Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 34 (1893)
- Issue
- Heft 81 (12.10.1893)
- Date
- 1893-10-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448315-2448390--37229-2485284- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1527 und vieler geladenen Gäste die Einweihung derselben in feierlicher Weise. Um 4 Uhr Nachmittags wurden die Thorarollen, von den HH. Distriktsrabbiner Bamberger, Kantor Wetzler, Kultusvorstand Ab. Hamburger und Leop. Sternhetmer aus dem israelitischen Gemeindezimmer abgeholt und in Begleitung der Mitglieder der Kultusverwaltung und der übrigen Gemeinde nach dem neuen Gotteshause getragen. Vor demHauptportaleangelangt,sprachHerrDistriktsrabbiner Bamberger „kis'ehu 8eh6orim" (Oeffnet die Thore) und „86h haschaar“ (Dies ist das Thor), worauf die Eingangsthüre sich öffnete und die mit kostbaren „Mäntelchen" umkleideten Rollen in den Raum vor dem Vorhang mit der hl. Lade gebracht wurden. Dort sang der Kantor Herr Wetzler mit einem gut eingeschulten Chor von Männern und Knaben das „Boruch habo“ (Gesegnet, der da kommt) und „Na taubu" (Wie schön sind Deine Zelte) in mustergtltiger Weise, und es muß konstatirt werden, daß die Klangwirkung der tadellos vorgetragenen, an dem Gewölbe der großen Kuppel leise wiederhallenden Lieder eine vorzügliche war. Unter dem Absingen des „jehallalu“ wurde hieraus der Vorhang in die Höhe gezogen und der Rabbiner, Kantor und Kultusdiener hoben die Thorarollen in die hl. Lade ein. Dann senkte sich der Vorhang wieder vor dem Heiltgthum und der feierlichste Moment der Einweihungs-Ceremonie war damit vorüber. Nachdem noch Kantor und Rabbiner den 80., 100. und 150. Psalm recttirt hatten, hielt Herr Rabbiner Bamberger die Festpredigt. „Gelobt seiest Du, Ewiger, Gott Israels unseres Vaters von Ewigkeit zu Ewigkeit! (Chron. 1. 29. 10). — Und nun, mein Gott mögen doch Deine Blicke gewendet. Dein Vernehmen gerichtet sein aus das von dieser Stätte zu Dir aufsteigende Gebet!" (Chron. 2 6. 40) begann der Redner und flehte, anknüpfend an diesen Schrifttcxt, Gottes reichsten Segen auf das neue Haus herab, das seinem hl. Dienste geweiht, die Stätte bilden soll, an welcher die Andächtigen ganz besonders das Bewußtsein Seiner himmlischen Allgegenwart beseelen, beleben, vercdlen und erheben möge. Preis, Benedeiung und Dank sei dem Ewigen, dessen Huld und Gnade dem heutigen hochwichtigen Moment herbeiführten! Er weihe und heilige auch unser Inneres, erleuchte unsere Augen und Herzen, und stärke unsere Entschlüsse, damit wir Kraft erhalten und niemals in seinem hl. Dienste ermüden! An dieses erste Gebet zum Allvater im neugeweihten Tempel reihte der Prediger das Prophetenwort Jesajas 66,1: „Also spricht der Ewige: Der Himmel ist Mein Thron und die Erde Meiner Füße Schemel. Was für ein Haus, das ihr Mir erbauen wollt? Was für eine Stätte, die Mir zur Ruhe dienen soll?" und leitete von derselben über zu dem Texte, welchen er zu seiner Festrede zum eigentlichen Grunde legte, nämlich auf die Stelle des 15. Psalms, worin es heißt: „Wer weilet in Deinem Zelte, wer wohnet auf Deinem hl. Berge? Der da wandelt in Aufrichtigkeit, wirket in Gerechtigkeit, und Wahrheit in seinem Herzen führet." Wer also würdig im Gotteshause sich aufhalten will, von dem verlangt das Wort des Psalmisten 1. holech tomim (zu wandeln in Vollkommenheit, im Geiste aufrichtiger Nächstenliebe gegen das Gesammtmenschenthum); 2. po61 zedek (zu üben Gerechtigkeit in aufrichtiger Pflicht- und Glaubenstreue gegen den Allvater); 3. wedower emeth bilwowau sWahrheit zu reden in und aus des Herzen Innerstem!. — Diesen dreifachen Grundgedanken der Aufrichtigkeit. Gerechtigkeit und Wahrheit entwickelte der Prediger in sehr ansprechender und eindringlicher Weise an Hand des Beispiels des Stammvaters Abraham, besten edle Nächstenliebe sich nicht auf die eigenen Stammesgenossen beschränkte, sondern dessen aufrichtige Liebe zum Allvater für ihn die Quelle wurde, aus der seine ebenso aufrichtige Liebe zum Gesummt - Menschenthume floß, eine Liebe, welche in jedem Menschen den Mitbruder erblickt. Wer in aufrichtiger Gottes- und Menschenliebe wandelt, der wird auch Gerechtigkeit üben allenthalben, um in Pflicht- und Glaubenstreue der Aufgabe gerecht zu werden, welche ihm Gott gestellt hat. Diese Aufgabe aber ist niedergelegt in den unvergänglichen ewigen Gesetzen der heiligen Gotteslehre und nur Der ist werth im Zelte Gottes und auf Seinem hl. Berge zu wohnen, wer das Werk erkennt und erfüllt, das Seiner hl. Nähe ihn würdigt und befähigt „und der Wahrheit in und aus dem Herzen führet." Denn die „Wahrheit ist das Siegel Gottes", sagt ein talmudtscher Sinnspruch. Des Menschen dauerndes Heil besteht darin, daß er wahr sei gegen sich selbst und dadurch wahr gegen Gott und wahr gegen seine Mitmenschen. Mit dem Segenswunsche: „Und so sei die Huld des Ewigen, unseres Gottes, über uns, und was wir unternehmen zur Ehre Seines Namens, das befestige und richte Er auf", (Ps. 90, 17) schloß die Festpredigt. Hierauf sprach der Herr Rabbiner noch das Gebet für das Wohl unseres Königs Otto und des Prinzregenten Luitpold, dann des ganzen königlichen Hauses, ferner für den Regierungspräsidenten, die Würdenträger und Beamten der hiesigen Stadt, die Teilnehmer an der Einweihungsfeier und die ganze Einwohnerschaft, und flehte Gott möge Allen reichlichen Segen zeitliches und ewigliches Heil verleihen, auf daß sich in unserer Milte entfallen möge, „ein Geist der Weisheit und Einsicht, ein Geist der Erkenntntß und Gottesfurcht" (Jesaias 11, 2). — Damit hatten die Einwethungsfeterlichkeiten ihr Ende erreicht.