Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 90 (13.11.1893)
- Date
- 1893-11-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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1709 den Laden verlassen hast, ketne Reklamation mehr an." „Thust Du doch gerade, als ob ich jedesmal Geschichten machen würde! Ich denke, wenn man schon so viele Geschäfte miteinander abgeschlossen hat, darf man sich einmal einen Scherz erlauben." „In Geschäftsangelegenheiten scherze ich nie", erwiederte Koppel ernst; „wer darin scherzen kann, den muß man, bevor man ein Geschäft mit ihm abschließt, fragen, ob er im Ernste oder im Scherze handle." „Hast Recht, Koppel," sagte der Bauer, „Geschäft bleibt Geschäft." Während der Bauer sich entfernte, kamen neue Kunden, welche den Trödler so in Anspruch nahmen, daß er leinen Augenblick Zeit fand, sein frugales Frühstück zu verzehren. Endlich trat ein Augenblick Pause ein. Koppel nahm sein Buch zur Hand und übersah die Eintragungen, die er gemacht und sann nach, ob er nichts einzutragen vergessen habe. „Guten Tag, Herr Koppel!" tönte ein feines Stimmchen vom Eingang her und ein kleines Mädchen von ungefähr vier Jahren blieb zögernd an der Thüre stehen. „Guten Tag, mein Kind, komm' nur näher, wie heißt Du denn und was willst Du?" fragte Koppel ohne aufzustehen. Das kleine Mädchen blieb jedoch stehen, bis Koppel zur Thüre kam und es am Händchen zum Laden hereinführte. Erst jetzt erkannte er die kleine Martha, die Tochter einer jungen Wittwe, die mit ihm in einem Hause wohnte und sich durch Musikstunden kümmerlich ernährte. Schon oft hatte er sich mit dem hübschen, stets peinlich sauber gekleideten kleinen Mädchen unterhalten und sich an seinem kindlich bescheidenen Wesen erfreut. Dann hatte er auch die Mutter kennen gelernt und sich ihr Vertrauen erworben, so daß sie, die sonst mit Niemandem verkehrte, manchmal ein Viertel stünd chen zu ihm an die Ladenthüre sich stellte und mit ihm plauderte, während sie zu gleicher Zeit Martha, die auf dem gegenüberliegenden freien Platz spielte, beaufsichtigte. „Ei, Martha, Du bist es, mein Liebling", sagte er, das Haar des Kindes freundlich streichelnd, „wo ist denn Deine Mama?" „Meiner Mama ist nicht duht; sie liegt oben und schläft." „Und da hast Du sie alleine gelassen?" „Ach ja, Herr Koppel", sagte sie seufzend, „es ist so langweilig, zuzusehen, wie Mama schläft." „Nun, gehe trotzdem wieder hinauf; ich gebe Dir ein schönes Bilderbuch mit; die Bilder kannst Du betrachten bis Mama wieder aufwacht, dann bringt ihr zusammen mein Buch wieder." „Nein, Herr Koppel, das geht nicht. Mama liegt zu Bett und kann nicht hinunter." „Ei, ei, ift's so schlimm? Seit wann ist Mama denn krank?" „Gestern und heute und morgen von gestern." „Kommt denn ein Doktor?" „Ach nein, ich soll Dich bitten, Du möchtest einen Doktor zu uns schicken." „Es ist gut, mein Kind; geh' hinauf zu Deiner Mutter; der Doktor wird bald kommen." Koppe! führte das Kind an die nahe Hausthüre und ließ Martha eintreten, dann ging er in seinen Laden zurück, schrieb ein paar Zeilen auf ein Stück Papier, gab es einem vorübergehenden Knaben, der es zu seinem Arzte Dr. Jakobi brachte. Nun kamen auch wieder Kunden und kauften und verkauften dieses und jenes. Das in den Trödelgeschäften übliche anwidernde Feilschen und Handeln kannte Koppel nicht. Er forderte und bot nur einmal, und wem seine Forderung zu hoch, sein Gebot zu niedrig war, der konnte mit Koppel kein Geschäft machen, der mußte zu einem anderen gehen, denn er fügte seinem Gebot keinen Pfennig zu und ließ von seiner Forderung nicht das Geringste ab, das war Geschäftsbrauch bei ihm und seine Kunden wußten es und richteten sich danach. Soeben trat ein junger Mann ein; er war ein guter Kunde, der Gold und Antiquitäten kaufte und an Liebhaber wieder abgab. „Was Neues" fragte er den Trödler. „Ja," versetzte dieser. „Ich habe gestern ein feines Stück gekauft." „Laßt sehen, ob ich Verwendung dafür habe. Was ists." „Ein alter, fein gearbeiteter Kapselring ist es aus der Zeit Ludwig XIV. In der Kapsel ist heute noch das furchtbare Pflanzengift, welches sein einstiger Besitzer — „Koppel, wie könnt Ihr so übertreiben. Laßt mich den Ring sehen, dann kann ich ihn schätzen." „Ihr sollt sehen, daß ich nicht übertreibe." Der Trödler ging an einen Schrank, entnahm demselben ein altes Etuis, öffnete dieses und zeigte den darin befindlichen Ring dem jungen Mann. Obschon er gewohnt war sich zu beherrschen und eine Ueberraschung niemand merken zu lassen, entfuhr ihm ein Ruf des Staunens, als er den Ring sah. Der Trödler weidete sich an der Ueberraschung des Mannes und sagte endlich: „Nun, Hab ich Recht? Ist das nicht was Rares? nicht ein Kabinetstück?"