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Der Israelit · 1893-11-13 · Heft 90 (13.11.1893) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 90 (13.11.1893)
Date
1893-11-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIV. Jahrgang. Beilage ju M 90 des „Israelit". Leitender Artikel. Z>ie Kolonien des Aaron Kirsch. Von Lucie« Gerbel. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung aus Nr. 65.) Eine weitere Werkstatt war den Klempnern angewiesen. Auch dieses Handwerk war durch tüchtige Meister vertreten. In dieser Werkstatt wurden Kochgeschirre neu angefertigt, da die zur Zeit von Buenos Aires nicht ausreichten und wurden beschädigte Kochgeschirre reparirt. Diese Arbeitsstätte war dauernd von den sorgsamen Hausfrauen belagert, um ihre verschiedenen Küchengeräthe, bald den einen, bald den andern Kessel flicken zu lasten- Dicht neben der Werkstatt der Klempner war der kleine Arbeitsraum eines Drechslers. Hier arbeitete ein Mann, ein gewister Brown, der vollkommener Künstler in seinem Fache ist. Schon in Rußland war er durch Ehrendiplom und Medaille für seine Kunst ausgezeichnet worden: dieses Diplom trägt dem Besitzer in Rußland ein jährliches Einkommen von einigen Hundert Rubel ein. Dieser Nießbrauch ist aber nur für christliche Unterthanen, während ein jüdischer Unterthan sich mit der Ehre begnügen muß. Brown erzählte uns, daß er vielfach von maßgebenden Persönlichkeiten aufgefordert wurde, sich taufen zu lasten, aber die lebenslängliche Rente vermochte nicht, ihn zu bestimmen, dem Glauben seiner Väter zu entsagen. Da eine Drehbank, der unentbehrliche Apparat der Drechsler, in Buenos Aires mehrere Hundert Dollars kostet und weil doch ein derartiger kostspieliger Apparat für die Bedürfnisse der Colonie entbehrlich ist, konnten wir Brown nicht mit einer Drehbank beglücken. Brown wußte sich aber zu helfen. Er bat uns dann, ihm ein altes zerbrochenes Pflugrad, das er in der Schmiede gefunden, etwas Roheisen und Stahl und einige Pfosten Hartholz zu überlasten. Mit verblüffender Geschicklichkeit hatte sich Brown aus diesem Material, denn er ist nicht nur Drechsler, sondern auch Kunstschmied und Kunstschlosser, eine wunderschöne Drehbank angefertigt. Bis dahin waren Drechsler-Arbeiten für die Colonie noch nicht nothwendig geworden, aber Brown liebte seine Kunst und war zu andern Arbeiten nicht zu bewegen. Er sammelte alle Knochen und alle Abfälle Hartholz, welche von den Tischlern nicht mehr verwendet werden konnten und hieraus drechselte er allerliebste Gegenstände, die er auf Wunsch gravirte, denn Brown war auch Graveur. Dieser so vielseitige Mann hatte noch eine Seite mehr, er wahr sehr tüchtiger Geschäftsmann; in kurzer Zeit war die ganze Umgebung in dem Besitz kleiner Nippsachen, die Brown zu coulanten Preisen verkaufte und er wußte auch den Gaucho an seine Zahnstecher zu gewöhnen und mit gewisser Genugthuung rühmte er sich, ihnen die Unsitte, sich mit dem „Messer" die Zähne zu reinigen, ausgetrieben zu haben. Ja, Brown war ein wirkliches Genie und wer die Colonie besuchte, verbrachte ein angenehmes Biertelstündchen vor seiner immer rotirenden Drehbank. Jeder die Colonie besuchende Gast nahm mit Vergnügen aus des Meisters Händen ein kleines Andenken an Mauricio und der Meister nahm mit nicht minderem Vergnügen aus den Händen der Besucher den klingenden Dank für die Aufmerksamkeit. Weniger geschäftstüchtig wie Brown war ein Schnitzer, ein gewisser Brillant auch ein hervorragender Künstler, der in seinem Zelte ganz zurückgezogen seine Kunst betrieb. Ein Veilchen, blühte er im Verborgenen. Er hatte im Camp herumliegende Hörner des geschlachteten Viehes gesammelt und einen großen Vorrath hiervon in seinem Zelte aufgespeichert. Ans diesen Hörnern schnitzte er ganz kunstvolle Brochen, Löffel und Gabeln und umso größer war sein Verdienst, als er zur Anfertigung ^dieser kleinen Kunstwerke keine andern Handwerkzeuge als sein kleines Taschenmesser gebrauchte. Aber so wie die Perle, die bescheiden in ewiger Nacht am Meeresgründe wohnt und aus den schwarzen Tiefen emporgehoben ward, so sollte auch Brillant, dieser Edelstein, der sich bescheiden zurückgezogen und in einem abgelegenen Zelte seiner Kunst lebte, aus der Dunkelheit, welche ihn umhüllte, hervortreten, um seine Meisterschaft in verdientem Glanze erstrahlen zu lassen. Da er aber, wie bereits erwähnt, kein tüchtiger Geschäftsmann war, verdiente er mit seiner Kunst nur sehr wenig, umso zahlreicher waren aber die Kränze, welche ihm seine Mitwelt in Mauricio flocht. Einträglicher war das Geschäft eines Uhrmachers in Mauricio. Unter den Einwanderern war auch ein älterer Mann, der bisher in Rußland Goldarbeiter und Uhrmacher war. Wahrscheinlich in der Voraussicht, daß er schon zu schwach für die landwirthschaftliche Arbeit ist, hatte er seine Utensilien mitgebracht. Gleich zu Anfang begann er in seinem Zelt zu arbeiten und reparirte Uhren der Beamten, der Colonisten und Gauchos. Auch sein Ruf hatte in kurzer Zeit die Grenzen Mauricios überschritten und ihm Kundschaft auch aus der Nachbarschaft zugeführt. Er bat uns, ihm einige Zinkwellblech-Platten zu überlasten, mit welchen er sich eine kleine Bude errichtete, wobei er auch nicht versäumte, zur Reklame ein Schaufenster einzurichten. Wie die geneigten Leser sehen, hatte die junge Colonie schon einen Juwelier. Und es scheint, daß der alte Mann ganz gute Geschäfte machte, denn er war immer guter Laune und blickte ganz vertrauensvoll in die Zukunft. (Fortsetzung folgt.)

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