Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 87 (2.11.1893)
- Date
- 1893-11-02
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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und Opposition treiben könne. Der Antisemitismus im Offizierkorps und im Feudaladel erkläre sich ebenfalls wieder aus dem Geldpunkte, freilich halte das viele hochgeborene Herren nicht ab, durch Verheirathung mit jüdischem Gelde ihren Finanzen aufzuhelfen. Der Antisemitismus im Studententhum erkläre sich aus der geistigen Konkurrenz. Die ökonomischen Verhältnisse, die Aussichtslosigkeit des Handwerks veranlaßten zahlreiche Väter, ihre letzten tausend Mark auf das Studium der Söhne zu verwenden, um ihnen später eine Existenz als Beamte zu verschaffen. Dadurch entstehe ein übergroßer Zulauf zu den Universitäten. Bei der Wohlhabenheit und geistigen Strebsamkeit der Juden sei es aber ganz natürlich, daß die Nichtjuden in diesem Eindringen des jüdischen Elementes eine unliebsame Konkurenz erblickten; der jüdische Student studire, der christliche treibe sich in den Kneipen, auf den Fechtböden und noch anderswo herum und der Jude schlage deshalb den germanischen Konkurrent-Studenten. Eine bürgerliche Demokratie sei heute nicht mehr möglich, weil der Kleinhaudwcrkcr, der das eigentliche Element der Demokratie bilde, immer mehr an ökonomischer Macht verliere; diese Kreise gewinne zunächst der Antisemitismus und erst, wenn sie die Unausführbarkeir der antisemitischen Versprechungen erkannt haben, riete die Sozialdemokratie die Herrschaft an. Der Antisemitismus werde daher in nächsten Zeit noch mehr Boden gewinnen, aber er werde gleichzeitig gezwungen, über sein früheres Programm hinauszugehen, was sich an Ahlwardt und der Böckel'schen Richtung bereits zeige. So nähere sich notwendig der Antisemitismus allmählich den Forderungen der Sozialdemokratie und bereite ihr den Boden vor. Redner beweist dies an den Widersprüchen, die sich im antisemitischen Programm vorfinden: kraß-reaktionäre und radikaldemokratische Forderungen bunt durcheinander. Redner weist darauf hin, daß die Verstaatlichung des Hypotekenwesens, wie das kommunistische Manifest sie fordert, etwas ganz anders sei, wie die gleiche Forderung im antisemitischen und im bauernbündlerischen Programm, dort ein Uebergangsmittel zur gänzlichen Verstaatlichung des Eigenthums, hier eine Begünstigung des Agrarierthums, ein Mittel, Zustände dauernd festzulegen, an deren Aufrechterhaltung die Sozialdemokratie am wenigsten ein Interesse habe. Redner warnt, veranlaßt durch Vorgänge in der Partei (im bayerischen Landtag), die Parteigenosien, namentlich die in den Landtagen sitzenden, sich in Bezug auf diesen Punkt, um Stimmen bei den Wahlen rc. zu erlangen, auf Konzessionen einzulassen und in bedenkliche Bahnen einzulenken und bittet, die bekannte Resolution einstimmig anzunehmen. (Lebhafter Beifall). Ein Antrag, von einer Diskussion abzusehen, findet lebhaften Beifall und wird trotz Bebel's Widerspruch angenommen, ebenso, und zwar einstimmig, die bereits mitgetheilte Resolution über die Stellung der Sozialdemokratie zum Antisemitismus. Zeitungsnachrichten und «Korrespondenzen. Deutschland. Aschaffenburg, 27. Okt. Herrn Distrikts- Rabbiner Bamberger dahier, der seine Synagogeneinweihungspredigt an Se. kgl. Hoh. den Prinz-Regenten eingesendet hatte, ist aus der Geheimkanzei Sr. k. Hohdas nachfolgende huldvolle Antwortschreiben zugegangen: „Euer Hochwohlgeboren! Se. k. Hoh. der Prinz-Regent haben den mit Ihrem Schreiben vom 17. ds. Mts. eingesandten Abdruck der von Ihnen zur Einweihung der neuen Aschaffenburger Synagoge am 29. Sept. ds. Jrs. gehaltenen Festpredigt huldvollst entgegenzunehmen geruh: und lassen für die durch deren Vorlage bekundete Aufmerksamkeit bestens danken. Unter dem Ausdrucke vorzüglichster Hochachtung Euer Hochwohlg^boren ergebener Frhr. v. Zoller, Generalmajor, Generaladjutant." Ocsterr. Ungar. Monarchie. Wien, 23. Oktober. Der berüchtigte Paulus Meyer, der gegenwärtig eine viermonatliche Arreststrafe wegen seiner „Blutmärchen-Dichtung" abbüßt, ließ sich Ende September in seiner Strafhaft, die er am 16. S prember angetreten, Aeußerungen zu Schulden kommen, die ihm die Strafuntersuchung wegen Majestätsbeteidigung zuzogen. In dieser Untersuchung zeigte sich, daß eine der incriminirten Aeußerungen auch gegen den Papst gerichtet gewesen und daß die Aeußerung gegen den Kaiser im Allgemeinen auf die Gutheißung von Gewaltthätigkei: gegen alle hervorragenden Bauwerke Wiens hinauslief. In Folge dessen erhob heute Staatsanwalt-Substitut Dr. Baron von Drechsler vor dem Erkenntnißgerichte, dem Landesgerichtsrath Strnadt Vräsidirte, gegen Paulus Meyer die Anklage wegen Majestätsbeleidigung und wegen Vergehens nach den 88 303 und 305 (Gutheißung ungesetzlicher Handlungen und Herabwürdigung von Einrichtungen der katholischen Kirche.) Die Verhandlung wurde geheim durchgeführt. Der Gerichtshof verurtheilte Paulus Meyer im Sinne der Anklage zu vier Monaten schweren Kerkers mit einem Tage Einzelhaft in jedem Monat. Als mildernd wurde der hochgradige nervöse Zustand angenommen, unter dessen Einfluß der Angeklagte gehandelt habe. Nach Verbüßung seiner Strafe wird der „Studiengenoffe" des Pfarrers Deckert landesverwiesen.