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Der Israelit · 1893-10-12 · Heft 81 (12.10.1893) · page 15

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Journal
Der Israelit
Volume
34 (1893)
Issue
Heft 81 (12.10.1893)
Date
1893-10-12
Page
– (sequence 15)
Language
German
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1533 Türkei. Swyrrra, am Vorabende des SukkothfesteS. 's'NLVo 12V HD. „Wtk gut sind deine Zelte Jakob, deine Wohnungen Israel!" Auch wir wohnen jetzt in Zelten, obgleich das Sukkothfest noch gar nicht begonnen hat, und zwar sind wir in zwei weit von einander entfernte Lager getheilt nun» mn nnjn. Die Cholera, die jetzt in unserer Stadt wüthet, hat die „Alliance Israelite" im Vereine mit der „Anglo-Jewish Association" veranlaßt, die Armen und Unbemittelten unserer Gemeinde, die jahraus jahrein in feuchten, ungesunden Wohnungen leben und wohin nur selten frische Luft und das goldene Sonnenlicht dringen, ans dem Judenviertel zu entfernen, und für sie eigens zwei große Zeltlager errichten zu lassen, wo sie nun in Familien abgetheilt, zusammenwohnen, und von diesen beiden Gesellschaften verköstigt und verpflegt werden. Die Auslagen dafür belaufen sich auf nahezu 2500 Francs, ein Beweis, zu welchen Geldopfern Israel fähig ist, wenn es gilt, seinen Mitbruder vom Untergange zu retten. Täglich erscheinen Aerzte in unseren Zelten, um nach unserm Gesundheitszustände zu forschen, und täglich erscheinen auch die Lebensmittellieferanten vor unfern Thüren, die uns mit Brod, Fleisch, Gemüse , Reis, Wein. Oel, Kerzen u. s. w. versorgen. Am Crew Rosch Haschonoh ließen die beiden Gesellschaften auch an 3000 Francs Baargeld vertheilen, damit man sich zu den Festtagen noch einen besonder« Genuß verschaffen könne. Aber nicht nur für die körperlichen, sondern auch für die religiösen Bedürfnisse ist gehörig gesorgt, denn einige Zelte wurden zu Betplätzen bestimmt, in denen täglich früh und abends gebetet wird. So wohnen auch wir jetzt, gleich unseren Voreltern, in Zelten und Hütten. Dank dieser Großmuth Israels hat die Krankheit bis jetzt noch wenig Opfer unter uns gefordert, und dürfen wir auch hoffen, daß sie bald gänzlich auch in der Stadt erlöschen wird. Wir werden dann mit Freuden unsere Zelte verlassen, und in Jubel nach der Stadt zurückkehren, ^anta w* nnoitn }ww. Vermischtes. Düsseldorf, 24. Sept. In der vorgestrigen Sitzung des Schwurgerichts wurde der 68jährige Taglöhner Stephan Brings aus Friemersdorf, einem kleinen Orte im Kreise Grevenbroich, wegen vorsätzlicher Tödtung zu einer Zuchthausstrafe von 10 Jahren verurtheilt. Die Geschworenen hatten die Schuldfrage in vollem Umfange bejaht, die Zubilligung mildernder Umstände abgelehnt. Das ist der nackte Thatbestand. Damit ist der Friemersdorfer Mord gesühnt. Gesühnt! Ein Mann von 68 Jahren, der eine makellose Vergangenheit hinter sich hatte, der in seinem langen Leben Niemanden ein Haar gekrümmt, ein Mann, der nach seinem ganzen Auftreten die Gutmüthigkeit — aber leider auch die Beschränktheit — zu verkörpern schien, saß auf der Anklagebank. Er war gut, brav und ehrlich zwei Menschenalter hindurch, — da, aller Voraussicht nach am baldigen Ende seiner Lebensbahn, als müder, welker Greis ward er zum Verbrecher. Wir sagen: er! Jawohl, sofern er vom kalten juristischen Standpunkte aus das Verbrechen beging, das er nunmehr, den Rest seines Lebens hinter düsteren Kerkermauern sitzend, büßen mutz. Jawohl, er, soweit wir daS Faktum des vollendeten Mordes vor uns haben. Aber nicht er, sofern wir der Sache auf den Grund gehen und mit tiefstem Weh schauen müssen, wie ein argloses Gemüth den Giftthau nach und nach, langsam aber sicher, einsog, den Giftthau, der sich weiterhin zu einem Fanatismus ausbildete, der selbst vor dem Schlimmsten, der Tödtung eines Menschen nicht zurückbebte. Und dieser Giftthau! Wir meinen nicht die verfehlte Erziehung des Mannes. Er mag — heute beinahe ein halber Idiot — in seinen jungen Jahren die Daten der Weltgeschichte, an denen sich ganze Völkerschaften in wilden Verzweiflungskampsen gegenüberstanden, die Regierungszeiten so manchen gekrönten Ehrenmannes wohl ebenso gut auswendig gelernt und gewußt haben, wie die heutige Jugend. Er mag seinen Bibelspruch fließend haben hersagen können. Das genügt ja auch heute noch. Und dann: Trotz seiner mangelhaften Bildung ist der heutige Mörder in Ehren grau geworden. Nein, nicht eine verfehlte Erziehung, oder diese doch nur indirekt, der Antisemitismus war des Mannes Verderben. Ihm wälzen wir den größeren, fluchwürdigeren Theil der Schuld zu an dem Morde des jüdischen Händlers in Friemersdorf. Es war Anfangs der Achtziger Jahre, als der Antisemitismus sein widerliches Haupt erhob, um Umschau zu halten, ob seine Zeit gekommen, ob die Früchte für ihn reif seien. Und was er fand, machte sein Herz vor Freude beben. Da?- deutsche Volk stöhnte unter dem Drucke unerschwinglicher Abgaben. Ja unbegreiflicher Kurzsichtigkeit schob man einer Ueberproduktiou die ganze Schuld an allem Elend in die Schuhe. So fand der Antisemitismus das deutsche Volk. Und er, der damit seine Zeit für gekommen erachtete, was that er, dem Uebel zu steuern, seinen Ursachen auf den Grund zu gehen? Machte er positive Reformvorschläge? Setzteer alle seine Kraft, sein Denken an die Aufgabe, die wirthschaftlichen Uebelstände zu untersuchen, sie bis in ihre Wurzel hinein zu verfolgen und bloszulegen, dadurch die Heilung zu ermöglichen? Nein, nicht einmal den Versuch machte er, aber dafür erfand er die Judenhetze, er schrie sein Hepp, hepp, Hurah! und „der Jude, das ist der Feind", damit eine Brandfackel in die Massen schleudernd, die bei dem geringen Bildungsgrade und dem Mangel an logischer Denkart so Vieler zu der blutrothen Flamme der Verheerung und Vernichtung aufzuschlagen vermag. Wie sie bereits gezündet, das zeigt ja so manches Beispiel, das zeigt auch der Mord in Friemersdorf. Es war im Juli des vorigen Jahres, als sich anläßlich des Buschhoff-Prozcsses namentlich in den unteren Schichten der niederrheinischen Bevölkerung eine Gährung breit machte, die in den Krawallen im Kreise Grevenbroich ihren bezeichnenden Ausdruck fand. Allerorten wurde gegen die Juden gehetzt und zu Felde gezogen, alle möglichen Schandthaten wurden ihnen angedichtet. Man demolirte ihre Häuser, legte ExplosionSkorper vor ihre Wohnungen und setzte ihre Heuschober in Brand. Von der Zeit an datirt auch der

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