Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 87 (2.11.1893)
- Date
- 1893-11-02
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XXXIV. Jahrgang. Zweite Beilage ju M 87 des „Israelis. Leitender Artikel. Der MlftmMsms ans drw IV. DUettas der delltsche» KsMidemoKriMe. Köln, 27. October. In der heutigen Nachmittagssitzung des in der Ueberschrift genannten Parteitags sprach Abgeordneter Bebel über „Antisemitismus und Sozialdemokratie." Die Partei lege dem Antisemitismus zwar keine große Bedeutung bei, aber sie habe die Pflicht, sich mit allen neuen Erscheinungen des öffentlichen Lebens zu beschäftigen. Der heutige Antisemitismus sei insofern eine neue Erscheinung, als er sich als streng abgesonderte Partei von allen andern Richtungen abhebe. Der Antisemitismus sei nicht, wie man auch noch in der soz.-dem. Partei hier und da glaube, das Produkt von Schlagwörtern der Agitatoren, — das Gleiche habe man auch Jahrzehntelang von der Sozialdemokratie behauptet — sondern bestimmter Verhältnisse. Der Antisemitismus im Sinne des Judenhasses sei eine sehr alte Erscheinung, die mit der Zerstörung Jerusalems beginne; Redner gibt hierzu eine historische Erläuterung. Nur da, wo die Juden in der Diaspora lebten, trete der jüdische „Handelsgeift" zu Tage, wo die Juden in Klassen zusammenlebten, treibe nur eine kleine Anzahl Handel, im Uebrigen beuteten die ökonomisch Mächtigeren die Andern ebenso aus, wie es in der christlichen Gesellschaft geschehe. Religiöse Momente und die Abneigung verschiedener Nassen gegeneinander hätten den Haß gegen die Inden unter den christlichen Völkern genährt, um so mehr, als die Juden schon äußerlich sich von den Germanen unterschieden. Durch eine gezwungene Jsolirung seien die Juden an der Amalgamirung mit der übrigen Bevölkerung gehindert worden; das sei die schwere Sünde der mittelalterlichen Gesetzgebung. Er für seine Person könnte eine gewisse Bewunderung nicht unterdrücken für ein Volk, das trotz so gewaltiger und grausamer Verfolgungen sein Volksthum bewahrt habe. In längerer Ausführung schildert Redner die den Juden im Mitelalter auserlegten Beschränkungen und deren allmähliche Abschaffung, die reaktionären Bestrebungen der Jahre 1833 und 1851 (Antrag aus der Mitte des preußischen Herrenhauses auf Beschränkung der bürgerlichen Rechte der Juden). In den ersten Jahren des neuen deutschen Reiches habe man von einer eigentlichen antisemitischen Bewegung nichts gewußt, erst im Jahre 1877 habe Stöcker eine solche organistrt. Das sei nur möglich gewesen infolge des großen wtrthschaftlichen Krachs, der zum ersten Mal den Handwerkern und den mittleren Schichten ihre bedenkliche ökonomische Lage klar machte. Run hätten unbestreitbar die Juden — d. h. die Majorität der Juden — infolge ihrer geschichtlichen Entwicklung — an der modernen wirthschaftlichen Gestaltung einen großen Antheil gehabt, und das habe den Haß gegen sie vermehrt. Kein Zweifel, daß das, was man Schacher nennt, gerade vom Judenthum in besonderer Weise gepflegt worden sei, d. h. die Juden wußten gut zu rechnen und verstanden es, mit kleinem Gewinne beim Handel sich zu begnügen. Infolge deffen habe der Antisemitismus zunächst unter den Handeltreibenden Anklang gesunden. Aber da auch der Handel mit Agrarprodukten in manchen Gegenden ganz in den Händen der Juden liege, so sei der Antisemitismus auch unter die Bauern gedrungen, und da diese alle Versprechungen, die ihnen die anderen Parteien gemacht hatten, nicht erfüllt sahen, warfen sie sich dem Antisemitismus in die Arme, der ihnen das Blaue vom Himmel versprach. Weil die Sozialdemokratie sich zu derlei verlogenen Versprechungen nicht hergebe, sei es ihr so schwer, auf dem Lande Boden zu gewinnen. Immerhin sei es nicht richtig, was jüngst auf dem Parteitage behauptet worden, daß noch kein einziger Bauer der Sozialdemokratie angehöre: es seien sogar wirkliche und wahrhaftige Bauern aus der Umgebung von Köln hier auf dem Parteitag anwesend. Die antisemitischen Führer seien von der Undurchführbarkeit ihrer Versprechungen überzeugt, das genire sie aber nicht; sie seien im Grunde genommen Reakt onäre'der schlimmsten Art, wie sich bei der Militärvorlage wieder gezeigt habe. Die Schutzzollpolitik habe dem Antisemitismus Vorschub geleistet durch Begünstigung der Konzentration des Kapitals, dem gegenüber der kleine Mann in Stadt und Land immer ohnmächtiger werde. Wenn Einer mit unvergleichlicher Unverschämtheit und Unverfrorenheit diese Lage der kleinen Leute ausnutze, so seien es die Antisemiten; wollten die Sozialdemokraten in gleicher Weise auftreten, so würden sie mit dem Besenstiel zurückgetrieben. Die Verbreitung des Antisemitismus unter dem Beamtenthum erkläre sich durch die schlechte Bezahlung dieser Personen; sie bekämen von keinem Andern Geld geliehen, als vom Wucherer, der sich sein Risiko natürlich mit hohen Zinsen bezahlen lasse. Ein großer Theil der Wucherer sei aber jüdisch, weil der Jude geschäftlich etwas rtsktre, was sich bei dem jetzigen großen Prozeß in Han oder wieder zeige. Dazu komme, daß der Beamte nur unter der Fahne des Antisemitismus ein wenig Politik