiger und schöner als die bisherige war, und dem Comltö gebührt der aufrichtigste Dank für die Hingebung, mit welcher es die übernommene Ehrenpflicht zu erfüllen wußte. Da nun heutzutage leider auch das Aeußere eines Cultus für viele ein maßgebender Faktor in der Mitgliedschaft zu einer Reltgions gesellschaft ist, so darf man sich wohl der Hoffnung hingeben, daß die Gemeinde hiermit in ein neues Stadium ihrer Entfaltung eingetreten ist. Möge es ihr mit der Hilfe des Allmächtigen gelingen, einen noch größeren Kreis für ihre heiligen Interessen zu begeistern und so im Lande der Aufklärung aufklärend wirken über das Wesen des allein echten und allein existenzfähigen Judenthums. > Vermischtes. >4- In MiSkolcz ist vor einigen Tagen eine Frau Namens Rosa Kohn im Alter von 118 Jahren gestorben. Kinder, Enkel, Urenkel und Ururenkel gaben ihr das Geleite zum Grabe.