Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 82 (16.10.1893)
- Date
- 1893-10-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1557 Missionen zurückzuziehen, denen ich — ich beklage es tief — zum Opfer gefallen bin, an denen ich — ich bedaure es aufrichtig — thätigen Antheil genommen habe, und für welche Missethat ich demüthig die Verzeihung des allmächtigen Gottes und meiner Brüder, des Hauses Israel, suche. Die Mission, deren Leiter ich war, war in geringer Nähe der )übifd)en Armenverwaltung (Jewish Board of Guardians), Devanshire «Strafte, Bishopsgate 0. Die Repräsentanten dieser Verwaltung kennen mich, wie ich glaube, wohl. Ich habe bis vor Kurzem die Mitwirkung wohlbekannter Ktrchenmänner gehabt. Der Reverend Henry Wace, Doktor der Theologie, Direktor des King’s College, in welchem ich Student gewesen, ferner der Rev. Stiftsherr Gordon Calthrop, denen ich jüngstens schrieb, daß das System der jüdischen Missions- (Bekehrungs) Hallen füglich eine Höhle von Dieben genannt werden kann, waren unter meinen Räthen und Referenten; Joseph Peters, Eigenthümer einer Wagenfabrik, war mein Präsident. Die leitenden Kirchenzeitungen, als: „Der „Record“, der „engl. Kirchenmann", der „Christ", die „Nachrichten" und die „Tageschronik" (Daily Chroniele) haben der von mir verwalteten Mission einen hervorragenden Platz in ihren Spalten zugetheilt. Ich konnte jedoch, trotz aller Bemühungen nicht zu der Ueberzeugung gelangen, an die Göttlichkeit des Stifters der christlichen Religion und dessen verdienstliches Opfer zu glauben, daher meine endgiltige Entsagung. — Man muß ein Schurke, ein Vagabund sein, um mit dieser entehrten Gesellschaft der Apostaten in Verbindung zu treten. Ein Muster dieser jüdischen Apostaten bietet sich in jenem notorischberüchtigten Schurken dar, welcher vorige Woche in Wien zu viermonatlicher Strafarbeit verurtheilt wurde. Es giebt mehrere Sträflinge seinesgleichen, die in den verschiedenen Berichten jüd. Missionsgesellschaften unter den Namen „Judenchristen" erscheinen. — Es ist unmöglich die Größe des Uebels zu berechnen, welches der jüdischen Gesammtheit von diesen elenden Menschen zngeführt wird. Die armen Juden leiden viel und die christliche Kirche noch mehr, denn diese Schurken schänden und entehren ihre Kirchen, indem sie sich wiederholt zur Taufe vorstellen. Ein Wesleyanischer Geistli her (Wesleyan Clergyman) von Eastbourne hatte das Glück einen dieser Betrüger sieben oder achtmal zu taufen. Letzterer wurde am Ende verhaftet und zu sechsmonatlicher Strafarbeit verurtheilt. Solcher giebt es eine ganze Legion. — Das nun ist der gegenwärtige klägliche Zustand der sogenannten jüdischen Mission, von der mich zu trennen und loszusagen ich jetzt so glücklich bin. Die Gründe, die mich zu dieser Trennung und Lossagung bewogen, sind folgende: 1) Aus reiner Liebe und Treue (loyalty) zum allmächtigen Gott; 2) aus reiner Liebe und Verehrung für meine edlen Eltern imd Verwandten; 3) aus reiner Liebe und Anhänglichkeit für mein jüdisches Volk (raee),und 4) aus reiner Liebe und Dankbarkeit gegen die englische Nation, deren Vermögen ohne irgend welchen Zweck von diesen Schelmen verschlungen wird. Nun, mein Herr, fühle ich es als meine Pflicht, Sie, als den Oberrabbtner von England von den vorstehenden Thatsachen in Kenntniß zu setzen. Ich werde mich außerordentlich glücklich fühlen, wenn Sie mich gütigst in die Heerde Israels wieder anfnehmen wollen, deren Oberhaupt Sie sind. Ich verharre, ehrwürdiger und lieber Herr, Ihr sehr aufrichtiger und loyaler A. H o r n st e i n. > Vermischtes. < Berlin, 7. Oct. Proseffor Rudolf Virchow richtete am Sonnabend als Rektor der Universität an die neu immatrikulirten Studenten kurze Ansprachen, deren Inhalt im Wesentlichen folgendermaßen lautet: „Meine Herren, Sie wissen Alle, daß Sie, seitdem wir keine akademische Gerichtsbarkeit mehr haben, sich mit Ihren Handlungen vor den ordentlichen Gerichten zu verantworten und auch dort Ihr Recht zu suchen haben. Sie sind somit kein privilegirter Stand mehr, sondern Bürger wie alle Andern. Lassen Sie sich von diesem Gefühl durchdringen, andererseits aber auch von dem, daß Sie, nicht äußerlich, sondern innerlich genommen, über viele Menschen vermöge Ihrer Bildung und Ihrer Bildungsberechtigung stehen oder stehen sollten. Und noch Eins: Sie wissen, daß wir hier an der Universität den Unterschied von Nationen und Konfessionen nicht kennen; Sie alle, meine Herren, haben gleiche Rechte und gleiche Pflichten. Nicht immer ist das so gehalten worden, und es sind um diese Fragen schwere Kämpfe entbrannt, deren Heftigkeit jetzt allerdings nachgelassen hat." Der Rektor schloß mit einem eindringlichen Appel, den akademischen Frieden zu bewahren. Coburg. Der edle, allem Guten und Schönen zugewendeie Sinn des eben verstorbenen Herzogs Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha äußerte sich auch in der tiefen Entrüstung, mit welcher er die antisemitische Hetze in Deutschland und in aller Welt verurtheilte. Zu wiederholten Malen hat Herzog Ernst Veranlassung genommen, seinen Abscheu über das Treiben des Stöcker und Genossen Ausdruck zu geben. Aber nicht blos dem Judenthume, sondern auch einzelnen Juden gegenüber erwies sich der Herzog als ein vorurtheilsloser, gerecht denkender Mann, als ein wohlwollender Freund und Förderer. Es ist bekannt, daß ihn mit dem Bankier Jacob Frciherrn v. Mayer in Coburg lange Jahre hindurch die herzlichsten Beziehungen verbanden. Diests auf wahrhafte Hochachtung und Werthschätzung gegründete Verhältniß hat selbst den Tod überdauert. Baron und Baronin Mayer haben anläßlich des Hinscheidens des Herzogs Ernst an die Herzogin-Witwe nachstehendes Condolenz-Telegramm gerichtet: