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Der Israelit · 1893-11-09 · Heft 89 (9.11.1893) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 89 (9.11.1893)
Date
1893-11-09
Page
– (sequence 28)
Language
German
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zu den Juden stehen. Etwas nördlich, in den Bergen, ist das dorf Djoulamerk, ein wahres Nest kurdischer Räuber undj eine schreckliche Plage der ganzen Gegend. In Bar-Tanura befindet sich eine berühmte Grotte, welche die Juden mit dem Namen Mearath Eiiahu Hannabi bezeichnen. Diese an Wundern reiche Grotte wird nicht nur von den Israeliten, sondern ebenso von den Mohamedanern und Christen verehrt. Die von den Israeliten Bar-Tanuras gesprochene Sprache ist ein neusyrisches Jargon, jedoch in ihrer Unwissenheit glauben die guten Leute, das antike Chaldäisch zu sprechen. Mein Berichterstatter sprach arabisch; er hatte diese Sprache in Mos so ul gelernt, aber unter Israeliten wird das Syrische gesprochen. Er sagte mir, er wisse durch Ueberlieferung, dass die Israeliten seit der Rückkehr aus der babylonischen Verbannung in jener Ortschaft ansässig wären. Danach lebten sie dort schon 25—26 Jahrhunderte. Die hundert Familien von Bar-Tanura leben im Wohlstände. Von den hundert Familienhäuptern sind dreissig Weber. Sie kaufen die Wolle der Ziegen im Naturzustände; die Frauen spinnen und die Männer weben sie, man bringt einen dauerhatten und glänzenden Stoff zu stände, woraus die Frauen verschiedene Kleidungsstücke verfertigen, die in benachbarten Dörfern verkauft werden. Die breite Hose, welche Joab trug, war aus diesem Stoffe angefertigt. Zwanzig unter ihnen sind Gerber und Schuhmacher. Die Berge der Umgegend liefern in Menge die Eichen, woraus sie ihren Gerbstoff ziehen; sie färben die Häute roth und machen Pantoffeln daraus. Die fünfzig Anderen betreiben den Kleinhandel; sie gehen nach Mossoul, kaufen dort gestreifte Leinen, Baumwollstoffe, Spezereien, und verkaufen sie in den Dörfern. „Und was verdient Ihr täglich?“ frug ich ihn. „Bald mehr, bald weniger“, antwortete er, wie die Schuhflicker in der Fabel, „wir sind nicht reich, aber auch nicht im Elend; da das Leben nicht theuer ist, verdienen wir genug, um unsere Frauen und Kinder zu ernähren, und es bleibt uns viel Zeit übrig, um uns dem Studium der Gesetze und des Talmud zu widmen.“ Alle diese Handwerker und Händler sind zu gleicher Zeit Männer des Studiums, und wie in talmudischen Zeiten, versammeln sie sich, nachdem sie ihren Geschäften obgelegen, zum Studium der heiligen Schrift. Die Weber und Schuster verdienen täglich zwischen 50—60 Centimes, die Händler müssen ein klein wenig mehr verdienen, aber das Pfund Brod kostet 6 Centimes, das Fleisch 8 Centimes, die Gemüse und Früchte sehr wenig. Ausserdem bebauen einige 20 Familien selbst den Boden, der ihnen genügend Mais und Reis liefert für ihren Verbrauch. So verging ihr Leben in Ruhe und Frieden. Da geschah es, dass eines Nachts die kurdischen Bergbewohner der Tribu Pinianesch über ihr friedliches Dorf herfielen; sie drückten die Thüren ein und nahmen Alles mit, nachdem sie einen Greis und einen Jüngling, den Onkel und den Vetter Joabs, umgebracht, die versucht hatten, ihnen Widerstand zu bieten, und fünf andere Israeliten, von denen zwei später ihren Wunden erlegen sind, verwundet hatten. Die kopflosen Bewohner verstreuten sich in den umliegenden Dörfern, die von Mohamedanern und Christen bewohnt sind, und fanden gute Aufnahme. Als die erste Angst vorher war, dachten sie wohl daran, in ihr Dorf zurückzukehren, aber die Furcht vor den Kurden hielt sie doch zurück. Sie führten Klage beim Vali von Mossoul; Joab war es, dem diese Mission gegeben wurde. DerVali empfing ihn sehr freundlich, antwortete ihm aber ausweichend, und in den acht Jahren, die sie darauf warten, ist nichts für die armen Leute geshehen. Das verlassene Dorf verfiel allmählich; die aus Stein und Erde zusammen gefügten Häuser stürzten zusammen unter der Last des Schnees, und jetzt ist weiter nichts als ein Haufen Runienen und Gestein von Bar- Tanura übrig. Das Dorf wurde aufgegeben, nicht aber die Eliasgrotte; acht Jahre hindurch haben fromme Hände das Lämpchen des Propheten unterhalten. Und so wie die kleine Flamme, erhielt sich auch im Herzen der armen Dorfbewohner die Hoffnung, an ihren Herd zurück zu kehren. Nun liess sich JoablbuJeschaia Briefe geben von den dortigen israelitischen Notablen für den Ober-Rabbiner zu Konstantinopel, auch solche von Mohamedanern des Ortes, welche die oben erwähnten Thatsachen bestätigten, und schloss sich einer Karavane an, um nach Konstantinopel zu ziehen. Unterwegs berührte er folgende Ortschaften: Sah hon, mit 3 0 0 Familien (nach Joab;) Djezirch ibu Omar, 50; Nsebi, 120; Diarbekir, 100; Sonerek, 50; Orfa, 1000; Binedchick, 10. In Konstantinopel angekommen, begab er sich zum Ober-Rabbiner, dem er seine Papiere übergab. Der Ober-Rabbiner wandte sich alsbald an die Regierung und erhielt vom Minister einen Brief für den Vali zu Mossoul mit dem Befehl, die Israeliten von Bar-Tanura zu schützen. Die armen Leute werden also nun in ihr Dorf zurückkehren können, ohne zu befürchten, noch ferner beunruhigt zu werden. Aber nun handelt es sich darum, die Häuser wieder aufzubauen, und dazu haben sie natürlich nicht die Mittel. Druck der Joh. Wirth’ sehen Hofbuchdruckerei, Actien-Gesellschaft, Mainz.

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