Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 81 (12.10.1893)
- Date
- 1893-10-12
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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BrthodoLe KuderrthumÄ >^/V> OSESv.'i- •«*-» A Y Q N-J^ IS Ott. 1893.] Mr. IS. mm w PKli M M - ÄL! LLr OWJSSWMSV' c^L> Wolf und Von M. Jsay. - Er hieß Wolf Wolfsohn. Seit er denken konnte, graute ihm vor den Wölfen-das heißt, vor den Wölfen der Wildmß. Er wurde auferzogen in der Furcht des Herrn und in der Furcht der Wölfe. „Wolf, wenn Du unartig bist, frißt dich der Wolf", warnte die Mutter mit ernster, feierlicher Miene. Und Wolf befleißigte sich eines artigen Lebenswandels, nicht aus Liebe zur Gesittung, sondern aus Angst vor seinen grimmen Namensvettern aus dem Walde. „Wolf, wenn Du noch länger schreist, rufe ich den Wolf", drohte die Schwester, indem sie heimlich mit dem Kochlöffel klapperte, „Hörst Du, er poltert schon im Hausflur!" Und Wolf verstummte sofort und lauschte mit innerem Beben dem schauderhaften Geräusch. „Wolf, der Wolf kommt", neckten die Spielkameraden auf der Straße. Und Wolf rannte in's schützende Vaterhaus, als ob die wilde Jagd hinter ihm her rase. Eine eigentliche Vorstellung von den Wölfen hatte er in seiner frühesten Kindheit nicht. Es war nur der vage Begriff, ein unbestimmtes Etwas, das ihm Grauen einflößte. Erst später malte ihm seine Phantasie ein Schreckbild vor, ein zähnefletschendes Ungeheuer mit dem Antlitz eines Menschen, mit dem Leibe eines Stieres, mit den Hufen eines Rosses. Zoologische Gärten existirten nicht in der Heimath Wolfs, Menagerien waren zu seinen Lebzeiten noch nicht dahin gekommen. Woher also hätte er einen Begriff von einem Wolfe erhalten sollen? Wenn der Tag seinem Ende zuneigte, wenn es für die Kinder Zeit wurde, ihr Lager aufzusuchen, dir Wölfe. Nachdruck verboten. dann erlitt Wolf die Qualen eines Verurtheilten, der zum Schaffot geführt wird. Er sah es sicher voraus, er wußte es ganz genau, daß die Wölfe ihn zum Abendbrod verspeisen würden. So lange die Sonne noch einen Schimmer ihres Lichtes aus die Erde sandte, hielten sich die schrecklichen Ungethüme fern. Auch der Schein einer Kerze konnte sie hinwegscheuchen. Doch wenn die Schatten der Nacht hereinbrachen, wenn die Dunkelheit ihren schwarzen Schleier ausbreitete, dann nahten sie rudelweise, wie in den Steppen Rußlands, dann umheulteu sie sein Lager, dann lechzten sie nach seinem Blute, dann gierten sie nach seinem Fletsche. Der arme Wolf, in seiner Todesangst, hielt flehende Ansprachen an sie. „Liebe Wölfe, beißt mich nicht! Ich habe Euch ja so lieb. (Das log er.) Liebe, gute Wölfe, wenn Ihr mich nicht freßt, will ich brav sein und die Mutter nicht ärgern und am Sabbath Nichts zerreißen und am Purim unaufhörlich Rauchfleisch vertilgen und am Pesachfeste Matzeklöse in schweren Mengen zermalmen." Und wirklich, das freundliche Zureden und die guten Vorsätze rührten das Herz der Raubthiere. Wenn Wolf des Morgens erwachte, war er wunderbarerweise unversehrt und unverzehrt. Noch mehr. Es vergingen Jahre. Wolf vertilgte Rauchfleisch, zermalmte Matzeklöse, ohne selbst von den Wölfen weder vertilgt, noch zermalmt worden zu sein. In seinem zwölften Lebensjahre vollzog sich eine merkwürdige Wandlung in seiner Anschauungsweise. Zwei böhmische Künstler machten eine Gastspielreise durch die in der Kultur etwas zurückgebliebenen Ortschaften Europa's, überall Aufklärung