Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 82 (16.10.1893)
- Date
- 1893-10-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1553 Wie«. Unlängst fand vor dem Bezirksgerichte in Währing eine Verhandlung statt, deren Held der Schauspieler Fritz Albin — derzeitiges Mitglied des Stadttheaters in Linz — war. Herr Albin, der durch seinen Anwalt vertreten wurde, erschien in der Anklage in der merkwürdigen Rolle eines Antisemiten, der die großartigsten Schimpfreden auf offener Straße ohne Hilfe eines Soufleurs zu halten vermag. Der als Kläger in Begleitung seines Anwaltes Dr. F. Ellbogen erschienene neunzehnjährige Wilhelm Schiff hatte offenbar wenig Gefallen an den diesbezüglichen Leistungen AlbinS gefunden, was übrigens begreiflich wird, wenn man bedenkt, daß ihn der Schauspieler ohne jeden Anlaß m>t verschiedenen Titulaturen aus dem antisemitischen Knigge empfing. Diese Beschimpfungen waren nämlich Albin's erste Worte, als der junge Mann am 9. Sept. in den von Sälmansdorf nach Wien verkehrenden Stellwagen einstieg, in welchem der Schauspieler und noch zwei Herren sich befanden. Wilhelm Schiff erklärte ruhig, daß er für diese antisemitische Rohheit sich an anderer Stelle Satisfaktion verschaffen werde, was Albin zu weiteren declamatorischen Leistungen desselben Genres veranlaßte. Bei der Gerichtsverhandlung in Währing gab der Richter seinem Staunen Ausdruck, ob es denn denkbar sei, daß Jemand ohne irgend welche Provocation sich so benehmen werde, wie dies Albin gethan haben soll. Ein Schreiben des Schauspielers an seinen Anwalt enthielt jedoch ein volles Geständniß, und auch die erschienenen Zeugen bestätigten die Aussagen des Klägers. Als Entschuldigung führte Albin an, er habe sich eben in großer Erregung gefunden. Albin wurde zu 20 fl. Strafe und zum Ersätze der Kosten verurtheilt. Feuilleton. Tante Golde. Novelle von R. Litte«. (Fortsetzung.) „Geh', meine Tochter, das ist doch nicht Dein Ernst! Ein Mann wie Sally Leßer, nach dem sie sich alle reißen. Was kannst Du an ihni auszusetzen haben?" Martha lehnte den Kopf in den Schooß der alten Frau. „Den Mann, den ich heirathen will, muß ich doch in erster Reihe lieben!" „Lieben?" Frau Finkelstein schüttelte so mitzbilltgend den Kopf, daß die lila Haubenbänder unter ihrem Doppelkinn jede Schwenkung gewissenhaft mitmachten. „Lieben? Was das alles für neumodische Maaßes sind. Als ich bin jung gewesen, hat kein Mensch von so was gewußt." „Aber, Tante, hattest Du denn den Mann nicht lieb, dem Du Deine Hand für's Leben reichtest?" „Lieb?" Tante Golde mußte wirklich lachen. „Geweint Hab' ich und geschrieen, als mir meine Eltern aleihem scholom haben gesagt: Der Meier Finkelstein hat angehalten um Deine Hand, Stmchas Thaure wird sein Eure Verlobung. Ich halt' wohl schon manchmal an's Verloben gedacht, aber da ist immer 'n hübscher großer Mensch mit dabei gewesen, mit 'n Kopf voll Locken und 'n feinen Schnurrbart, der Meier aber ist sehr klein gewesen, nur war groß bei ihm seine Nas' — Nasenkönig haben sie ihm geheißen! — und das hat mir nicht gefallen können. Nu, was soll ich Dir viel sagen, damals war noch nicht Mod', daß die Eltern haben gefragt ihre Kinder um Erlaubniß, Simedas Thaure — vor mir ist es gewesen Jom Kippur — wurden wir versprochen, acht Wochen darauf war ich schon eine junge Frau und — paß gut auf, mein Tochterleben! — eine sehr glückliche junge Frau. Mein Meier ist nicht geworden größer, hat auch nischt auf einmal Locken und 'n schönen Schnurrbart bekommen, aber ich Hab' bald bemerkt, daß es 'n bessern Mensch nischt auf der Welt gibt, und daß er sein Stückchen Brod zu verdienen versteht. Und so wird es auch mit Gottes gnädiger Hilf' mit Dir und Leßern gehen, wenn Du —. Ich mein', da ist er schon!" unterbrach sie sich aufhorchend, als im Hausflur Tritte laut wurden, und es gleich darauf an der Thür pochte. Auf ihr freundliches Herein öffnete sich dieselbe, aber statt des Erwarteten trat ein vielleicht 14jähriger Knabe mit vollem, schwarzen Kraushaar über der niedrigen Stirn ein. „Guten Abend, Madam Finkelstein, der Chef läßt grüßen, und ich soll sagen, er kann heut' Abend nicht kommen, er ist — er hat — ja. Kopfschmerzen hat der Chef, soll ich sagen." Der Junge hatte das rasch mit hochrothem Gesicht hervorgestottert und wollte nun eilig den Rückzug antreten, doch die Hausfrau, der die Sache verfänglich vorkam, hielt ihn mit sanfter Gewalt zurück. Sollte Leßer etwa ihre Fische im Stich lassen und Silberstein'sche Gastfreundschaft genießen? Dahinter mußte sie kommen! So nöthigte sie denn den Kleinen auf den Stuhl und schnitt ihm ein großes Stück Strietzel ab. „So, Philippche, ein Stückchen Challe wirst Du doch essen können, so viel Zeit wirst Du doch noch übrig haben? Also Kopfschmerzen hat der Herr Leßer, das thut mir sehr, sehr leid. Da ist er gewiß noch 'n Bischen an die frische Luft gegangen." Der Junge sah den listigen Blick nicht, der ihn aus Tante Goldes kleinen Aeuglein streifte, dazu war er viel zu sehr mit feinem ®et)äd beschäftigt, so sagte er denn verwundert: „An die frische Luft gegangen? Das kann er ja garnicht; Besitzer Dreger aus Zippnow —." Er stockte, verschluckte sich vor Schreck an dem großen Bissen, den er im Mund hielt und brachte so würgend und hustend hervor: „Er hat ja Kopfschmerzen."