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Der Israelit · 1893-11-20 · Heft 92 (20.11.1893) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 92 (20.11.1893)
Date
1893-11-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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nen, aber er wird nicht helfen, denn auch er untersteht den ewigen Naturgesetzen." „Nein, nein," entgegnete Koppel entsetzt, „das kann nicht sein. Gott ist Herr der Natur und hoch über derselben erhaben. Sein Wille ist für ihn Gesetz und kein anderes bindet ihn. Recht und Gerechtigkeit sind die Stützen seines Thrones, Gnade und Wahrheit gehen vor ihm her. Was er beschließt, das geschieht und die Verwirklichung seiner Beschlüsse wird durch kein Naturgesetz vereitelt. Für uns Menschen freilich ist sein unerforschlicher Rathschluß oft dunkel und wir meinen Unglück und Willkühr zu sehen, wo doch zu unserem Besten Seine Gnade waltet, Sein heiliger Wille Recht und Gerechtigkeit ausübt. „Vertrau auf den Ewigen, ihre Hilfe und ihr Schutz ill er." Leise mit dem Kopf nickend hatte die Kranke den eindringlichen Worten des Trödlers zugehört. Ihre Brust hob und senkte sich in rascher Folge, ihre Augen waren geschlossen und nervös spielten ihre hageren Finger. Der Trödler hielt einen Augenblick inne. Da sagte sie mit leiser, zitternder Stimme: „Sprechen Sie nur weiter, ich hörte meinen seligen Vater vor langer, langer Zeit so sprechen und ich denke an die glückliche Zeit meiner Kindheit. Ach, mein Kind, meine Martha, wie unglücklich ist sie. Ihre Kindheit ist dahin, ehe sic dieselbe begonnen. Den Vater verlor sie, ehe sie seinen Namen stammeln konnte und letzt wird ihr auch noch die Mutter genommen und allein und fremd bleibt mein Kind in dieser falschen Welt zurück. Wer wird ihre Kindheit beschützen, sie in ihrer Jugend leiten? Zu wem wird sie eilen können, welchem Herz das anvertrauen dürfen, was sie erfreut und betrübt? Arme Martha.' Du hast keine Seele, die um Dich bangt, kein Herz, das sich nach Dir sehnt, einsam bist Du und verlassen, eine elterlose Waise! —" „Noch ist Ihr Kind nicht so verlassen, noch Ihre Martha keine elternlose Waise, denn noch leben Sie. Und unser Gott, der die Toten zu neuem Leben einst erwecken wird, er kann auch Ihren die Gesundheit wieder geben, Ihr Leben noch lange Zeit erhalten. Und sollte es in Seinem unerforschlichen Rathschluß anders bestimmt sein, so ist Ihre Martha nicht verlassen. Ich will sie annehmen an Kindesstatt, will sie halten und Pflegen, als ob sie mein eigen wäre." Heiße Thränen rollten über das weiße Antlitz der Kranken und ein Schluchzen erschütterte den schwachen Körper. Mit Mühe faßte ne nach der Hand des Trödlers und umschloß diese mit schwachem Drucke. Darauf sagte sie mit kaum hörbarer, zitternder Stimme: „Dank, tausend Dank; ich habe mich nicht ' getäuscht. Nun mag das Ende kommen. Ich fürchte jene dunkle Pforte nicht, die am Ende unseres Lebens steht. Doch müssen Sie wissen, wem sie Ihre Liebe zuwenden wollen. Dort, in jenem Schränkchen steht ein Kästchen, in welchem Sie unsere Familienpapiere finden werden. Nehmen Sie es jetzt schon an sich und bewahren Sie es meinem Kinde. Sprechen Sie manchmal mit ihm von seiner Mutter, deren letzte Worte ein Segen für ihr Kind sein wird." Koppel versprach dieses; dann nahm er aus einem Schränkchen ein kleines Kästchen aus Ebenholz, wozu ihm die Kranke noch einen kleinen Schlüssel gab, steckte beides zu sich und eilte wieder ins Geschäft, nachdem n der Wärterin versprochen hatte, vom Zeit zu Zeit heraufkommen und Nachsehen zu wollen. Erst spät am Abend konnte Koppel sein Geschäft schließen. Dhut eilte er noch rasch zu dem verunglückten Bauern, dessen junge Frau im Laufe des Nachmittags angckommen war, um sich nach dem Befinden Caspars zu erkundigen. Er wurde von der weinenden Frau empfangen und in das Krankenzimmer geführt. Der Bauer lag noch immer bewußtlos da, doch hatte sich sein Aussehen gebessert und die Bleifarbe seines Gesichtes war einer tiefen Blässe gewichen. Seine Frau weinte in einem fort und fragte unter Thränen, ob cs nicht gerathen wäre, einen Priester zu holen, durch dessen kräftiges Gebet das Bewußtsein vielleicht wiederkeyren würde. Auch müsse man den Mann mit den Sterbesakramenten versehen, damit er im schlimmsten Falle zur Reise ins Jenseits gerüstet sei und nicht erst im Fegefeuer für diese Unterlassungssünde büßen müsse. Koppel versprach alles zu besorgen, und bald nachdem er sich entfernt hatte, erschien der Kaplan mit seinen Ministeranten, um dem Bauern die Sterbesakramente zu spenden. „Wie aber kommt der Jude dazu, mich zu rufen?" fragte der fromme Mann die Bäuerin. „Er ist unser einziger Bekannter hier. Er kauft und verkauft für uns, was es gerade gibt und besorgt alle unsere sonstigen Geschäfte in der Stadt." „Und dazu müßt ihr einen Juden haben? Giebts nicht Christen genug, die diese Geschäfte ebenso gut und vielleicht noch besser besorgen können als der Jude? Warum beraubt Ihr Eure christlichen Milbrüder dieses Verdienstes und wendet es dem Juden zu?" „So lange ich denken kann, ist das bei meinen Eltern und bei den Eltern meines Mannes so gewesen und Koppel war stets zuverlässig und treu. Freilich in letzter Zeit" — und sie erzählte dem gespannt lauschenden Kaplan die Geschichte von dem verlorenen Tausendmarkschein.

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